Die andere Buchmesse: Auf zur 2. Runde in Tirol

Die andere Buchmesse Tirol Vol. 2
Das Plakat (Für größere Darstellung bitte anklicken!)

Am 08.08.2015 ist es wieder soweit. Zum 2. Mal heißt es im Kinderhotel Buchau (Buchauerstr. 3, 6212 Maurach a. A.): Es ist Zeit für Literatur, die aus dem Rahmen fällt.

Die Mitglieder von »Das andere Buch« organisieren zum 2. Mal »Die andere Buchmesse Tirol«.

Das Programm steht noch nicht endgültig fest, aber neben der beliebten Zaubershow und dem Kindertheater wird es wieder Lesungen für Jung und Alt geben.

Und neben all den tollen Programmpunkten ist auf jeden Fall wieder genügend Zeit zum Unterhalten und zum Stöbern in den »anderen« Büchern eingeplant.

Wir, die Autoren von »Das andere Buch«, freuen uns auf Euch!

Ein Buch geht mit der Zeit – „Katharina … seit damals ist sie ganz anders geworden!“ im neuen Look.

2005 wurde das Buch von Margit Kröll „Katharina … seit damals ist sie ganz anders geworden!“ veröffentlicht . Jetzt, 10 Jahre später, wurde es neu herausgebracht. In den letzten Jahren hat sich viel getan, deshalb hat die Autorin die Geschichte modernisiert und zum Beispiel die Telefonzelle in ein Handy ausgetauscht. Auch das Schulsystem in Österreich hat sich geändert.
Margit Kröll hat die Neuauflage des Buches selbst in die Hand genommen. So hat sie es nach ihrem Wunsch gestaltet. Die Schrift ist jetzt größer und daher auch für 7-jährige Kinder ansprechender. Außerdem lockern Bilder den Text auf. Diese stammen von der 14 jährigen Schülerin Xenia, deren Talent Margit Kröll entdeckt hat und für das Buch gewinnen konnte.

nähre Infos zum Buch: http://www.familie-kroell.at/margit_neu/seiten/buecher.htm#katharina

covervorne kap15

Fotochallenge: Die Denker

Torsten Low hat die Mitglieder von »Das andere Buch« zu einer Fotochallenge herausgefordert.

Es geht um das Thema »Denker«.

DIGITAL CAMERA

 

Torsten Low stellte sein Bild unter das Motto »Sein oder Nichtsein«.

 

 

DSCI6855Ricardo Friedrich konterte – allerdings sieht es eher aus nach »Mein oder nicht mein«.

 

 

 

IMG_1518Und auch Margit Kröll wollte nicht zurückstehen. Bei ihr war der Gedanke dahinter wohl »Klein oder nicht klein (geschrieben)«.

 

 

 

 

Wir dürfen gespannt sein, was die anderen Mitglieder von »Das andere Buch« dagegen ins Feld führen werden.

Inge Kleinschmidt: Aus dem Damenschuhgeschäft geplaudert

Das andere Gespräch

Die 5. Sendung kommt wieder aus dem niedersächsischen Nordhorn. Dort war Nicole bei der Autorin Inge Kleinschmidt zu Gast, die nicht nur über ihren Roman „Frauenschuh“, sondern auch über ihr außergewöhnliches Leben zwischen Philosophie, Schuhgeschäft und Kooperative erzählt.

Das andere Gespräch – Teil 1
Das andere Gespräch – Teil 2
Das andere Gespräch – Teil 3
Das andere Gespräch – Teil 4

Der andere Steckbrief

kleinschmidt

Meine KollegInnen nennen mich … Inge.

Meine FreundInnen nennen mich … Inge.

Ich bin anders, weil … sich jeder Mensch von allen Menschen der Erde unterscheidet.

Dieses Foto trifft mich gut, weil … es zeigt, wie gern ich arbeite.

Ich bin ein talentierter … Realist.

Beim Lesen brauche ich … absolute Ruhe.

Auf meinem Nachttisch liegt gerade … „Freiheit“ von Jonathan Franzen.

Ein Buch muss für mich … lebensnahes transformieren und unvergesslich sein.

Das Buch, das ich bei einem Brand retten würde, ist … „mein Tagebuch“

Wer keine Bücher liest … verzichtet auf individuell geprägte Sichten auf das Reale.

… und zu guter Letzt: Die andere Frage

Zuletzt war ich bei Christian Jahl, dem langjährigen Leiter der der Wiener Hauptbücherei zu Gast.
Er würde gerne von dir wissen: Soziologie, Literaturwissenschaft, Damenschuhgeschäft – wo erfährt man am meisten über „die Menschen“?

Im Damenschuhgeschäft hört man aus der konkreten Erlebniswelt der Menschen. In der Soziologie erfährt man über soziales Verhalten der Menschen allgemein. In der Literaturwissenschaft hat man die Möglichkeit, sich mit fiktiven Figuren zu beschäftigen, die zwar existent, aber nicht real sind.

Das Interview mit Inge Kleinschmidt führte Nicole Engbers.

Jutta Ehmke: Gemeinsam das Handwerkszeug erlernen

Es gibt so manchen, der etwas Besonderes macht. Etwas, was nicht jeder macht. Diese »anderen« Dinge abseits der »anderen« Bücher sammeln wir in der Kategorie Das »andere« Andere. Auch – oder gerade weil – es nicht direkt etwas mit den Büchern von »Das andere Buch« zu tun haben.

Die etwas »andere« Schreibgruppe

Was macht eine gute Schreibgruppe aus? Infoaustausch und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen? Mitnichten!

Schreiben heißt mit hundert Kugeln jonglieren. Plot und Hook, Perspektive und Metapher – und Vorsicht, gerade ist ein Infoknödel zu Boden gefallen! Stolz deutet der Anfänger auf jene Kugeln, die er schon gekonnt in der Luft halten kann und merkt nicht, dass er knietief in den anderen watet, welche ihm unbemerkt zu Boden gefallen sind. Fatalerweise ist die Mehrzahl der Kugeln für Anfänger nämlich unsichtbar. Fortgeschrittene Autoren beobachten das Treiben schweigend, entmutigen wollen sie den Nachwuchs nicht, und sich selbst halten sie keinesfalls für allwissend. Was aber, wenn sich der arme Anfänger im Kreis dreht, unfähig, den Finger auf die Wunde legen? Oder schlimmer, wenn er keinen angeborenen Fehlerdetektor besitzt und Absage um Absage kassiert, wo ein einmaliger Hinweis „Handwerkszeug erlernen!“ vielleicht genügt hätte, um ihm die Augen zu öffnen?

„Hierzulande fehlt die Mittelklasse“, beklagt Hans-Peter Roentgen in seinem Buch „Schreiben ist nichts für Feiglinge“ und meint damit, dass nur Bestsellerautoren auf der einen und blutige Anfänger auf der anderen Seite wahrgenommen werden. Zehntausend (!) Übungsstunden seien nötig, um vom Anfänger vom Profi zu reifen, ganz gleich, ob man Musiker, Spitzensportler oder eben Schriftsteller werden will. Grob geschätzt sind das fünfzehn Jahre à zwei Stunden Training am Tag (Sonn- und Feiertage inklusive). Einen Trainer zu haben erleichtert die Sache ungemein, denn dieser kann die unsichtbaren Kugeln markieren und sichtbar machen. Doch wo Musiker und Sportler problemlos ihre Lehrer finden, da hat der Schreibnachwuchs ein Problem.

Thrillerautor und Blogger Marcus Johanus hält sogar gute Englischkenntnisse für eine der unterschätzten Eigenschaften, die jeder angehende (deutsche!) Autor mitbringen sollte. Die besten Infos kommen nun einmal aus dem englischsprachigen Raum. In Amerika werden Kenntnisse im narrativen Schreiben schon im Schulunterricht vermittelt, jedes Kind kennt den Unterschied zwischen einem Aufsatz und einer Geschichte oder weiß, dass selbst ein Hemingway die hohe Kunst des Schreibens erlernen musste.

Hierzulande sind Schreibkurse meist teuer oder finden mangels Mindestteilnehmerzahl gar nicht erst statt. Sicher, Wissen kann man sich anlesen und sollte es auch, doch Lehrbücher und Online-Foren sind nicht jedermanns Sache, und das persönliche Miteinander ersetzen sie nicht.

In meiner Ecke der Welt kennt man Schreibgruppen meist nur vom Hörensagen. Also selbst eine gründen? Gut, einverstanden. Aber worauf achten? Was unterscheidet eine gute von einer schlechten Schreibgruppe? Glücklicherweise lässt sich diese Frage leicht beantworten: Gute Gruppen bieten konstruktive Kritik. Ohne Kritik kein Fortschritt, ohne Kritik bleiben die unsichtbaren Kugeln unsichtbar. Ein Klima, in dem ein offenes Wort möglich ist, ist unerlässlich -und auch, dass Anfänger wie Fortgeschrittene auf ihre Kosten kommen. Wir bieten Textanalyse und Grundlagenunterricht, teilen Ideen und Infos und übersetzen sogar Lehrstoff aus dem Englischen. Neben Austausch, Unterricht und Hausaufgabe ist auch eine Spieleinheit fester Bestandteil unserer Treffen geworden. Einfach, weil es Spaß macht, sich hin und wieder in einem Schreib-Quiz zu messen oder neu erschaffene Charaktere im Rollenspiel zu erproben. Da der Unterricht fortlaufend stattfindet, ist ein Neueinstieg jederzeit möglich. Wir handeln frei nach dem Motto: „Jeder, der etwas von uns lernen will, ist unser Schüler, jeder von dem wir etwas lernen können, ist unser Lehrer.“ Garantien gibt es keine, weder auf Vollständigkeit noch auf Perfektion. Dafür ist die Teilnahme kostenlos.

Projekte sind selten, doch hin und wieder packt es uns. So findet am 15. August ein Dichterwettstreit der besonderen Art statt. Das Publikum bewertet die Vortragenden anonym per Fragebogen und bietet ihnen so die Möglichkeit, eigene Stärken und Schwächen besser einschätzen zu lernen.

Sind wir eine „andere“ Schreibgruppe? Vielleicht. Mangels Vergleich kann ich diese Frage nicht beantworten, aber wir sind auf einem guten Weg.

 

Ihr findet den Dichterwettstreit interessant? Oder wollt bei uns reinschnuppern? Aber gern, bitte meldet euch: ingwermond@gmail.com.

 

Schreibwütige Grüße, Jutta Ehmke

Bettina Ferbus: Die erste »andere« Gastgeschichte

Seit den Anfängen von »Das andere Buch« gehören Gastbeiträge von anderen Autoren dazu. Auch in Zukunft wollen wir das beibehalten. Bettina Ferbus ist unsere erste Gastautorin in unserem neu gelaunchten Blog. Ihre Geschichte heißt: Die Mönchsgrasmücke

Bettina Ferbus, Jahrgang 1969, ist hauptberuflich Reitlehrerin in ihrer Heimatstadt Zell am See. Neben den Pferden waren Bücher immer schon ihre größte Leidenschaft. Bereits in ihrer Kindheit hat sie angefangen, nicht nur ein Buch nach dem anderen zu verschlingen, sondern auch selbst zu schreiben.
Ihre besondere Vorliebe gilt der Phantastik in all ihren Ausprägungen. So schreibt sie Kindermärchen ebenso wie Fantasy, Science Fiction und (blutigen) Horror. Ihre Kurzgeschichten und Romane sind zum Teil in gedruckter Form und zum Teil als Ebooks erschienen.
Näheres zu Bettina Ferbus gibt es auf ihrer Homepage:
www.ferbus.at/bettina

Die Mönchsgrasmücke

»Ja, Himmel! Was veranstalten die Spatzen denn heute bloß für einen Lärm!« Norbert, der Stallmeister, wandte seinen Blick zur Stalldecke.

Agnes sah ebenfalls nach oben. Mit lautem Getschilpe und Gezetere jagten fünf Spatzen einen anderen Vogel. Agnes konnte nicht erkennen um welchen es sich handelte, sah nur einen panisch hin und her flitzenden, graubraunen Schatten.

Raus, du musst raus, versuchte sie dem fremden Vogel in Gedanken zuzuflüstern. Die Stalltüren sind weit offen. Draußen lassen sie dich bestimmt in Ruhe.

Er schien ihre Gedanken zu hören, denn er hielt nun mit zunehmender Geschwindigkeit auf den Ausgang zu. Doch nein! Er flog zu hoch! Er konnte es nicht erkennen!

Agnes schloss die Augen. Dafür hörte sie das harte »Pock«, mit dem der fremde Vogel gegen das Glas des Oberlichts stieß, umso lauter. Als sie die Augen wieder aufmachte lag das Tier auf der Stallgasse, die Flügel leicht zur Seite ausgebreitet, und regte sich nicht. Agnes eilte zu ihm hin, nahm ihn in ihre Hand. Er war ganz leicht. Das Köpfchen hing schlaff herab. Die Augen waren geschlossen. Das Gefieder war graubraun, an den Flügeln und am Rücken ein wenig dunkler, am Bauch heller. Das Köpfchen zierte eine pechschwarze Kappe.

»Das wird nichts mehr«, sagte Norbert.

Doch Agnes war ganz und gar nicht seiner Ansicht. »Woher willst du das wissen?«

»Bestimmt hat er sich beim Aufprall auf der Fensterscheibe das Genick gebrochen.«

»Und wenn doch nicht?«

»Wenn du meinst, Mädel. Dann leg ihn eben draußen unter die Büsche.«

»Damit ihn die Katze frisst? Ganz sicher nicht.«

»Was willst du denn sonst machen?«

Agnes sah zu Norbert hoch. »Ich werde ihn in meiner Hand halten, bis er wieder aufwacht.« Der bärtige Stallmeister schmunzelte. Er nahm sie nicht ernst. Ehrgeiz regte sich in Agnes. Niemand nahm einen ernst, wenn man erst elf war. Aber sie würde es ihm zeigen!

Sie setzte sich nach draußen, sah den Reitern auf dem Springplatz zu. In ihrer hohlen Hand lag der Vogel – warm und leicht und weich.

Brigitte, die Reitlehrerin, spähte über ihre Schulter. »Was hast du denn da? Eine Mönchsgrasmücke. Ein seltener Vogel. Hoffentlich erholt er sich wieder.«

Damit ging sie auf den Reitplatz, um Carina Unterricht zu geben. Normalerweise beneidete Agnes Carina grenzenlos um Rico. Der weiße Reitponywallach schien alles von selbst zu machen und war außerdem unglaublich hübsch. Doch heute achtete sie kaum darauf, wie Carina ein Hindernis nach dem anderen nahm. Mönchsgrasmücke. Sie hatte einen Namen zu dem Vogel. Und selten war er. Gut, auch von Spatzen hieß es, dass sie immer seltener wurden, aber davon merkte man hier im Stall nichts. Hier waren die Spatzen allgegenwärtig und unglaublich frech. Kamikazespatzen, nannte Brigitte sie manchmal und behauptete, sie würden so nahe an ihrem Gesicht vorbeifliegen, dass sie den Luftzug auf der Nase spüren konnte.

Und sie hatten die Mönchsgrasmücke gejagt, hatten den fremden Vogel nicht in ihrem Revier geduldet. Mit dem Daumen strich Agnes über das befiederte Köpfchen. Die Augen waren noch immer geschlossen, aber wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Agnes hoffte so, dass sich das Tier wieder erholte. Sie wusste, wie es war, wenn man gejagt wurde, weil man nicht dazugehörte. In der Schule erging es ihr auch nicht anders als der Mönchsgrasmücke mit den Spatzen. Sie wurde verspottet, ihre Schulbücher landeten regelmäßig im Dreck und sie hatte sich angewöhnt, ihren Sessel stets auf Kaugummi und Klebstoff zu untersuchen, bevor sie sich hinsetzte.

Dabei hinkte sie kaum noch. Die letzte Operation war gut verlaufen. Agnes konnte jetzt fast normal gehen und laufen und brauchte zwar noch Spezialschuhe, aber keine Schiene mehr. Seit Michael »Michi« Berger, einer ihrer Klassenkameraden, jedoch ein Gespräch ihrer Mutter mit der Direktorin belauscht hatte, wusste die ganze Schule, dass sie mit einem Klumpfuß auf die Welt gekommen war.

»Hinkebein«, war noch die harmloseste Bezeichnung, mit der ihre Mitschüler sie bedachten. Agnes wurde gemieden, als ob so ein Klumpfuß eine ansteckende Krankheit und nicht bloß eine angeborene Fehlstellung sei. Wenigstens war es hier im Stall anders. Hier wurde Agnes geschätzt, weil sie so viel Geduld mit den Pferden hatte. Und Brigitte ging zwar in ihren Stunden auf Agnes’ Probleme ein, schenkte ihnen aber genauso viel – oder wenig – Beachtung wie den hochgezogenen Fersen von Chiara oder den unruhigen Händen von Paula. Vielleicht weil Brigitte jede Menge Erfahrung mit besonderen Schwierigkeiten beim Reiten hatte. Dienstags und samstags gab sie schließlich sogar Reit- und Voltigierunterricht ausschließlich für Behinderte. Nicht, dass Agnes so eine Spezialbehandlung nötig gehabt hätte. Sie hielt ohne Weiteres bei den ganz normalen Reitstunden mit.

 

Plötzlich spürte sie, wie der Vogel sich regte. Er rollte sich auf den Bauch. Agnes konnte die winzigen Krallen auf ihrer Handfläche spüren. Nun hatte er die Augen offen, auch wenn er noch schwankte und zitterte und sichtliche Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten. Auch sein Köpfchen sank immer wieder zur Seite, oder nach vorne, so als wäre es zu schwer für den Hals.

Agnes wagte kaum zu atmen. Bloß jetzt das Tierchen nicht erschrecken. Es hatte sich noch nicht ausreichend erholt, um wegfliegen zu können. Die Mönchsgrasmücke blinzelte. Agnes fühlte den Blick aus den schwarzen Augen auf sich ruhen. Nein, das bildete sie sich ein. Auf ihrer Hand saß nur ein Tier, für das sie wahrscheinlich nicht mehr als ein sich bewegender Berg war.

»Was hast du da?« Carina hatte Rico an der Begrenzung des Springplatzes angehalten und spähte neugierig von ihrem Pony herunter.

Unwillkürlich hielt Agnes ihre Hand schützend über den kleinen Vogel. »Eine Mönchsgrasmücke«, flüsterte sie, denn sie hatte Angst, dass eine laute, menschliche Stimme das Vögelchen erschrecken könnte.

»Was ist das denn?« Carina beugte sich vor, um besser sehen zu können. Ihr Schatten fiel auf Agnes und durch die Finger hindurch auch auf die Mönchsgrasmücke.

Der Vogel in Agnes’ Hand regte sich. Zuerst schien er sich noch mehr zusammenzukauern, doch dann spürte sie, wie er die Flügel bewegte. Sollte sie ihn festhalten, oder würde ihn das nur noch mehr verstören? Zu spät. Schon war er durch einen Spalt zwischen ihren Fingern geschlüpft, und ehe Agnes es sich versah, war er fortgeflogen und zwischen den dichten Bäumen am Rand des Reitplatzes verschwunden.

 

Lange noch sah Agnes ihm nach und am Abend suchte sie im Internet nach Informationen. Mönchsgrasmücken schienen nicht ganz so selten zu sein, wie Brigitte gemeint hatte. Sie wurden als die achthäufigste Brutvogelart in Deutschland angesehen. Aber durch ihre heimliche Lebensweise bekam man sie eben nicht so häufig zu Gesicht. Sie ernährten sich hauptsächlich von Insekten und Spinnen, fraßen aber auch Beeren. Nach der Beschreibung im Internet war das Tier im Stall ein erwachsenes Männchen gewesen, denn die Weibchen und die Jungvögel hatten eine rotbraune Kappe.

Außerdem stand dort, dass die Mönchsgrasmücke von allen Grasmücken die vielseitigste sei. Sie fände sich gelegentlich sogar in den Parkanlagen von Großstädten. Zuerst wusste sie mit dem Begriff monogame Saisonehe nichts anzufangen. Doch als sie weiter las, wurde ihr klar, dass die Vögel eine Brutsaison zusammenblieben, um gemeinsam die Jungen großzuziehen. Häufig trafen sich jedes Jahr dieselben Tiere wieder, wenn sie aus dem Winterquartier zurückkamen. Irgendwie eine romantische Vorstellung. Fand zumindest Agnes.

Vielleicht lag es an den vielen Stunden, die sie über den Vogel gegrübelt hatte, dass sie auch am nächsten Morgen noch an ihn dachte. Hatte sie nicht sogar von ihm geträumt? Während sie im Halbschlaf ihr Müsli löffelte, versuchte sie sich zu erinnern. Verschwommen tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Der Vogel, beinahe so groß wie sie selbst. Eine Landschaft, die nur aus Wolken bestand. Sie fühlte wieder ihre Verwunderung, als der Vogel zu sprechen anfing. Der Schnabel bewegte sich leicht, aber die Stimme schien von überall zu kommen. »Gerettet hast du mich und mein Ei. Darum hast du drei Wünsche frei.«

 

Ihr war, als würde sie diesen Satz auch jetzt noch hören, als würde er in ihrem Kopf widerhallen. Na toll! Ein Ohrwurm, den sie aus einem nächtlichen Traum mitgebracht hatte. Sie schüttelte den Kopf, kratzte den letzten Rest Müsli aus der Schüssel und schnappte sich ihre Schultasche. Das Erlebnis mit dem Vogel hatte ihr für eine Weile ein Hochgefühl verschafft, aber jetzt musste sie sich wieder dem Alltag stellen.

Vielleicht gelang es ihr, sich in die Klasse zu stehlen, ohne von Michi bemerkt zu werden? Sie hoffte vergebens. Er entdeckte sie bereits im Schulhof.

»Ja, wen haben wir denn da? Ist das nicht die Agnes?« Er vertrat ihr den Weg. »Heißt du wirklich noch Agnes? Oder hast du dich inzwischen schon umtaufen lassen? Ich meine, wer heißt heutzutage denn schon Agnes? Das ist doch fast so schlimm wie Walburga oder Edeltraud.«

Michi machte einen Schritt auf sie zu. Agnes wich zurück. Sie musste an die Mönchsgrasmücke denken. Wie sie sich geduckt hatte, als Carinas Schatten auf sie gefallen war. Was wünschte sie sich jetzt einen Beschützer, der auf sie aufpasste, so wie sie es mit der Mönchsgrasmücke gemacht hatte.

Michi machte einen weiteren Schritt. Agnes drehte sich um und rannte. Bloß kam sie nicht weit. Sie prallte gegen etwas Festes und doch ein wenig Nachgiebiges. Im nächsten Augenblick saß sie auf ihrem Hinterteil. War das peinlich! Wahrscheinlich hatte die halbe Schule diese tolle Aktion gesehen. Ihr Gesicht fühlte sich glühend heiß an. Sicherlich war es knallrot. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, hatte sie auch noch weiße Flecken auf den Wangen. Michi nannte das immer ihre Radieschenfarbe.

»Alles in Ordnung?« Eine hohe Gestalt beugte sich über sie. Agnes blinzelte. Sie kannte den Jungen mit dem runden Gesicht und den dunklen Locken nicht.

»Natürlich ist sie in Ordnung. Soweit man das in ihrem Zustand sein kann.« Michi lachte gehässig.

Der fremde Junge sah hoch.

»Du musst der Neue aus der 2c sein.« Michi musterte ihn abschätzig.

»Ja, ich bin Jochen Albers. Bin seit einer Woche in der Stadt.« Dann sah er jedoch kurz zu Agnes, nur um einen Lidschlag später wieder zu Michi zu blicken. »Aber was meinst du mit in ihrem Zustand?«

»Ich habe einen Klumpfuß«, schaltete sich nun Agnes ein, um Michi keine Gelegenheit zu lassen, weitere Gemeinheiten von sich zu geben. »Beziehungsweise ich hatte einen. Durch die Operationen sieht man jetzt fast gar nichts mehr.«

»Das ist doch super.« Jochen hielt ihr die Hand hin.

Agnes stand ohne seine Hilfe auf. Wer konnte schon wissen, welche Heimtücke sich hinter dieser scheinbar freundlichen Handlung versteckte? Vielleicht ließ er sie gleich noch einmal stolpern und hinfallen, sodass sie in der Regenpfütze landete, die sich keinen Meter entfernt im Gras gebildet hatte? Das konnte sie sich wirklich ersparen. Es reichte, dass ihre Hose nun Flecken hatte, sie musste nicht auch noch nass werden.

Michi war die Pfütze nicht entgangen. Sie sah es an seinem Blick und an seinem boshaften Grinsen. Sie versuchte Abstand zwischen sich und die Pfütze zu bringen.

»Wo willst du denn hin?« Ein boshafter Unterton schwang in Michis Stimme mit. »Hast du etwa heute schon gebadet? So wie du aussiehst, wohl eher nicht.«

Agnes sah sich nach einem Fluchtweg um. Aber auf der einen Seite war die Schulmauer, auf der anderen stand Jochen und die verbleibende Lücke wurde durch eine immer größer werdende neugierige Menge ausgefüllt.

Michi kam näher. Schon streckte er die Hand nach ihrem Arm aus. Agnes’ Herzschlag beschleunigte sich. Schweiß löste sich widerlich und kalt aus ihren Achselhöhlen und floss Tröpfchen für Tröpfchen ihre Rippen entlang.

Michis siegessicheres Grinsen verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie wollte etwas sagen. Schreien. Aber ihr Mund war so trocken, dass sie kein einziges Wort herausbrachte. Sie vermochte sich nicht einmal mehr zu bewegen. Ihre Beine fühlten sich weit entfernt an. Als würden sie gar nicht zu ihr gehören.

»Lass sie in Ruhe!« Eine schwere Hand hatte sich auf Michis Schulter gelegt.

Er schüttelte sie energisch ab. »Halt du dich da raus. Das geht dich nichts an.«

»Wie kommst du darauf?«

»Na, weil es dich eben nichts angeht.«

Jochen packte Michi, der wieder versuchte nach Agnes zu fassen, am Arm. »Ich bin durchaus der Ansicht, dass mich das, was du hier direkt unter meiner Nase machst, etwas angeht.«

»Dann geh doch weg!« Michi wollte seinen Arm mit einer ruckartigen Bewegung befreien, aber Jochen war stärker.

»Nein, das werde ich nicht und ich werde auch nicht wegsehen. Wenn du etwas von ihr willst, dann musst du zuerst an mir vorbei.«

Michi musterte Jochen. Er versuchte sein Gesicht ausdruckslos zu halten, es gelang ihm jedoch nicht, das eine oder andere Zucken um die Mundwinkel zu verhindern. Agnes meinte seine Gedanken so deutlich lesen zu können, als stünden sie in einem Buch geschrieben. Er fragte sich, ob er gegen Jochen eine Chance hatte. Doch Jochen war größer und breiter. Das kleine Bäuchlein, das über den Bund seiner Hose quoll, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Arme muskelbepackt waren.

Michi machte einen Schritt zurück. Jochen ließ ihn los. Sofort richtete sich Michi auf. Ein überheblicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Dann will ich mal dem jungen Liebesglück nicht im Weg stehen.« Die Worte klangen gehässig und er spuckte sie Jochen und Agnes regelrecht vor die Füße. Die Umstehenden lachten.

Dann ging Michi. Ja, er stolzierte regelrecht davon, als ob er mit seiner Haltung über die eben erlittene Niederlage hinwegtäuschen könnte. Die Umstehenden kicherten und tuschelten. Doch Agnes verstand kein einziges Wort. Sie wusste nicht, wer der Mittelpunkt der allgemeinen Gehässigkeit war. Michi, weil er diesmal den Kürzeren gezogen hatte, Jochen, weil er sich eingemischt hatte, oder sie selbst. Es interessierte sie auch gar nicht. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

»Soll ich dich zu deiner Klasse begleiten?«

Zuerst wollte Agnes ablehnen. Sie war bisher alleine zurecht gekommen und würde es auch in Zukunft schaffen. Aber gar so glücklich war sie dabei nicht gewesen. Warum es also nicht mal mit Gesellschaft versuchen?

»Gerne.« Sie nahm sich ihre Schultasche, die sie bei ihrer Flucht hatte zu Boden fallen lassen, und ging mit Jochen Richtung Klassenräume. Niemand belästigte sie. Niemand verspottete sie. Keiner rempelte sie an. Eigentlich war es sehr angenehm, den großen Jungen an ihrer Seite zu haben. Welche Begründung konnte sie sich wohl einfallen lassen, sich öfters mit ihm zu treffen?

»Weißt du zufällig, wo man hier ein Pferd einstellen kann?«

Agnes starrte Jochen verblüfft an.

»Kein Problem. Ich werde es schon selbst herausfinden. Weißt du, mein Großvater züchtet Schwarzwälder Füchse und vor zwei Jahren hat er mir einen geschenkt. Eigentlich wollte ich ihn bei Opa lassen und nur in den Ferien besuchen, aber ich vermisse ihn schon jetzt. Also dachte ich mir, ich schaue mich mal um, wo ich ihn hier in der Nähe unterbringen kann.«

Agnes kannte die schweren, schokoladebraunen Pferde mit den flachsfarbenen oder manchmal sogar ganz weißen Mähnen bisher nur von Fotos. Zu gerne hätte sie einen in Wirklichkeit gesehen. Dass Jochen eines dieser Pferde besaß, war einfach … unglaublich!

»Tut mir leid, falls ich dich nerve. Es können schließlich nicht alle Mädchen pferdebegeistert sein.«

»Du nervst überhaupt nicht«, beeilte sich Agnes zu versichern. »Ich mag Pferde und reite auch regelmäßig.« Sie atmete tief durch, weil das alles einfach zu toll war, um wahr zu sein. Aber Jochen stand immer noch vor ihr und er sah sie auch immer noch erwartungsvoll an. Also fügte sie hinzu: »Und bei uns im Stall sind auch noch Boxen frei.«

Jutta Ehmke: Schreiben heißt mit hundert Kugeln jonglieren

JuttaJutta Ehmke wurde 1967 in Herxheim/LD geboren. Sie ist Bürokauffrau und Psychologische Beraterin. Von jeher gehörte das Schreiben neben dem Malen zu ihren Leidenschaften, doch erst als ihr Sohn im Vorlesealter war, erwachte professioneller Ehrgeiz. Inzwischen konnte sie einige ihrer Erzählungen (Jugendliteratur, Phantastik, Kriminalgeschichten) veröffentlichen. Seit Ende 2013 leitet sie eine Schreibgruppe in Speyer.

 

„Fand und Tand“ Anthologie „Götter des Imperiums“ (Verlag Torsten Low)

„Das Loch in der Krypta“ Anthologie „Auf dunklen Pfaden“ (Burgenweltverlag)

Roman „Eulenland“ – erscheint 2015/2016 (Verlag Saphir im Stahl)

Der nächste Beitrag zum Thema »Anders« stammt aus der Feder von »Nicole Engbers«

Im Gegensatz zu den Geschichten von Tabea Petersen und Margit Kröll, die beide eine Kurzgeschichte geschrieben haben, gibt es von »Nicole Engbers« Lyrik zu lesen.

Der Riese und der Zwerg

Es spricht der große Riese
Zum klitzekleinen Zwerg:
„Ich kann, was du nicht kannst
Und spuck bis übern Berg!“

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

 „Hör zu“, meint nun der Riese,
„Dann staunst du sicher sehr.
Ich brauch nur einen Schritt
Und schon bin ich am Meer!“

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

„Glaub nur nicht“, prahlt der Riese,
„Dass das schon alles war.
Wenn ich mich etwas strecke,
Seh ich Amerika!“

Der Zwerg fühlt sich so winzig
Um nicht zu sagen klein.
„Ach, könnte ich nur einmal,
Nur einmal anders sein.“ 

Er hätte gern zwei Beine,
So lang wie’s eben geht,
Am besten links und rechts eins,
Damit er sicher steht.

Er zieht an seiner Mütze,
Er zerrt mit voller Kraft,
Damit er es vom Boden
Ein Stückchen aufwärts schafft.

Es kommt, wie’s kommen musste:
Vom Schweiß glänzt das Gesicht,
Doch groß, so wie ein Riese,
I
st er noch lange nicht.

Stattdessen hält der Zwerg nun
Die Mütze in der Hand.
Der Riese meint, dass er ihn
Doch vorher größer fand.

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

Der Zwerg fühlt sich so winzig
Und kleiner noch als klein.
Da fällt mit einem Male
Dem klugen Kerl was ein:

„Sag, gabst du einem Käfer
Schon jemals deine Hand?
Und bist du um die Wette
Durch hohen Klee gerannt?

Bist du an grünen Gräsern
Mit Schwung hinabgerutscht?
Und hast du früh am Morgen
Den frischen Tau gelutscht?“

Der Riese seufzt: „Ich glaube
Du hast mir was voraus.
Ich bin ein Riesenriese,
Doch kleiner als `ne Maus.“

Edition DAB: Zufallsopfer

26_DAB_ZufallsopferZufallsopfer
Hypo-Roman

ein Jugend-Thriller (ab 12 Jahre) von Margit Kröll

Eigentlich will Robert nur schnell mit seinem Sohn zum Baumarkt fahren. Doch als er auf dem Parkplatz von hinten angegriffen und betäubt wird, ändern sich seine Pläne schlagartig. Robert hat keine andere Wahl: Er wird gezwungen an einer Bushaltestelle drei Jugendliche in das Lieferauto zu locken, sonst wird seinem Sohn etwas zustoßen.
Antonia, Karin und Willi steigen ein. Doch das Auto fährt nicht nach Hause, sondern auf die Autobahn. Als aus der Dunkelheit des Wagens ein bewaffneter Mann auftaucht, begreifen die Jugendlichen den Ernst der Lage. Sie sind Entführungsopfer. Alle.
Was wird mit ihnen gemacht? Und können sie noch rechtzeitig befreit werden?

Ein mitreißender Thriller aus verschiedenen Perspektiven.
Ab 12 Jahren.

Seitenanzahl: 470
Taschenbuch
erschienen in der Edition DAB

ISBN: 978-3-940036-24-7

Bestellen per EMail bei torsten.low@verlag-torsten-low.de

Weiter geht die »andere« Geschichte mit »Die Herrin der Bücher« von Tabea Petersen

Nach Margit Kröll folgt Tabea Petersens Geschichte zum Thema »Anders«.
Die Geschichte trägt den Titel »Die Herrin der Bücher«


Die Herrin der Bücher

Wie beginnen Geschichten? Darüber habe ich viel nachgedacht in den letzten Stunden. Muss es überhaupt einen Anfang geben? Oder waren die Geschichten eigentlich schon immer da, irgendwo halb verborgen im Schatten, und warteten auf ihre Zeit?

Genau wie sie. Auf den ersten Blick bemerkte man sie nicht einmal – bis sie selbst es wollte. Und danach wusste niemand mehr zu sagen, woher sie gekommen war. Eigentlich weiß ich noch immer nicht genau, wer sie ist. Was sie ist. Aber vielleicht werde ich es heute Nacht herausfinden.

 

Falls eine Geschichte dennoch einen Anfang braucht, so begann diese an einem regnerischen Novembernachmittag. Ich stand zusammen mit Kevin und ein paar anderen aus meiner Klasse am Fahrradständer vor dem Einkaufszentrum. Unsere Stadt ist so klein, dass sie den Namen Stadt eigentlich gar nicht verdient, und es gibt nachmittags für uns kaum etwas anderes zu tun, als gemeinsam an irgendeiner Ecke herumzulungern und darauf zu warten, dass die Zeit bis zum Abendessen vorüber ging. Auch an diesem Tag standen wir einfach herum und versuchten, so wenig wie möglich nass zu werden, bis es mir irgendwann zu dumm wurde und ich vorschlug, hinüber in die Stadtbibliothek zu gehen. Kevin lachte. Kevin lacht immer, wenn irgendjemand eine neue Idee hat, und da Kevin mindestens einen Kopf größer ist als jeder andere von uns, und ungefähr doppelt so breit, traut sich auch nie jemand ihn zu fragen, was es da zu lachen gibt. Also prusteten erst einmal alle vor sich hin und zogen mich mit meinem Vorschlag auf, bis sie schließlich einsahen, dass selbst unsere Stadtbibliothek immer noch mehr zu bieten hat als der Fahrradständer vor dem Einkaufszentrum an einem Regentag.

Wir zogen also los, und kurz darauf trafen wir zum ersten Mal auf sie. Das heißt, eigentlich schlurften wir erst einmal nur an ihr vorbei und ignorierten sie – eine völlig normale Reaktion gegenüber fremden Erwachsenen also, erst recht, wenn es sich dabei um kleine ältere Damen handelt, die in einer Bibliothek arbeiten. Doch dann sprach sie Kevin an: »Junger Mann?« Ihre Stimme klang so sanft und leise wie ein Windhauch im Frühling, und sie reichte Kevin höchstens bis zur Brust. Auf den ersten Blick sah sie beinahe aus wie eine Nonne in ihrem langen, grauen Gewand, und ihr graubraunes Haar war zu einer Art Knoten am Hinterkopf aufgesteckt. Doch anstelle von Haarnadeln ragten zwei überkreuzte, altmodische Füllhalter aus dem Gebilde. Beinahe noch seltsamer jedoch erschien das kleine Schild, das die Frau an den Kragenaufschlag ihres Kleides geheftet trug. In schnörkeliger Tintenschrift stand darauf der Name »Regina« geschrieben. Regina wer? Seit wann ließen sich die Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek mit Vornamen ansprechen wie Kindergartentanten?

»Junger Mann? Würden Sie bitte Ihren Rucksack draußen im Regal abstellen?«

Kevin stierte auf die Frau herab, als wäre sie ein seltsames Insekt. Dann stieß er einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem belustigten Prusten und einem verächtlichen Schnauben lag, ein typisches Kevin-Geräusch, und versuchte, sich an ihr vorbei zu drängen. Dabei rammte er Elisa, die eben in diesem Moment den Lesesaal betreten wollte, grob den Ellenbogen in die Seite. Elisa ging in unsere Klasse, und sie hatte ständig ihre Nase in irgendeinem Buch. Ich kannte Elisa schon ewig, weil sie im Nachbarhaus wohnte. Als Kinder haben wir oft zusammen gespielt, bis ich irgendwann aufhörte, mich mit Mädchen abzugeben. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, musste ich zugeben, dass ich Elisa immer noch mochte. Sie war nett – und irgendwie auch hübsch auf ihre eigene, stille Weise. In der Klasse saß sie schräg vor mir. Manchmal beobachtete ich sie heimlich, wie sie über ihr Heft gebeugt dasaß und schrieb, oder, den Kopf auf die Hand gestützt, verträumt aus dem Fenster sah. Ab und zu drehte sie sich dann zu mir um, als hätte sie genau gemerkt, dass ich sie anschaute, und für einen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Kevin jedoch ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um Elisa zu schikanieren, und die anderen Jungs lachten über seine Gemeinheiten. Im Grunde fand ich das Ganze widerlich, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, mich gegen Kevin und die anderen zu stellen. Was hätte ich allein schon gegen sie ausrichten können? So schwieg ich, senkte den Kopf und schämte mich vor mir selbst.

 

An diesem Tag jedoch kam alles anders. Die kleine Bibliothekarin hob den Kopf, sah Kevin aus ihren dunklen, von den runden Gläsern einer Hornbrille umrahmten Augen an, und für einen winzigen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Dann senkte Kevin den Blick und ging nach draußen in den Korridor. Wortlos lud er seinen Rucksack in dem dafür vorgesehenen Regal ab. Er zog sogar seine schlammbespritzten Sneakers aus, stellte sie daneben, schlich auf Strümpfen zurück in den Saal und ließ sich in einen Lesesessel fallen. Einige Minuten lang sprach keiner von uns, bis irgendwann ein leises Murmeln aus dem Lesesessel darauf hindeutete, dass Kevin langsam wieder zur Besinnung kam.

»Die hat sie nicht alle! Ich sag euch, die ist total durchgeknallt, die Alte!« Es war nicht schwer zu erraten, wen er meinte, doch ich bemerkte auch den Anflug von Panik in seiner Stimme.

»Genauso durchgeknallt wie Assi-Elisa!«, fügte er nach einer Weile rachsüchtig hinzu. Anscheinend war er zu dem Schluss gekommen, dass irgendjemand für das, was eben passiert war, büßen sollte. Was dann geschah, kann ich mir selbst kaum erklären. Es dauerte sogar einige Sekunden, bis ich begriff, dass die Worte »Ach halt’s Maul, Kevin!« aus meinem eigenen Mund gekommen waren. »Und lass Elisa aus dem Spiel«, fügte ich noch hinzu. Dann drehte ich mich einfach um und ging.

 

Elisas zierliche Gestalt wirkte zwischen den vollgestopften Bücherregalen noch schmaler als sonst, doch sie bewegte sich mit einer ruhigen Sicherheit, die ich bisher nicht von ihr kannte.

»Hi Elis«, murmelte ich.

»Hi Lukas«, antwortete sie und schenkte mir ein seltenes, scheues Lächeln. Wenn Elisa lächelte, war es, als ob die Sonne aufging. Eine Weile schwiegen wir beide. Das ist auch eines der Dinge, die ich so an Elisa mochte: Dass man mit ihr nicht dauernd reden musste. Sie fragte mich nicht, warum ich zur ihr gekommen war, obwohl ich eben noch neben Kevin gesessen hatte. Stattdessen ließ sie weiterhin ihren Blick über die Bücherregale schweifen, nahm ab und zu ein Buch herunter und blätterte darin, um es dann entweder auf seinen Platz zurückzustellen, oder es dem kleinen Stapel hinzuzufügen, den sie unterm Arm trug. Ich sah ihr dabei zu. Irgendwann hatte sie wohl genügend Lesestoff gesammelt und ging zurück zur Rezeption. Ein wenig unbehaglich senkte ich den Kopf, als die kleine Bibliothekarin mit dem seltsamen Namen Elisas Bücher registrierte. Ich wagte nicht, der Frau in die Augen zu sehen. Auf dem Weg nach draußen stand plötzlich Kevin vor uns.

»He, seht euch das an: Das Liebespaar«, höhnte er. Hinter ihm vernahm ich spöttisches Prusten und übertriebene Schmatzgeräusche von den anderen Jungs. Elisa aber schrak nicht zusammen oder senkte den Kopf, wie sie es sonst  tat, wenn Kevin ihr auflauerte. Stattdessen hielt sie seinem Blick stand, zog die Augenbrauen in die Höhe und hauchte mit einer perfekten Nachahmung der samtenen Stimme der Bibliothekarin: »Junger Mann?«

Für einen winzigen Moment zuckte Kevin vor ihr zurück. Lachend traten wir auf die regenfeuchte Straße. Ich wusste, dass wir später für diesen kleinen Triumph zahlen würden – mit Zins und Zinseszins, denn Kevin vergaß so etwas nie. In diesem Moment aber kümmerte es mich nicht. Schweigend ging ich neben Elisa her, betrachtete verstohlen ihr schmales Gesicht mit den vom Laufen geröteten Wangen und war glücklich. Doch das Glück währte nur wenige Minuten. Wir hörten es schon, als wir in unsere Straße einbogen: Elisas Stiefvater hatte wieder getrunken. Normalerweise war er ein wortkarger Mann, aber wenn er betrunken war, schrie er:

»Wo ist deine feine Tochter, na wo? Was fällt der faulen Göre ein, sich einfach in der Gegend herumzutreiben!« Die letzten Spuren des Lachens auf Elisas Gesicht erloschen, und mir war kalt.

»Wenn du willst, kannst du erst mal zu uns kommen«, hörte ich mich sagen. »Bis er sich beruhigt hat.« Doch im Grunde wusste ich bereits, dass sie ablehnen würde. Ich wusste auch, dass ihr Stiefvater sich nicht beruhigen würde. Wenn Elisa nicht als Prügelknabe zur Verfügung stand, würde er seine Wut eben an ihrer Mutter auslassen. Elisas Mutter sah man selten. Man nahm sie einfach nicht wahr, selbst wenn sie da war. Sie wirkte wie ein flüchtiger Bleistiftumriss einer Frau, die ein Maler irgendwo ganz am Rande eines Bildes hingekritzelt und später vergessen hatte.

Elisa schüttelte nur leicht den Kopf und huschte wortlos nach drinnen. Sie fügte sich in das Unvermeidliche – und ich war allein. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, meine Ohren vor dem Geschrei zu verschließen, das weiterhin aus dem Nachbarhaus drang. Es gelang mir nicht. Bis zu mir nach Hause waren es nur wenige Schritte, aber meine Füße fühlten sich schwer wie Blei an.

 

Am nächsten Tag war Elisa nicht in der Schule, und als sie ein paar Tage später wiederkam, konnte man an ihrer rechten Wange noch ganz deutlich einen Bluterguss sehen. In meinen Hosentaschen ballten sich die Hände von ganz allein zu Fäusten.

In der Geschichtsstunde wurden Elisa und ich zu einer gemeinsamen Projektarbeit eingeteilt. Es ging darum, die Vergangenheit unserer Stadt zu erforschen, und Elisa schlug vor, gleich am Nachmittag in die Bibliothek zu gehen um uns im Stadtarchiv umzusehen. Wieder stand sie an der Rezeption, die seltsame kleine Bibliothekarin. Sie wirkte, als wäre sie nie fort gewesen, als habe sie genau auf uns gewartet. Nein, nicht auf uns, dachte ich. Nur auf Elisa, die sie mit einem Lächeln begrüßte. Ich hielt mich im Hintergrund, und die kleine Frau bedachte mich nur mit einem einzigen, beinahe flüchtigen Blick. Doch der genügte. Ihre Stimme mochte wie ein Windhauch klingen, aber der Blick ihrer dunklen Augen war wie eine bodenlose Schlucht. Nun verstand ich, was Kevin einige Tage zuvor so aus der Fassung gebracht hatte: Im Bruchteil einer Sekunde, für den unsere Blicke sich streiften, schien sie mein gesamtes Wesen zu erfassen und drang vor bis in jene innersten Gedanken, die ich niemandem, nicht einmal mir selbst, einzugestehen wage.  Ein Schaudern überlief mich. Nein, irgendetwas an dieser Frau war definitiv nicht normal, und damit meinte ich nicht die Federhalter im Haar. Sie lächelte schon wieder, nickte ein wenig vor sich hin und sagte dann: »Kommt mit, Kinder.« Verwirrt trottete ich hinter Elisa her. Wir hatten doch überhaupt nichts gesagt. Woher also wusste die Frau, was wir wollten? Sie führte uns aus dem Lesesaal hinaus, eine Treppe hoch, dann noch eine und noch eine. Ich geriet langsam außer Atem, doch Elisas schmale Gestalt vor mir ließ keine Zeichen von Erschöpfung erkennen. Zuletzt erklommen wir eine schmale Wendeltreppe und gelangten an eine kleine, verwitterte Holztür. »Archiv« stand in schnörkeligen schwarzen Lettern darauf. Ich musste mich bücken, um nicht mit dem Kopf am Türrahmen anzustoßen. Der Raum, der dahinter lag, war auf eine Art genauso, wie ich mir ein Archiv immer vorgestellt hatte: Ein halbdunkler, staubiger Dachbodenraum. Zumindest auf den ersten Blick. Dann jedoch gingen wir weiter – und der Raum nahm kein Ende. Wieder und wieder versuchte ich, in dem seltsamen Dämmerlicht irgendein Ende der mit verstaubten, in Leder gebundenen Wälzern überladenen Regale auszumachen: ein Mansardenfenster vielleicht oder eine Giebelwand. Aber es wollte mir nicht gelingen. Beinahe noch mehr beunruhigte mich das leise, beschwingte Summen der Bibliothekarin, die vor uns herging, ab und zu mit dem Zeigefinger wie liebkosend über einen Buchrücken strich oder sachte den Staub von einem ledernen Einband wischte. Sie huschte zwischen den Regalen hin und her wie eine Spinne in ihrem Netz. Ich weiß nicht, wie lange wir hinter ihr hergingen, bis sie schließlich stehen blieb und ihre kleine feingliedrige Hand auf Elisas Schulter legte. Lächelnd zog sie ein beinahe ziegelsteingroßes Buch aus einem Regal und reichte es Elisa, die sogleich darin zu blättern begann. Da erst bemerkte ich das kleine Tischchen und den Stuhl, die wie aus dem Boden gewachsen neben uns standen. Im Schein einer altmodischen Leselampe setzte sich Elisa an den Tisch und ließ ihren Zeigefinger über die vergilbten Seiten mit den schnörkeligen Schriftzeichen wandern. Sie schien keine Mühe zu haben, die altmodischen Buchstaben zu entziffern, murmelte eifrig Namen und Jahreszahlen vor sich hin. Ich schaute ihr beim Lesen über die Schulter und versuchte, ihren Gedankengängen zu folgen, krakelte ab und zu ein paar Notizen in meinen Schreibblock. Irgendwann fiel mein Blick zufällig auf meine Armbanduhr, und ich erschrak: Wir hatten beinahe drei Stunden in der Bibliothek verbracht!

Ich weiß nicht, wo sie während der letzten Stunden gewesen war. Vielleicht hatte sie uns die ganze Zeit über beobachtet. Als wir uns zum Gehen anschickten, stand die Frau jedenfalls neben uns, als wären nur wenige Minuten vergangen. Lächelnd geleitete sie uns hinunter in den inzwischen verlassenen Lesesaal, und ich bin mir sicher, dass sie uns nachsah, als wir gingen. Verwirrt blinzelte ich im nasskalten Straßennebel mit den Augen und schüttelte mich. Mir war, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht. Elisa neben mir jedoch summte leise vor sich hin. Ich hatte erwartet, dass sie in sich gekehrt und ängstlich sein würde bei dem Gedanken, zu spät nach Hause zu kommen. Doch sie wirkte eher, als wollte sie jeden Moment anfangen wie ein kleines Mädchen über das Pflaster zu hopsen. Ich hatte sie noch nie so froh gesehen. Ihr Gesicht schien geradezu von innen heraus zu leuchten, und sogar der hässliche Bluterguss auf ihrer Wange war plötzlich verschwunden.

»Ist Frau Regina nicht unheimlich nett?« Es klang, als spräche sie von einer guten Bekannten.

»Kennst du sie etwa schon länger?«, fragte ich. Es gelang mir nicht, die leichte Unruhe in meiner Stimme zu verbergen. Elisa sah mich mit großen Augen an als verstünde sie nicht, was ich meinte

 

Auch in den nächsten Tagen hatte ich das Gefühl, dass Elisa in Gedanken weit weg war. Sie schien glücklich, und selbst Kevins Beschimpfungen konnten sie nicht aus der Fassung bringen. Vielleicht hörte sie sie nicht einmal. Jeden Tag gingen wir gleich nach der Schule ins alte Stadtarchiv. Elisa bewegte sich zwischen den endlosen Bücherregalen wie ein Fisch im Wasser, und immer wenn sie es gerade brauchte, erschien wie aus dem Nichts das kleine Tischchen mit der alten Messinglampe. Ich folgte Elisa pflichtschuldigst, auch wenn mir die Bibliotheksbesuche von Tag zu Tag unheimlicher wurden. Auf keinen Fall jedoch wollte ich Elisa mit der seltsamen Bibliothekarin allein lassen, deren dunkle, insektenartige Augen hinter den runden Brillengläsern Elisa überallhin zu folgen schienen. Ich war erleichtert, als wir das Geschichtsprojekt endlich beim Lehrer abgeben konnten. Doch nach dem Unterricht schlug Elisa trotzdem den Weg zur Bibliothek ein. Bemerkte sie überhaupt, dass ich ihr folgte? Ich betrat das Gebäude nur wenige Sekunden nach ihr, doch im Lesesaal waren weder Elisa noch die Bibliothekarin zu sehen. Verwirrt lief ich im Treppenhaus umher, doch die Wendeltreppe, die zum Archiv auf dem Dachboden führte, fand ich nicht. Vergeblich versuchte ich mich zu entsinnen, doch meine Erinnerungen an den Ort waren selbst nach so vielen Besuchen verschwommen wie ein Traum. Ich versuchte die in mir aufsteigende Panik zu unterdrücken, tigerte ruhelos im Lesesaal auf und ab und fand mich schließlich draußen vor der Eingangstür wieder. Wie lange ich dort ausharrte, weiß ich nicht mehr. Als Elisa endlich kam, war es längst dunkel, und ich fror bis ins Mark. So benommen war ich, dass mir ganz schwindelig wurde vor Erleichterung, als ich Elisa durch die Tür treten sah. Sie schien nicht im Mindesten erstaunt, mich zu sehen. Beinahe schien sie gewusst zu haben, dass ich auf sie warten würde. Ich wollte sie fragen, was sie so lange dort drinnen getan hätte, doch die Worte verloren sich in meinen wirren Gedanken und erreichten die Lippen nicht. So gingen wir wieder schweigend nach Hause. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag, auch am übernächsten und an dem danach. Jedes Mal schienen Elisas Besuche länger zu dauern. Schließlich nahm ich all meine Willenskraft zusammen und sagte ihr, dass ich mir Sorgen um sie machte. Das kleine Lächeln, das bei meinen Worten über ihre Züge glitt, sah beinahe traurig aus. Als sie mich anschaute, wirkten ihre Augen unnatürlich groß, und im diffusen Licht der Straßenlampe war ihr Gesicht so blass, dass es fast durchsichtig schien.

»Ach Lukas, das verstehst du nicht«, sagte sie. Ihre Stimme war leise und eindringlich: »Ich muss dort sein. Die Bücher, sie haben Seelen. Ich kann sie sehen, sie verstehen, sie sprechen zu mir. Sie sind meine Freunde.«

»Ich dachte WIR sind Freunde!« Ich schrie beinahe, hörte selbst, wie dumm und kindisch meine Worte klangen. Elisa hatte den Kopf schon wieder gesenkt.

»Das ist etwas anderes«, murmelte sie. »Ich sage doch, das verstehst du nicht. Mach’s gut, Lukas.« Dann ging sie.

Ungläubig starrte ich ihr hinterher. Die Bücher hatten Seelen? Sie sprachen? Verdammt, was redete sie da? Und wieso gab es überhaupt einen Dachboden über der Stadtbibliothek, einem modernen, dreistöckigen Klinkerbau mit Flachdach? Der Gedanke durchzuckte mich plötzlich mit furchtbarer Klarheit. Wie hatte ich nur so blind sein können?

»Mensch Elisa, warte doch! Elisa!!« Ich lief los und schrie, so laut ich konnte. Doch es gelang mir nicht sie einzuholen, obwohl ich den ganzen Weg nach Hause rannte, und als ich an ihre Haustür hämmerte, öffnete niemand.

 

Das war gestern Abend. Als Elisa heute Morgen nicht in der Schule erschien, verlor ich keine Zeit. Jetzt, wo ich das Geheimnis erahnte, fand ich die Wendeltreppe hinauf zu dem mystischen Archiv auf Anhieb. Ich rannte hinauf und stieß die niedrige Tür auf, fiel beinahe über die Schwelle, stolperte hastig an den düsteren Regalreihen entlang – und dann sah ich sie. Elisa saß vornüber gebeugt an dem kleinen Tischchen. Ihr Kopf ruhte auf der Tischplatte, und das Licht der kleinen Leselampe schimmerte in ihrem offenen Haar. Vielleicht hatte sie die ganze Nacht über hier gesessen. Bevor ich jedoch auf Elisa zu laufen konnte, trat sie lautlos aus dem Schatten. Gelähmt vor Entsetzen musste ich mit ansehen, wie Frau Regina Elisa sanft den Arm um die Schultern legte und ihr etwas zuflüsterte. Es klang wie »komm«.

Dann ertrank ihre Stimme im Rascheln tausender von Buchseiten, die sich wie in einem Windstoß bewegten. Staub wirbelte auf, und Licht drang zwischen den Buchrücken aus den Regalen hervor. Einen Augenblick lang war ich wie geblendet. Die Gestalt der Bibliothekarin schien mit der Elisas zu verschmelzen. – Dann war nur noch sie da, Frau Regina, und auf dem Tischchen ein aufgeschlagenes Buch, von dessen Seiten ein schwaches Glühen ausging. Elisa war fort. Das Licht erlosch, das Rascheln der Seiten verstummte. Die Bibliothekarin hob das Buch auf, und ich sah das Lächeln auf ihren Zügen, als sie es an ihre Brust drückte und dann behutsam in eines der Regale schob, wo sich wie von selbst eine Lücke aufgetan hatte. Ich wich zurück, stieß mit dem Rücken an ein Regal, tastete mich wie blind vorwärts, bis ich endlich die rettenden Tür erreichte, und stolperte die endlos langen Treppen hinunter. Keuchend lehnte ich an der ziegelroten Außenmauer der Bibliothek. Hier draußen war heller Tag. Leute hasteten auf dem Bürgersteig an mir vorüber, ab und zu warf mir einer einen misstrauischen Blick zu. Sollte ich erzählen, was mir widerfahren war, jemanden um Hilfe bitten? Aber wer würde mir glauben, wenn ich von einem geheimnisvollen Dachboden sprach, den es eigentlich gar nicht geben durfte? Sollte ich mir eine Waffe besorgen, die Bibliothekarin bedrohen, sie zwingen, Elisa freizugeben? Die kleine alte Frau konnte schließlich nichts gegen ein Messer oder einen Baseballschläger ausrichten – oder? Beim Gedanken an Frau Reginas bodenlos schwarze Augen und ihr unheimliches, selbstzufriedenes Lächeln spürte ich, wie die Knie unter mir nachzugeben drohten. Aber ich durfte Elisa nicht im Stich lassen! Noch immer leicht zitternd kehrte ich ins Gebäude zurück und hastete die Treppen hinauf. Die Tür am Ende der schmalen Wendeltreppe schien gerade auf mich gewartet zu haben. Anscheinend hatte sie nichts dagegen, dass ich wiederkam. Vielleicht erwartete die Bibliothekarin mich sogar. Ich spürte ihre Blicke auf mir ruhen, auch wenn ich ihre Gestalt im Schatten der Bücherregale nur erahnen konnte.

Wieder glaubte ich das Rascheln von Buchseiten zu hören, leiser jetzt. Je aufmerksamer ich lauschte, desto mehr klang es jedoch wie das Flüstern vieler Stimmen. Bald konnte ich sogar einzelne unter ihnen ausmachen, begann im Dämmerlicht die vagen Umrisse von Gestalten zu erkennen, die zwischen den Bücherregalen hin und her huschten. Ich suchte nach einer vertrauten Stimme, einer vertrauten zierlichen Gestalt, doch ich fand Elisa nicht.

 

Noch nicht. Als es draußen Abend wurde, bin ich nach Hause gegangen und habe das große Märchenbuch aus unserem Wohnzimmerschrank genommen. Ich hatte beinahe vergessen, dass es da war. Irgendwann hören die meisten Leute auf, an Märchen zu glauben, und vielleicht liegt darin die Macht von Frau Regina. Ich bin auf mein Zimmer gegangen, habe mich mit meiner Taschenlampe im Bett verkrochen und  angefangen zu lesen, eine Geschichte nach der anderen. Wenn man aufmerksam liest, erkennt man, dass es Regeln gibt. Regeln, an die sich sogar die Hexe halten muss. Ob Frau Regina tatsächlich eine Hexe ist? Vielleicht ist sie eher eine Art Fee: die Herrin der Bücher. Und vielleicht ist das, was sie tut, auch nicht wirklich böse. Sie selbst glaubt sicher, dass sie den Menschen, denen sie wie Elisa Einlass in eine andere Welt gewährt, eine Gnade erweist: Sie schützt sie vor den Enttäuschungen und dem Leid der Wirklichkeit, bewahrt sie davor, zu verbrauchten, verängstigten Bleistiftskizzen-Menschen zu werden wie Elisas Mutter. Vielleicht sind sie glücklich. Dennoch ist es eine Schattenwelt, in der sie existieren. Sie leben nicht wirklich. Deshalb werde ich alles tun, um Elisa zu finden und zurückzuholen. Nicht nur, weil ich sie vermisse, sondern auch, weil ich meine, dass jeder ein Recht auf ein richtiges Leben hat – selbst wenn darin Leute wie Kevin und Elisas Stiefvater vorkommen. Aber diesen Leuten kann man die Stirn bieten. Etwas habe ich jedenfalls noch von Frau Regina gelernt: Dass manchmal schon ein fester Blick genügt, um die Welt zu verändern und der Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten. Ich werde nicht mehr den Kopf senken und schweigen, und ich werde gegen die Herrin der Bücher kämpfen, wenn nötig mit ihren eigenen Waffen. Ich schlüpfe in meine Jacke, umfasse das Märchenbuch mit der einen Hand, die Taschenlampe mit der anderen und trete hinaus in die Nacht.

Wie die Geschichte ausgehen wird, vermag ich nicht zu sagen. Alles, was ich weiß ist: Wenn es ein Ende geben muss, so endet sie jetzt. Heute Nacht.