Eine neue Geschichte zum Thema »anders« von Torsten Low

Torsten Low ist Autor und Verleger. Geschichten schreibt er nur noch selten, aber für »Das andere Buch« macht er gerne eine Ausnahme.

Dreamland

Unheilvoll hing der blutrote Mond am nachtschwarzen Himmel. Blitze durchzuckten die Nacht und erhellten für einen Sekundenbruchteil die Ebene. Donner grollte.
Oh nein, nicht schon wieder! Bitte nicht schon wieder!
Eric blickte sich gehetzt um. Da war die alte Hütte. Sie wirkte schlicht, einfach und verlassen, aber die Tür war massiv, die Fensterläden geschlossen und das Dach dicht.
Die Hütte würde dem, was ihn in wenigen Augenblicken erwartete, wenigstens eine Weile standhalten.
Der felsige Boden unter seinen Füßen vibrierte. Auch das kannte Eric schon, trotzdem blickte er gebannt auf den feinen Haarriss, der sich schnell zu einem fingerbreiten Spalt vergrößerte. Eine schwarze, hornige Klaue schob sich aus dem Erdinneren durch den Riss und verbreiterte ihn immer weiter. Weitere Klauen folgten, schoben und drückten den Felsen auseinander.
Erst als der dämonische Schädel mit den gebogenen Hörnern und dem metallisch glänzenden Reißzähnen aus dem Felsspalt auftauchte, konnte sich Eric losreißen. Hastig wandte er sich um und rannte auf die Hütte zu.
Düster erinnerte er sich an etwas.
Stop! Einen Schritt nach rechts!, meldete sein Gehirn – doch seine Beine bewegten sich einfach weiter. Er fühlte, wie der Boden unter ihm nachgab. Hastig warf er sich nach vorn. Seine Hände krallten sich am Boden fest. Ein Ruck ging durch seine Schultern, als sein Körper gebremst wurde. Seine Muskeln zitterten, Schweiß lief ihm über die Stirn. Fieberhaft tastete er mit seinen Füßen nach einem Vorsprung, etwas worauf er sich hätte abstützen können. Sein Blick wanderte nach unten. Der Riss, in den er hineingefallen war und an dessen Rand er sich nur mit Mühe festhalten konnte, reichte kilometerweit in die Erde hinein. Weit unter sich sah er rot glühendes Magma, welches sich brodelnd fortbewegte.
Mit einem Ächzen zog Eric sich nach oben und richtete sich auf, rannte weiter auf die Hütte zu. Wütendes Gebrüll erscholl von unten.
Stolpernd überquerte Eric die Schwelle, stieß hinter sich die Tür zu. Dann verbarrikadierte er diese mit dem aus rohen Brettern zusammengezimmerten Holztisch. Gespannt wartete er und lauschte.
Ein Schlag ließ die Hütte erzittern, dann folgte ein zweiter.
Holz splitterte.
Eric zitterte vor Angst, obwohl er genau wusste, was ihn nun erwartete.
Als das dämonische Wesen die Tür zerriss, konnte er seine Angst nicht mehr beherrschen und schrie.

Von einer Sekunde zur anderen war er wach. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, sein Pyjama war feucht, seine Kehle wie ausgedörrt.
Wieso schon wieder dieser Traum?
Eric hatte aufgehört zu zählen, wie oft er im Schlaf jenen unheimlichen Ort besucht hatte. Seit Monaten schon quälte ihn dieser Nachtmahr, doch in der letzten Zeit wurden diese Träume so intensiv, dass er nachts nicht mehr einschlafen konnte. Fast jeden Morgen wachte er mittlerweile gerädert und unausgeschlafen auf.
Und tagsüber war er so sehr in seine Arbeit angebunden, dass er seit Wochen keine echte Entspannungsphase mehr hatte. Die Kopfschmerzen, die ihn seit einiger Zeit quälten, kamen sicherlich auch von dieser dauerhaften Stresssituation.
In den nächsten Tagen würde er sich unbedingt komplett durchchecken lassen.
Mit diesem Gedanken schlief er ein.

»Du musst ganz einfach die Kontrolle über deinen Traum gewinnen. Steuere ihn. Stell dich dem Dämon entgegen und zeige ihm, wer der Herr in deinen Träumen ist. Wenn du deinen Traum steuern kannst, dann werden die Albträume aufhören. Und mit genügend Schlaf werden auch deine Kopfschmerzen verschwinden. Ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte jahrelang zu wenig Schlaf.«
Eric blickte sein Gegenüber an und holte tief Luft. Er wollte protestieren. Alles in ihm wehrte sich dagegen, gegen das Wesen mit den schwarzen Klauen antreten zu wollen.
Doch sein Gesprächspartner bestürmte ihn weiter.
»Wann hast du das letzte Mal durchgeschlafen?«
»Das letzte Mal vor gut einer Woche.«
Sein Gegenüber nickte. »Dann solltest du wirklich so schnell wie möglich probieren, deinen Albtraum in den Griff zu bekommen. Informiere dich mal bei Wikipedia übers Klarträumen.«

Der Boden unter seinen Füßen vibrierte. Eine schwarze, hornige Klaue riss den Felsen auf und verbreiterte den Riss weiter. Weitere Klauen folgten. Der Riss wurde zu einem breiten Spalt, aus dem gebogene Hörner auftauchten. Ihnen folgte ein furchterregender Schädel mit glänzenden Reißzähnen.
Ich besiege dich, pulsierte es durch Erics Gehirn. Für einen Moment hatte er das Gefühl, er könnte es schaffen. Doch dann wandte er sich um und eilte auf die Hütte zu.
Der Boden! Einen Schritt nach rechts!, signalisierte sein Gehirn. Und sein Körper reagierte.
Links neben ihm brach der Boden ein. Eric frohlockte. Er konnte es. Er beherrschte seinen Traum. Er steuerte ihn. Dies war seine Welt, erschaffen durch sein Gehirn. Er konnte alles tun, was er wollte.
Er musste es nur denken.
Oder?
Eric erinnerte sich an den Film »Matrix« und wünschte sich die endlosen Waffenregale herbei.
Nichts geschah.
Hatte er sich geirrt? Konnte er den Traum doch nicht steuern?
»Hör auf, es zu versuchen. Mach es!«, fluchte er und dachte erneut an die Waffen.
Ein lautes Rattern erklang, ähnlich wie das Geräusch eines vorbeirasenden Schnellzuges und links und rechts von ihm tauchten schwarze Wände auf, an denen unzählige Schnellfeuergewehre, Pumpguns, Pistolen und schwere MGs aufgehängt waren.
Der Dämon, der mittlerweile den Felsspalt verlassen hatte, stieß einen wütenden Schrei aus. Er schien zu ahnen, dass er seine Macht über Eric verlor. Er ließ sich auf alle Viere nieder und rannte los.
Eric griff wahllos die erstbeste Waffe und erwischte eine abgesägte doppelläufige Schrotflinte. In dem Moment, in dem der Dämon ihn fast erreicht hatte, hob Eric die Waffe und drückte ab.
Der Schädel des Dämons zerplatzte und der nunmehr kopflose Körper kippte nach hinten und schlug hart auf dem Boden auf.
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hob den noch qualmenden Lauf vor den Mund und pustete gespielt den Rauch weg.
»Groovy!«
Er hatte es geschafft. Er hatte seinen Traum verändert. Jetzt musste er nur noch aufwachen.
Eric drehte sich um. Vielleicht musste er die Hütte erreichen? Vielleicht war sie ein Ausstiegspunkt?
Von dem Dämonenkörper hörte er ein leises Plätschern. Die durch die Schrotflinte weggesprengten Fleischfetzen krochen zu dem Ungeheuer zurück. Stück für Stück fügte sich der Schädel wieder zusammen.
Eric griff sich eines der Sturmgewehre und legte an. Der Dämon erhob sich wieder.
»Du bist so abgrundtief hässlich!«, murmelte Eric, dann riss er den Abzug durch. Wieder wurde das Unwesen von den Füßen gerissen, aber diesmal gab sich Eric keinen Illusionen hin. Stattdessen formulierte er in Gedanken einen neuen Wunsch nach einem LKW.
»Ich komme wieder«, rief er dem Monster zu, bevor er in den aus dem Nichts erschienenen Laster einstieg. Hastig startete er den Motor, legte den Gang ein, löste die Handbremse und überfuhr den Dämon.
»Hasta la vista, Baby«, rief er aus dem Fenster, bevor er den Motor ausschaltete und ausstieg.
Dann schlendere er zu der Waffenwand zurück und griff sich einen Flammenwerfer. Eine Feuerlanze schoss heraus und steckte den leblos wirkenden Körper in Brand.
»Erledigt Alter, aus dir mach ich Hundefutter, Kumpel!«, kicherte Eric und ließ den Flammenwerfer fallen. Dann schaute er sich wieder nach der Hütte um.
Er musste sehen, dass er irgendwie aus seinem Traum herauskam. Doch als er losmarschieren wollte, wurde er am Fuß festgehalten und zu Boden gezerrt.
»Für einen Menschen – nicht übel«, knurrte der Dämon – und es klang beinahe wie der Androide Bishop aus Aliens. Seine Klauenhände tasteten über Erics Körper, seinen Hals, befühlten seinen Kopf. Umschlossen den Schädel.
Eric schrie. Er fühlte, wie der Druck auf seinen Kopf zunahm, wie die Klauen in die Kopfhaut eindrangen, den Schädelknochen durchstießen. Immer stärker wurde der Druck.
Aus seinem Schreien wurde ein verzweifeltes Kreischen.
Dann spürte Erik, wie sein Schädel nachgab und barst.

Im Laufe der Obduktion wurde Erics Schädelhöhle geöffnet.
Dabei wurde eine Wucherung, ein Hirntumor entdeckt.

 

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