Neuer Blog – neue »andere« Geschichte: »Umgestylt« von Margit Kröll

Unser erstes Thema lautet »Anders« und den Anfang macht Margit Kröll. Ihre Geschichte passt zu unserem Webseiten-Reboot – der Titel lautet »Umgestylt«.

Umgestylt

»Nein, ich will nicht mit!«, sagte ich zum wiederholten Male. Warum wollten mich meine Freundinnen zum Ausgehen überreden?

Luise, Klara und Simone saßen in meinem Zimmer. Sie waren schon bereit zum Ausgehen. Ihre Haare waren aufgestylt und die Gesichter mit Puder und Make-up vollgeschmiert.
Ich saß in meinen Trainingsanzug neben ihnen auf dem Bett.
»Es ist Zeit, dass du einen Freund findest!«, meinte Luise, die doch selbst Single war.

»Erklär mir mal, wie ich bei diesem Lärm jemanden ansprechen soll? Soll denn eine Beziehung schon mit Anschreien beginnen?«, argumentierte ich.

Luise schüttelte den Kopf.
»Du kommst jetzt mit, ob du willst oder nicht!«, befahl Simone. Da gab es noch einen guten Grund, warum ich nicht mitwollte. Weil ich meistens nur Mineralwasser trinke, werde ich angestarrt, als sei ich verrückt. Mir schmeckt Alkohol in jeglicher Form nicht. Bier, Wein, Sekt, Wodka, Schnaps, Cocktails und vieles mehr hatte ich schon probiert, aber nichts war nach meinem Geschmack. Warum sollte ich also etwas trinken, das ich hinunterwürgen musste? Ich zwinge ja auch niemanden, etwas zu essen, was ihm absolut nicht schmeckt. Durch meine seltenen Discobesuche bin ich zudem noch eine miserable Tänzerin und gehe deshalb so gut wie nie auf die Tanzfläche. Deshalb werde ich als »langweilig« bezeichnet, sofern ich es nicht schon durch meine Nüchternheit werde. Durch die laute Musik verstehe ich kaum, was gesprochen wird und muss ständig nachfragen. Wenn mir das zu lästig wird, rede ich einfach nicht mehr mit. Ich bin also mit Beobachten beschäftigt, und was ich da alles gesehen habe, gefällt mir gar nicht. Da gibt es immer so viele alkoholisierte Personen, die es kaum schaffen, sich aufrecht zu halten. Nach der Disco spüre ich erst, wie laut es drinnen war, denn die Ohren rauschen stundenlang. Meine Kleidung riecht nach Rauch und Alkohol, dabei frage ich mich jedes Mal: Wozu bin ich duschen gegangen, und wozu habe ich mir schöne Kleidung angezogen?
»Wenn du mitkommst, brauchst du mir gar nichts zum Geburtstag schenken!«, versuchte mich Klara zu überreden. Sollte ich darauf eingehen? Das Richtige für sie war sehr schwer zu finden.

»So kann ich doch nicht mit!«

Ihr Angebot war wirklich verlockend, aber war es das wert?

»Kein Problem, das ändern wir gleich«, freute sich Luise. Schon stürmte sie zu meinem Schrank und riss Kleidung heraus, während Klara mich auf den Stuhl drückte und Simone ihr Make-up aus ihrer Handtasche holte.

Ich hatte keine Chance mehr. Während Simone sich über mein Gesicht hermachte, versuchte sich Klara an meiner Frisur.

»Nein, nein, nein, nein!«, hörte ich Luise laut sagen und wusste genau, dass die Ordnung im Schrank nicht mehr vorhanden war. Nachdem sie meinte, es wäre nichts Passendes dabei, verschwand sie aus meinem Zimmer. Mir wurde inzwischen Lidschatten, Wimperntusche, Rouge und Lippenstift aufgetragen. Mein Gesicht fühlte sich verklebt an. Es kam mir vor, als wäre ich ein Clown. Was mit meinen Haaren passierte, wollte ich gar nicht wissen. Ich schloss einfach die Augen und ließ alles über mich ergehen. Ich fühlte mich sehr unwohl. Ging es da jedem gleich, der sich stylte? Oder vielleicht war ich nur anders als alle anderen. Warum mochte ich das nicht, was für andere normal war?

Luise kam außer Atem ins Zimmer gestürmt. In der Hand hielt sie ein paar ihrer eigenen Kleidungsstücke. Ich wusste schon im Vorhinein, dass ich mich darin genauso unwohl fühlen würde wie mit Schminke und neuer Frisur. Für ein paar Stunden würde ich es schon aushalten, redete ich mir ein. Luise hatte mir sogar einen Push-up-BH mitgenommen.

»Nun schau nicht so, das macht doch jeder«, meinte Klara.

»Zieh das Kleid an!«, drängelte Luise.
Ein schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt, die Länge viel zu kurz, trug ich jetzt. Meine Freundinnen pfiffen auf den Fingern. Nachdem ich auch die Seidenstrumpfhose und die Stöckelschuhe angezogen hatte, waren sie sprachlos.

»Du musst dich im Spiegel anschauen«, brach Simone das Schweigen.

Langsam wagte ich mich ins Badezimmer. Stöckelschuhe war ich nicht gewohnt, deshalb fiel mir das Gehen schwer. Ich stand mit verschlossenen Augen vor dem Spiegel.

»Na los, mach doch die Augen auf!«, befahl Klara.

Langsam öffnete ich sie, aber mir blickte kein Spiegelbild entgegen. Es stand eine fremde Person vor mir. Das konnte doch nicht ich sein? Eine hübsche Person sah mir in die Augen, wenn auch sofort zu erkennen war, wie unwohl sie sich fühlte.

»Lächle doch ein bisschen«, meinte Luise, doch auf Kommando ging das nicht.

»Weißt du noch, als wir den witzigen Film im Kino gesehen haben…«, begann Simone zu erzählen. Schon breitete sich im Gesicht der fremden Person ein Lächeln aus. Es sah gut aus.

Obwohl ich mich immer noch unwohl und ungewohnt fühlte, war ich tatsächlich bereit auszugehen. An die Stöckelschuhe musste ich mich erst gewöhnen. Auch wenn Luise mit dem Auto da war, erklärte ich mich bereit zu fahren. Als Fahrerin keinen Alkohol trinken zu dürfen war schließlich leichter zu verstehen als aus geschmacklichen Gründen.

 

Das Autofahren fiel mir sehr schwer. Ich wünschte mir meine bequemen Sportschuhe an meine Füße, aber die passten nicht zum Kleid und auch nicht zum Rest von mir.

Schon beim Betreten der Disco war mir die Musik zu laut. Zahlreiche Blicke beobachten mich. Ein bisschen Schminke, neue Frisur und ein Kleid, und schon wurde mir nachgeschaut. Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte, denn es war mir unangenehm.

»Hey, jetzt feiern wir!«, jubelte Klara und zog mich auf die Tanzfläche. Mit den Schuhen war es nicht einfach mich zu bewegen, ohne zu stolpern. Außerdem hatte ich keine Lust zum Tanzen und versuchte zu fliehen. Doch als ich paar Schritte zurück machte, rempelte ich jemanden an.

»Entschuldigung«, murmelte mich, ohne genauer zu schauen. Ich wollte nur runter von der Tanzfläche.

»Du brauchst dich doch nicht entschuldigen!«, meinte der junge Mann und musterte mich von oben bis unten, dabei lächelte er. War er schon betrunken, oder starrte er mich wegen meines Aussehens so an? Ich blickte zu Klara, die mich nur angrinste, als wollte sie damit sagen: »Na los, worauf wartest du noch, sprich ihn an!«

Nein, ich konnte zwar mein Aussehen verändern, aber nicht meine Art. Mich interessierte dieser Typ einfach nicht. Weil er mir den Weg blockierte, versuchte ich es doch mit Tanzen. Es wurde eine andere Musik aufgelegt, die mir viel besser gefiel und schon bewegte ich mich automatisch dazu. Es sah vielleicht nicht besonders gut aus, aber ich hatte Freude, und auf einmal war mir egal, was andere von mir dachten. Ich tanzte einfach weiter. Meine Freundinnen starrten mich ungläubig an. Um nicht geisteskrank auszusehen, beobachte ich andere und machte teilweise die Tanzschritte nach, sofern sie nicht zu schwierig waren. Plötzlich vergaß ich alles um mich herum. Das war nicht ich, sondern jemand anders. Ich fühlte mich auch anders, als sonst. Dass mir meine Füße von den ungewohnten Schuhen schmerzten, verdrängte ich einfach.

»Du kannst tanzen!«, hörte ich Simone hinter mir rufen.
Ich nahm die restlichen Menschen um mich herum gar nicht wahr. Jetzt versuchte ich mich in den Takt einzufühlen und mich zu bewegen. Die Musik gefiel mir, sonst hätte ich wahrscheinlich gar nicht getanzt. Nach wie vor konnte ich Betrunkene wahrnehmen, nur störte es mich nicht mehr, denn ich hatte Spaß.

»Nein, danke«, sagte ich zu einem hübschen Kerl in meinem Alter, als er mir einen Wodka Bull ausgeben wollte, »ich bin heute als Fahrerin eingeteilt.«

»Ach du Arme!«, meinte er dazu.

Und so begann der Spaß erst richtig …

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