Jutta Ehmke: Gemeinsam das Handwerkszeug erlernen

Es gibt so manchen, der etwas Besonderes macht. Etwas, was nicht jeder macht. Diese »anderen« Dinge abseits der »anderen« Bücher sammeln wir in der Kategorie Das »andere« Andere. Auch – oder gerade weil – es nicht direkt etwas mit den Büchern von »Das andere Buch« zu tun haben.

Die etwas »andere« Schreibgruppe

Was macht eine gute Schreibgruppe aus? Infoaustausch und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen? Mitnichten!

Schreiben heißt mit hundert Kugeln jonglieren. Plot und Hook, Perspektive und Metapher – und Vorsicht, gerade ist ein Infoknödel zu Boden gefallen! Stolz deutet der Anfänger auf jene Kugeln, die er schon gekonnt in der Luft halten kann und merkt nicht, dass er knietief in den anderen watet, welche ihm unbemerkt zu Boden gefallen sind. Fatalerweise ist die Mehrzahl der Kugeln für Anfänger nämlich unsichtbar. Fortgeschrittene Autoren beobachten das Treiben schweigend, entmutigen wollen sie den Nachwuchs nicht, und sich selbst halten sie keinesfalls für allwissend. Was aber, wenn sich der arme Anfänger im Kreis dreht, unfähig, den Finger auf die Wunde legen? Oder schlimmer, wenn er keinen angeborenen Fehlerdetektor besitzt und Absage um Absage kassiert, wo ein einmaliger Hinweis „Handwerkszeug erlernen!“ vielleicht genügt hätte, um ihm die Augen zu öffnen?

„Hierzulande fehlt die Mittelklasse“, beklagt Hans-Peter Roentgen in seinem Buch „Schreiben ist nichts für Feiglinge“ und meint damit, dass nur Bestsellerautoren auf der einen und blutige Anfänger auf der anderen Seite wahrgenommen werden. Zehntausend (!) Übungsstunden seien nötig, um vom Anfänger vom Profi zu reifen, ganz gleich, ob man Musiker, Spitzensportler oder eben Schriftsteller werden will. Grob geschätzt sind das fünfzehn Jahre à zwei Stunden Training am Tag (Sonn- und Feiertage inklusive). Einen Trainer zu haben erleichtert die Sache ungemein, denn dieser kann die unsichtbaren Kugeln markieren und sichtbar machen. Doch wo Musiker und Sportler problemlos ihre Lehrer finden, da hat der Schreibnachwuchs ein Problem.

Thrillerautor und Blogger Marcus Johanus hält sogar gute Englischkenntnisse für eine der unterschätzten Eigenschaften, die jeder angehende (deutsche!) Autor mitbringen sollte. Die besten Infos kommen nun einmal aus dem englischsprachigen Raum. In Amerika werden Kenntnisse im narrativen Schreiben schon im Schulunterricht vermittelt, jedes Kind kennt den Unterschied zwischen einem Aufsatz und einer Geschichte oder weiß, dass selbst ein Hemingway die hohe Kunst des Schreibens erlernen musste.

Hierzulande sind Schreibkurse meist teuer oder finden mangels Mindestteilnehmerzahl gar nicht erst statt. Sicher, Wissen kann man sich anlesen und sollte es auch, doch Lehrbücher und Online-Foren sind nicht jedermanns Sache, und das persönliche Miteinander ersetzen sie nicht.

In meiner Ecke der Welt kennt man Schreibgruppen meist nur vom Hörensagen. Also selbst eine gründen? Gut, einverstanden. Aber worauf achten? Was unterscheidet eine gute von einer schlechten Schreibgruppe? Glücklicherweise lässt sich diese Frage leicht beantworten: Gute Gruppen bieten konstruktive Kritik. Ohne Kritik kein Fortschritt, ohne Kritik bleiben die unsichtbaren Kugeln unsichtbar. Ein Klima, in dem ein offenes Wort möglich ist, ist unerlässlich -und auch, dass Anfänger wie Fortgeschrittene auf ihre Kosten kommen. Wir bieten Textanalyse und Grundlagenunterricht, teilen Ideen und Infos und übersetzen sogar Lehrstoff aus dem Englischen. Neben Austausch, Unterricht und Hausaufgabe ist auch eine Spieleinheit fester Bestandteil unserer Treffen geworden. Einfach, weil es Spaß macht, sich hin und wieder in einem Schreib-Quiz zu messen oder neu erschaffene Charaktere im Rollenspiel zu erproben. Da der Unterricht fortlaufend stattfindet, ist ein Neueinstieg jederzeit möglich. Wir handeln frei nach dem Motto: „Jeder, der etwas von uns lernen will, ist unser Schüler, jeder von dem wir etwas lernen können, ist unser Lehrer.“ Garantien gibt es keine, weder auf Vollständigkeit noch auf Perfektion. Dafür ist die Teilnahme kostenlos.

Projekte sind selten, doch hin und wieder packt es uns. So findet am 15. August ein Dichterwettstreit der besonderen Art statt. Das Publikum bewertet die Vortragenden anonym per Fragebogen und bietet ihnen so die Möglichkeit, eigene Stärken und Schwächen besser einschätzen zu lernen.

Sind wir eine „andere“ Schreibgruppe? Vielleicht. Mangels Vergleich kann ich diese Frage nicht beantworten, aber wir sind auf einem guten Weg.

 

Ihr findet den Dichterwettstreit interessant? Oder wollt bei uns reinschnuppern? Aber gern, bitte meldet euch: ingwermond@gmail.com.

 

Schreibwütige Grüße, Jutta Ehmke

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