Eine weitere andere Geschichte

Die dritte Geschichte zum Thema

Zuhause

kommt von Andreas H. Buchwald.

 

Heimat

Es gab eine Zeit, da wollte ich unbedingt wissen, was dieses Wort bedeutet. Die Leute redeten dies und jenes, doch nichts konnte mich zufrieden stellen, und so habe ich jeden Gedanken daran irgendwann aufgegeben. Mein Leben verlief eher holprig, wild, gefährlich und entbehrungsreich als glatt und schön, doch mit dem, was so viele Menschen ihr „Zuhause“ nennen, hatte das für meine Begriffe nie etwas zu tun.

Meine Eltern, die den großen Krieg noch erlebt hatten, waren aus einer Gegend gekommen, aus der man sie „vertrieben“ hatte, wie sie das nannten. Und ein paar Jahre lang waren sie von Ort zu Ort gezogen, weil man sie nirgends leiden mochte, bis sie sich in einer baufälligen Hütte einnisteten, die am Rand eines klitzekleinen Dorfes stand. Sie bot ihnen nur notdürftigen Wetterschutz, denn bei stärkerem Regen drang das Wasser durch beinahe alle Mauern, aber sie brauchten keinen einzigen Pfennig für die Miete zu berappen, ein Umstand, der ihnen sehr zupass kam, weil ihre finanziellen Mittel damals gegen Null gingen.

Ich war wohl ein Kindchen von drei oder vier Jahren zu jener Zeit, und meinen gelegentlich knurrenden Magen vergaß ich nach dem Sattwerden ebenso schnell wie die Tatsache, dass ich in Kleidungsstücken umherlief, die notdürftig geflickt waren und keinerlei Modeanspruch genügten. Und indem ich unmerklich aufwuchs, bekam mein Vater Arbeit, meine Mutter gute Nachbarinnen und ich mehrere Geschwister. Wir wurden reicher, die Schäden an der Hütte konnten so gut ausgebessert werden, dass das Endergebnis fast schon die Bezeichnung „Haus“ verdiente, und ich begann, mich wenigstens in dem neu gestalteten Wohnzimmer kuschelig zu fühlen. Die Nische aber, in der ich nachts neben einem meiner Brüder schlafen musste, blieb kalt und unbehaglich und bescherte mir gruselige Träume.

Bald ging ich in die Schule und schlug mich dort tapfer, obwohl mir meine Kameraden heftig zusetzten, denn ich trug immer noch schadhafte Hosen und bekam zu Weihnachten nur gebrauchte Bücher geschenkt und keine ferngesteuerten Traktoren. Der Mensch gewöhnt sich irgendwann an alles, und so gelang es auch mir, all die glücklichen und weniger glücklichen Umstände im Bewusstsein ihrer Unabänderlichkeit hinzunehmen. Auf diese Weise begann ich sogar das Dorf, in dem ich lebte, zu mögen.

Dennoch sehnte ich mich nie nach Hause oder schluchzte mich in den Schlaf, wenn ich ein paar Tage fern von meinen Eltern und Geschwistern in einem Ferienlager zubrachte. Viele Kinder quälten sich damit, und die Erwachsenen nannten diese Krankheit „Heimweh“, worüber ich nicht wenig staunte und auch Jahre später noch den Kopf schüttelte. Zu Hause – das war einfach nur Alltag. Dort hätten sie mir tausend Arbeiten aufgehalst, mich nicht in Ruhe lesen lassen. Mir ging es wahrlich besser, wenn ich woanders war.

Im Älterwerden lernte ich zahlreiche Karten- und Maskenspiele und wie wichtig es war, Feinde zu besitzen. Ohne Feinde hätte ich nicht fühlen können, dass ich lebe, hätte mein Dasein keinen Sinn gehabt. Selbst in meinen Büchern kämpften Weiße gegen Indianer, Katholiken gegen Protestanten, Sheriffs gegen Banditen oder Revolutionäre gegen die Bourgeoisie. Manchmal ging es um „Verteidigung der Heimat“, und ich stellte mir vor, dass eine dunkle Armee von Bösewichtern unser kleines Dorf vernichten wollte. Selbstverständlich hätte auch ich mich ihnen entgegengestellt und an der Seite meiner Nachbarn bis zum letzten Blutstropfen gekämpft. Tatsächlich aber hatten einige meiner Schulkameraden nur zwei Banden gebildet, die sich mit Stöcken und Zündplättchenpistolen bekriegten oder versuchten, die jeweiligen Geheimverstecke, die sich in verschiedenen Scheunen befanden, zu entdecken und zu zerstören. Ihnen konnte ich nicht ausweichen; Neutralität hätte mich zum Freiwild für sie alle gemacht, und so fügte ich mich ihren Kriegsspielen und nahm Partei. Dennoch wusste ich immer instinktiv, dass auch die Gegenbande ihre Existenzberechtigung besaß und die unsrige keinen Deut höher auf der Moralskala stand.

Irgendwann aber kam der Tagebau. Es hieß, unter dem Dorf befände sich Braunkohle, der wichtigste Rohstoff unseres Landes, und es gebe keine Alternative. Diesen Schatz mussten sie aus der Erde wühlen. Die Häuser und Menschen störten dabei und sollten verschwinden. Mein Vater wie auch meine Mutter sahen mit einem Schlage abgehärmt und finster aus.

„Nun verlieren wir unsere Heimat zum zweiten Mal“, sagten sie.

Für mich klang das bedrohlich und sehr bitter, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Trotzdem wusste ich inzwischen, dass es überall Häuser gab, in denen man wohnen konnte. Wir würden unsere Möbel, Bücher und Töpfe und all den anderen Klimbim nehmen und in ein anderes Haus an einem anderen Ort schaffen. Das Dorf war beileibe nicht der Nabel der Welt.

Nachdem sechs oder sieben weitere Jahre vergangen waren, existierte es nicht mehr. Es würde auch niemals wieder aufgebaut werden. An seiner Stelle gähnte ein gewaltiges Erdloch, das sich entweder irgendwann mit Wasser, vielleicht aber auch nur mit Müll und Unrat füllen würde. Meine Eltern, die nunmehr am Rande einer großen Stadt wohnten, jammerten fast jeden Tag darüber, dass sie zum zweiten Mal aus ihrer „Heimat“ vertrieben worden wären und sehnten sich ihrem Grab entgegen. Zwei unserer ehemaligen Nachbarn hatten sich sogar erhängt.

Anfangs machte ich mir wenig daraus, hatte bestenfalls ein Schulterzucken für all diese Geschehnisse übrig. Einer geregelten Arbeit ging ich nun nach, hatte geheiratet und war Vater eines Töchterchens, und unsere Mietwohnung enthielt alles, was ich zum Wohlfühlen brauchte. Nach unserem zweiten Kind schafften wir uns obendrein einen Fernseher an, um ein drittes leichter vermeiden zu können, und fanden in den flimmernden Bildern genügend Ablenkung und Trost, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob uns etwas fehlte und ob dieses Etwas vielleicht sogar mit jener merkwürdigen „Heimat“ zusammenhing, für die mir noch keiner eine schlüssige Definition hatte liefern können.

Immerhin begann ich, sehnsuchtsvoll an jenes Dorf zu denken, sobald ich mich mit meiner Frau gestritten oder schlecht geschlafen hatte. Und ganz besonders während meiner Armeezeit. Aber ich wusste sehr gut, dass dieses Kapitel meines Lebens ein für allemal abgeschlossen war.

Nach einigen weiteren Jahren überschlugen sich die Ereignisse und aus unserem lange getrennten Land wurde wieder ein einziges. Die Menschen hatten Freudentränen in ihren Augen und umarmten ein-ander. In Festreden sprachen sie von „Heimat“ und dass zusammenwachsen müsse, was zusammen gehöre. Ich blieb vorsichtig, denn mir war unklar, was sie meinten. Weder hatte noch kannte ich eine Heimat, sondern nur den Unterschied von Alltag und Abenteuer.

Und als ich dann unversehens meine Arbeit verlor, wählte ich das letztere und begann, das zu tun, wovon ich ein Leben lang geträumt hatte. Darüber verlor ich Familie, Haus und Geld, nährte mich von Zufällen und der Hilfe barmherziger Zeitgenossen, zog umher wie ein Zigeuner und bildete mir manchmal ein, dass plötzlich die ganze Welt mein Feind geworden sei. Ich verfluchte sie von Herzen und gab ihr die Schuld daran, dass ich keine Heimat hatte, und dabei wusste ich nicht einmal, was eine solche bedeutet hätte.

Nun heißt es, es gebe Schutzengel und zahlreiche gute Geister, und ich muss gestehen, dass auch ich an derartige Wesen zu glauben begann, denn immer, wenn ich nicht weiter wusste, begegnete mir eines von ihnen. Nur so kann ich mir erklären, dass die Freude zu mir zurückkehrte und all meine Vorhaben segnete, dass mir die Liebe meines neuen Lebens begegnete und mich in eine Gegend verschlug, deren Schönheit mir vom ersten Augenblick an den Atem raubte.

Wiederum geschahen seltsame Dinge. Da in der Welt nicht weniger, sondern mehr Kriege tobten, kamen Menschen von weither, um sich in unserem Land niederzulassen. In den Straßenschluchten der Städte erklangen andere Sprachen, unter schlampig übergeworfener Kleidung steckten andere Hautfarben und hinter Häuserwänden wurden fremdartige Bräuche gepflegt. Dunkle Augen wandten sich ab, wenn man ihnen begegnete, und verbargen Trauer, Zorn und geheime Wünsche. Am Anfang regte sich niemand darüber auf, doch als mit einem Schlag immer mehr Einwanderer kamen und sich ihr Zustrom zu einer Flutwelle steigerte, entflammten wilde Streitereien darüber, ob man ihnen weiterhin Zuflucht gewähren sollte oder sich vor ihnen schützen müsse. Immerhin sei ihnen nichts Anderes übrig geblieben als ihre Heimat zu verlassen, da dort täglich Bomben fielen. Flüchtlinge seien sie wie einst meine Eltern, und wir alle hätten die Aufgabe, ihnen zu helfen.

Ich konnte zu dem allen nicht viel sagen. Zu dem, was meine Eltern mir berichtet hatten, entdeckte ich kaum Ähnliches. Und selbst, hatte ich jemals eine Heimat gehabt, ein Zuhause? Hatte ich etwa jetzt eines, nur weil es mir gefiel, an einem Ort zu wohnen, dessen Schönheit mich noch immer täglich überwältigte? Und wäre jenes verschwundene Dorf einst Heimat gewesen, so hätte ich sie – ohne Krieg und Bomben – für immer und ewig verloren und könnte nie mehr dorthin zurück. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die die ursprünglichen Plätze ihrer Kindheit aufsuchen konnten, sobald sie wollten, obwohl sie lieber davon Abstand nahmen.

Kann ein Land eine Heimat sein? Für manche vielleicht. Ich liebe eher die Sprache, die vertrauten Worte, jene, die Mutter benutzte, die mich lehrte, sie auszusprechen. Und weil ich das nie verhehlte, setzte man mich ein, um dieselben Worte den Neuankömmlingen beizubringen, den Menschen, die sie verdrehten, verfärbten, entstellten und so haarsträubend betonten, dass man sie kaum noch wiedererkennen konnte.

Sie kamen aus den verschiedensten Ländern. Manche von ihnen konnten weder schreiben noch lesen. Sie erhofften sich schier Unmögliches oder nur ein friedliches Leben. Und ich konnte nicht umhin, sie zu mögen.

Vielleicht gelang es mir, ihnen etwas beizubringen. Oftmals aber war es so, dass ich selbst von ihnen lernte.

Mit Händen, Füßen, Augen, ja dem ganzen Körper sprachen wir miteinander. Wer dann schnelle Fortschritte machte und im Handumdrehen so weit war, dass er sich mit mir nahezu fließend über alle erdenklichen Umstände unterhalten konnte, bescherte mir neue Erkenntnisse, Staunen, Schrecken und Kopfschütteln. Und unvoreingenommene Freundschaft.

„Wie war denn deine Flucht?“, wagte ich es nach Wochen endlich, Imad zu fragen, einen heiteren Computerspieler aus Damaskus.

Mit unterdrückter Stimme und nachdem er sich vorsichtig nach Mithörern umgesehen hatte, antwortete er: „Ein Picknick. Ohne Frau und Kinder ist leicht so was.“

Also kein Drama, keine Katastrophe? Mein Weltbild, das ohnehin noch nie gefestigt war und sich noch immer teilweise aus den Berichten des Fernsehens nährte, wankte von neuem.

„Bei uns sagen sie alle: Geh nach Deutschland!“, klärte mich Imad auf, ohne dass ich hätte in ihn dringen müssen. „Ist das Beste so, gibt dort Arbeit, gibt Geld, kannst bald kaufen Auto. Unser Land kaputt, keine Chance, verstehst du? Wir gehen, alle gehen, wer kann. Brauchst du kleines Geld und musst sein gesund, dann kann gehen.“

„Aber bist du nicht Muslim?“, hakte ich nach. „Hättest du nicht besser nach Saudi-Arabien gehen können, auch ein reiches Land, aber eines, in dem sie deine Sprache sprechen und deine Religion leben? Und sehr nahe an Syrien, sodass du nicht weit weg wärst von deiner Heimat.“

Er lächelte so, dass ich mich wie ein dummes Kind fühlte.

„Arabien ist zu“, beschrieb er achselzuckend. „Lassen keinen rein da. Wollen niemand aus Syrien. Europa ist offen und besser. Ja, ich bin Muslim, aber du siehst, was sie tun. Mit ihre Brüder. Sie wollen sie nicht.“

Er machte eine Pause und sah sich um. Seinen Kopf in Richtung meines Ohres schiebend, noch leiser, fuhr er fort: „Ich will nicht so wie die. Will keinen Ramadan, will nicht, dass Frau Angst hat vor mir, will nicht den ganzen Tag immer nur beten. Will gute Arbeit, will Spaß, will leben wie Deutsche.“

„Und deine Heimat?“

„Deutschland meine Heimat“, sagte er, und es klang fast triumphierend.

„Ich weiß nicht mal, ob es meine ist“, rutschte es aus mir raus, und ich sah, wie er stutzte und sich fragte, ob er es richtig verstanden habe.

Viele, viele Geschichten bekam ich zu hören. Kaum eine davon stimmte mit dem überein, was ich über das Fernsehen oder aus der Zeitung erfuhr, von Journalisten, die die Dinge wahrscheinlich von einem Elfenbeinturm aus betrachteten und sie auf bestürzende Weise tiefschwarz oder strahlendweiß anstrichen.

Imad hingegen wurde zu einem Freund, wie ich kaum einen je gehabt hatte, obwohl er deutlich jünger war und ich glaubte, es wäre besser, wenn er von mir ein wenig Lebenserfahrung annehmen würde statt umgekehrt.

„Am Sonntag ist Wahl bei euch“, sagte er eines Tages zu mir und lachte, als ich zusammenzuckte. „Welche Partei wirst du wählen?“

„Am liebsten gar keine“, antwortete ich betreten. „Oder eine von den ganz kleinen, da kann man nichts falsch machen.“

„Warum du nicht wählst AEffDee?“, setzte er sein halb ernstes, halb amüsiertes Verhör fort. „Warum?“

„Da würden sie mich hier rauswerfen, wenn sie es erfahren“, erwiderte ich ausweichend. „Außerdem glaube ich wirklich nicht, dass gerade diese Quertreiber alles besser machen. Politiker halten sowieso nie, was sie versprechen …“

„Bist du mein Freund?“, drang er in mich. „Bist du das?“

„Was hat das damit zu tun?“

„Wenn du mein Freund bist, wählst du AEffDee“, erklärte er bestimmt und beinahe streng.

Ich verstand die Welt nicht mehr.

„Wieso? Die sind doch gegen euch, oder etwa nicht?“

Da senkte er die Stimme von neuem.

„Sie sind die einzigen, die nicht mögen Islam“, flüsterte er. „Ich bin weggegangen auch wegen Religion. Islam wird alle töten, das macht Islam auch in Syrien. Und bald Deutschland, du wirst sehen. Ich mag nicht Islam, und ich kann nicht wählen, aber wenn du bist mein Freund …“

„Du verstehst nicht alles“, widersprach ich. „Es ist nicht so, wie du denkst …“

„Ist nicht so, wie du denkst“, beharrte er. „Wähl’ AEffDee, bitte! Für mich!“

Was bildete er sich ein zu wissen? Hatte er das Parteienangebot gründlich studiert, oder sprachen sich gewisse Dinge unter seinesgleichen herum?

Natürlich gehorchte ich ihm nicht und machte am folgenden Sonntag mein Kreuzchen bei einer „Anderen“. Glücklicherweise fragte er mich später nicht noch einmal danach, und ich muss zugeben, dass ich tatsächlich davor Angst hatte.

Bald aber geschah etwas, das mich noch weit mehr verstörte.

Ich schlief schon, als Imad eines Abends an meiner Wohnungstür Sturm klingelte.

„Was ist los?“, fuhr ich ihn ein wenig aufgebracht an. „Weißt du, wie spät es ist?“

„Viertel nach elf“, erwiderte er, und ich merkte, wie er sich zur Ruhe zwang. „Aber du mein Freund, du mir helfen, bitte!“

„Was brauchst du, was ist passiert?“

„Muss schlafen woanders, vielleicht bei dir“, stieß er gepresst hervor. „Sie haben mich gedroht, wollen töten, ich weiß nicht …“

„Was, wie, wer?“

Allmählich verstand ich, weshalb er gekommen war. In dem Heim, in dem er ein Zimmer mit fünf anderen Syrern teilen musste, waren seine Landsleute über ihn hergefallen, weil sie gemerkt hatten, dass er nie betete. Da er saftig zurückschlagen konnte, mieden sie jeglichen Faustkampf, aber zwei von ihnen hatten sich inzwischen Messer besorgt und damit gedroht, ihn zu erstechen. Abgesehen davon, dass sie sein Bett vorerst unbrauchbar gemacht hatten.

„Sie haben gepisst und geschissen darauf, verstehst du?“, hielt er mir zornig vor. „Ich bin Kuffar für die. Sie wissen, dass ich nicht beten.“

Seufzend stand ich eine Weile da und überlegte. Dann bat ich ihn zu uns herein, und wir besprachen die Angelegenheit gemeinsam mit meiner Liebsten. Am Ende bettete sich Imad auf unsere Wohnzimmercouch und strahlte uns beide dankbar an.

„Du wirklich Freund, ich wusste schon!“

„Du hast eben keine Heimat, genau wie ich selber“, antwortete ich nachdenklich. „Deutschland ist kompliziert, vielleicht hast du dich getäuscht.“

„Ihr seid nur …“ – er zögerte ein wenig – „… dumm.
Nicht alle, nicht du, aber viele. Ich auch dumm, weil denken, Deutschland besser.“

„Ich kann nicht alles so tun, wie du es dir vorstellst“, sagte ich. „Aber ich ahne, wie es in dir aussieht. Du gehörst nirgends hin, hast eigentlich kein Zuhause, keine Heimat, und mir geht es genau so.“

„Deine Wohnung schön“, erwiderte er. „Keine Heimat?“

„Weiß nicht. Du kannst jederzeit nach Damaskus zurück, wo du als Kind schon lebtest. Ich aber kann niemals mehr an meinen Kindheitsort zurück. Es gibt ihn nicht mehr.“

„Ich gehe nicht zurück nach Damaskus.“ Er seufzte. „Sie sprechen arabisch da, aber ich gehe nicht. Sprache von Heimat ist hier.“

Bei diesen Worten legte er seine rechte Hand auf seine Herzgegend.

„Aber …“, wollte ich einwenden, doch er unterbrach mich.

„Du sprichst Sprache von Heimat“, stellte er zufrieden fest. „Sprache von hier.“

Wiederum klopfte er auf seine Brust.

Und ich saß da und sah in die Augen meiner Liebsten und konnte nicht länger gegen meine Tränen kämpfen.

Imad hatte recht.

Ich war angekommen.

In meinem Zuhause.

 

 

Über dem Autor:

Was die Schriftstellerei betrifft, so bin ich ein reiner Autodidakt.  1957 als Sohn eines Rinderzüchters geboren und in einem der für die Braunkohle abgebaggerten Dörfer im Südraum Leipzigs aufgewachsen, las ich für mein Leben gern und schrieb im Deutschunterricht der Schule Aufsätze, die meine Lehrerin sammelte. In der Befürchtung, in der sozialistischen DDR nicht schreiben zu dürfen, was ich hätte schreiben wollen, verzichtete ich indessen auf eine konsequent literaturbestimmte Laufbahn, sondern näherte mich dem Buch auf Umwegen, indem ich eine Schriftsetzer-Lehre absolvierte und viele Jahre lang in diesem Beruf arbeitete. Erst die Arbeitslosigkeit, die mich im Jahr 2000 ereilte, brachte mich dazu, endlich mit dem Schreiben zu beginnen, obwohl ich meinen Lebensunterhalt nur zu oft mit Zusatz- oder Nebentätigkeiten bestreiten musste. So entstand zwischen August 2000 und April 2002 der erste Roman der Trilogie Die Kohle ist es nicht allein…  (nach Herausgabe des vierten Zyklus-Romans in Die Kohle Saga umbenannt) unter dem Titel Stiefel Stuben Stoppelfelder. Dieses und die darauf folgenden Werke wurden zunächst im Leipziger Engelsdorfer Verlag veröffentlicht. Da ich jedoch insgesamt die Erfahrung machte, dass es für Quereinsteiger nicht leicht ist, die konventionellen Wege der etablierten Literaturszene zu beschreiten, begab ich mich auf einen außerordentlich abenteuerlichen Weg, der mir nicht nur unzählige unterschiedliche Erfahrungen in fast allen Lebensbereichen bescherte, sondern mindestens ebenso viele Inspirationen für neue Romane und Erzählungen. Im Laufe weniger Jahre schrieb ich sämtliche derzeit vorliegenden Werke nieder, die ich seit 2010 in dem kleinen AndreBuchVerlag Stück für Stück veröffentliche, tatkräftig unterstützt von einem wachsenden Netzwerk von Freunden und begeisterten Lesern.

Seit 2015 wohne ich gemeinsam mit meiner Partnerin in Greith, Gemeinde Halblech, im Ostallgäu.

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Zuhause

Von Tabea Petersen stammt:
Wege der Erinnerung

Tabea

Es schlängelt sich das Schienenband
durch Wälder, felszerklüftet Land
zum Tale meiner Kindheit hin.
Und wacker schnauft die kleine Bahn:
„Ich schaff‘ es noch, ich komme an!“
Dampfwolkengrüße gen Himmel ziehn.

Auch die Wege schlängeln sich,
Pflastersteine begrüßen mich,
erkennen den vertrauten Tritt.
Langsam geh ich durch die Straßen,
mir ist, als hört ich in den Gassen
Echos von eifrigem Kinderschritt.

Die Häuser in der kleinen Stadt,
die lang auf mich gewartet hat,
öffnen mir ihre Fensteraugen,
nicken mir beim Vorbeigehn zu
und murmeln leis:
„Willkommen, du
sollst wieder in unsere Stuben schauen.“

Das eine Haus, ich seh’s von Weitem,
es grüßt mich wie in alten Zeiten.
Ob ich wohl noch den Schlüssel find?
Der Flur im kühlen Dämmerlicht,
das mich umfängt, ich fürcht es nicht.
Ich trete ein, bin wieder Kind.

Und spüre wie in jener Zeit
den Herzschlag der Geborgenheit,
vertraut ist jeder Winkel mir.
Ein jedes Ding an seinem Ort,
nur ich allein war lange fort
und ließ doch meine Seele hier.

Manches Geheimnis, Schmerz und Freuden
ist hier, geschützt vorm Lauf der Zeiten,
mir aufbewahrt in stummen Dingen,
die nun mein Finger ausgestreckt
aus ihrem Schlummer sanft erweckt,
Erinnerungen sie mir bringen.

So teilen wir die Dämmerstunde
in einvernehmlich stillem Bunde,
denn leer steht längst das alte Haus.
Und die es einst mit fleiß’gem Streben
zu einem Heim gemacht voll Leben,
für sie blieb ich zu lange aus.

Drum kann ich nur als letzten Gruß
mit einer Träne, einem Kuss
Blumen dem steinernen Engel schenken,
der mir als Kind so manche Nacht
vorm Zimmerfenster Trost gebracht.
Nun wacht er über ihr Andenken.

Bald kehr zum Alltag ich zurück,
bewahre Schmerz, Sehnsucht und Glück
im Herzen tief für stille Stunden,
wenn fern von Eile und Betrieb
ich meiner Heimat, die mir lieb,
in Gedanken bin verbunden.

 

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Unser neues Thema lautet

Zuhause

Unsere erste Geschichte kommt von Margit Kröll.

margitSchule schwänzen

„Ich will nicht in die Schule. Die ist langweilig“, jammerte Simon wieder einmal vor sich hin. Er ging in die zweite Klasse und hasste es, immer pünktlich aufstehen zu müssen. Kaum war er in der Schule, musste er brav auf dem Stuhl sitzen bleiben und zuhören, was der Lehrer erzählte. Dabei brauchte er Bewegung.
Nach ein paar Minuten fing er schon an zu zappeln. Das gefiel dem Lehrer gar nicht und er wurde ständig ermahnt. Was sollte er denn manchen? Auf den harten Holzstühlen konnte niemand ruhig sitzen. Nach einem Jahr Schule hatte der Junge schon genug davon. Wie sollte er denn bloß die nächsten Jahre überstehen?
„Ich will jetzt schon erwachsen sein, dann brauche ich nicht mehr zur Schule zu gehen“, war seine neueste Ausrede.
„Mach deine Hausaufgaben und jammere nicht ständig“, war die Reaktion seiner Mutter. Dabei wurde er nur noch zorniger. Wer hatte bloß die Schule erfunden? Simon wollte doch lieber in der Natur oder mit Lego spielen, Rad fahren und alles andere machen, nur nicht an einen Stuhl gefesselt sein. Nun saß er vor seiner Hausaufgabe und musste schon wieder mindestens eine Stunde ruhig sitzen, um schön schreiben zu können. Neidisch schaute er auf seinen kleinen Bruder. Toni war gerade ein Jahr alt und konnte machen, was er wollte. Er brauchte nicht ruhig zu sitzen, sondern war gerade in der Phase, laufen zu lernen.
„Du hast es gut, du brauchst nicht stundenlang auf einem Stuhl zu sitzen“, murmelte Simon vor sich hin.
Am nächsten Tag beschloss er, anstatt zur Schule, woanders hinzugehen. Viel würde er nicht versäumen, da er seinem Lehrer sowieso kaum zuhörte.
Wie immer winkte er seiner Mutter zu, wenn er das Haus verließ. Er wartete genauso auf seinen Freund Max und marschierte mit ihm zur Bushaltestelle.
Er stieg auch in den Bus ein. Doch bevor sich die Türen schließen konnten, huschte er wieder raus. Zum Glück hatte es der Busfahrer nicht bemerkt, und so konnte er sich problemlos hinter einer Hecke verstecken und warten, bis der Bus weg war. Nicht mal Max fiel auf, dass sein Freund fehlte. Simon hatte ihm einfach erzählt, er wolle heute neben Konrad sitzen, denn er hätte mit ihm etwas zu besprechen. Erst als der Bus weit genug weg war, verließ er sein Versteck. Da er seine Schultasche nicht brauchte, ließ er sie hinter der Hecke liegen.
Nun eilte er zum Spielplatz. Da alle Kinder in der Schule waren, war er ganz allein. Das störte ihn nicht im Geringsten. So hatte er alles für sich allein. Er
genoss es, in der Natur zu sein. Gerade als er am Klettergerüst ganz oben ankommen war, erschreckte ihn eine Frau.
„Müsstet du nicht in der Schule sein?“, fragte sie ihn vorwurfsvoll.
„Nein! Heute bin ich erwachsen und da brauche ich nicht mehr zur Schule“, antwortete er ihr. Alles weitere, was die Dame sagte, ignorierte er. Er flüchtete vor seinem Lehrer, wieso sollte er dann jemand anderem beim Reden zuhören. Auf einmal fühlte sich Simon irgendwie seltsam. Als er nach unten blickte, sah er die Dame grinsen. Sie streute eine Art Pulver nach ihm. War sie denn eine Hexe? Simon machte die Augen zu. Er wollte nichts von dem Pulver in die Augen bekommen. Vorsichtig versuchte er nach unten zu klettern. Das ging rascher, als er gedacht hatte. Das Hinaufsteigen war viel mühsamer gewesen. Es war so, als ob die Sprossen auf einmal einen geringeren Abstand hätten als vorher. Er musste sich kaum noch strecken.
Als er den Boden berührte, machte er die Augen wieder auf. Die Frau war verschwunden. Hatte er sich das alles nur eingebildet? Vielleicht war es besser, wenn er in die Schule ging, dachte er und machte sich auf den Weg.
Scheinbar hatte er doch etwas von dem Pulver abbekommen. Alles war verschwommen, und so sah die Straße anders aus als sonst. Er musste husten, als ob er Rauch eingeatmet hätte.
Endlich konnte er wieder klar sehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass gar keine Autos auf der Straße fuhren. Er wollte seine Schultasche holen, doch sie war nicht mehr hinter der Hecke. Die Schultasche hatte ihm einfach jemand gestohlen, und die Hecke schien ihm auf einmal viel kleiner und ungepflegter zu sein. Das kam wahrscheinlich von diesem Pulver, das er in die Augen bekommen hatte. Nun wollte er doch zur Schule, aber auf keinen Fall zu Fuß.
Das wäre ihm viel zu anstrengend gewesen. Er beschloss also, seiner Mutter zu sagen, er habe den Bus verpasst. Das war ihm schließlich schon einmal passiert, obwohl er pünktlich an der Bushaltestelle gewesen war. Er machte sich auf den Nachhauseweg. Das Pulver in den Augen tat ihm nicht gut.
Seine Augen spielten ihm einen Streich. Alles wirkte verändert. Er hätte nicht einmal sein Haus erkannt. Es sah auf einmal alt und halb eingestürzt aus. Als er hineinging, erblickte er seine Mutter, doch sie erschien ihm viel älter. Sie erklärte gerade einem etwa elfjährigen Jungen etwas über Erdkunde. Seit wann gab seine Mutter Nachhilfeunterricht? Das hatte sie ihm nie erzählt. Und wo war Toni? Wo waren die ganzen Spielsachen? Wo war Tonis Spielecke?
„Was ist los?“, fragte der fremde Junge Simon.
„Nicht ablenken lassen, Toni! Wir machen mit dem Unterrichtsstoff weiter“, mahnte seine Mutter. Hatte sie denn gerade Toni zu dem Jungen gesagt?
Simon ging in sein Zimmer, doch das war vollkommen verändert. Die Tür hing schief, alle Spielsachen waren weg, die Fenster waren zerbrochen, die Vorhänge zerrissen. Außerdem stand ein zweites Bett drinnen. Schnell eilte er in die anderen Zimmer. Das Elternzimmer sah genauso verwüstet aus.
Tonis Zimmer war ganz zerstört und unbewohnbar. Schnell lief er hinunter und frage seine Mutter: „Was ist hier los?“
„Ach Simon, ich muss es dir wohl jeden Tag neu erklären: Seit dem Krieg hat sich hier alles verändert. Als eine Bombe in der Nähe hochging, wurde unser Haus stark beschädigt. Dabei ist dir ein Balken auf den Kopf gefallen. Seit dieser Zeit leidest du unter Gedächtnisverlust. Du kannst dich nicht mehr daran erinnern. Du sagst immer, du wärst acht Jahre alt, dabei bist du achtzehn!“
„Du erkennst nicht einmal deinen eigenen Bruder“, klagte der fremde Junge, „ich bin es, Toni.“
„Nein, nein, nein. Das ist unmöglich!“, stöhnte Simon vor sich hin.
„Es ist aber so“, meinte der Junge.
So erfuhr er auch etwas über den Krieg, der drei Jahre zuvor ausgebrochen, aber zum Glück wieder vorbei war. Nur mit der zurückgebliebenen Zerstörung musste nun jeder zurecht kommen. Jeder musste es so hinnehmen, wie es im Augenblick war. Geld hatte niemand mehr, deshalb lebte jeder in Armut.
Häuser konnten nicht mehr renoviert werden. Es gab keinen Strom. Autos konnte sich keiner mehr leisten. Die Schule wurde auch zerstört, deshalb unterrichteten die Erwachsenen ihre Kinder zu Hause…
„Ich will wieder acht Jahre sein!“, wimmerte Simon vor sich hin, „Dort, wo ich zu Hause bin, wo meine Heimat noch in Ordnung ist!“
Er sah auf seine Kleider. Sie waren löchrig, schmutzig und viel zu eng. Als er in den kaputten Spiegel blickte, konnte er sich selbst nicht mehr erkennen.
Sein Gesicht sah so alt aus. War das ein Bart oder nur einige Schmutzflecken auf dem Spiegel? So genau konnte er es nicht auseinanderhalten. Eines wusste er aber mit Sicherheit: Hier konnte er es nicht länger aushalten. Alles war fremd, und er fühlte sich überhaupt nicht wohl. Solche Bilder kannte er nur aus dem Fernsehen. Was hatte denn einen Krieg ausgelöst? Das hätte er gerne gewusst, aber er bekam keine Antwort darauf.
„Vorsichtig“, rief jemand laut.
Simon hatte die Augen geschlossen und öffnete sie jetzt. Beinahe wäre er hinuntergestürzt. Er befand sich auf dem Klettergerüst, auf das er zehn Jahre zuvor geklettert war. Wenigstens war das noch heil.
„Manchmal bläst der Wind so stark, dass er den Sand bis ganz nach oben aufwirbelt“, erklärte eine Frauenstimme.
Langsam stieg er hinunter und erkannte die Dame wieder. Hatte sie ihn in diese furchtbare Zeit verbannt?
„Ich will sofort wieder ein Schulkind sein!“, rief er wütend.
„Dann solltest du wieder in die Schule gehen, anstatt zu schwänzen“, war ihre Reaktion darauf.
In die Schule zurück, war sie nicht zerstört? Schnell rannte er zur Bushaltestelle und fand auch seine Schultasche wieder. Seltsam, es fuhren Autos. Ein Bus hielt an. Rasch stieg Simon ein und direkt vor der Schule wieder aus. Ja, die Schule war noch da und alles andere auch. Hatte ihn die alte Dame in diese furchtbare Zukunft versetzt, oder war alles nur ein böser Traum…?

 

Über die Autorin:

Margit Kröll wurde am 19.11.1983 in Schwaz geboren. Sie schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr aus und hat bis jetzt 14 Bücher geschrieben (Bauernhofgeschichten, sowie Krimis und Romane für Kinder) – 4 davon wurden veröffentlicht. Seit 2010 konnte sie zahlreiche Geschichten und Gedichte in diversen Anthologien veröffentlichen. Seit Juni 2007 arbeitet sie als Kinderbetreuerin in einem Kinderhotel.

Sie sagt über sich selbst: „Für mich als Autorin ist es wichtig, Kontakt zu den Lesern zu haben, deshalb plane und organisiere ich Lesungen in Volks- und Mittelschulen, sowie in Büchereien. Seit Oktober 2004 habe ich über 140 Lesungen veranstaltet.“

Margit ist eines der vier Gründungsmitglieder von „Das andere Buch“.