Auch im neuen Jahr gibt es „Die andere Geschichte“

Diesmal stammt die Geschichte zum Thema Heimat von unserer Gastautorin Barbara Scheck.

Fridolins neue Entdeckung

„Großmutter, wie habe ich mich erschreckt! Das hat aber eben gerumpelt draußen!“

Aufgeregt war er ins Haus gestürmt und umarmte sie furchtsam.

„Erst hat es so komisch geknirschelt, und dann – rums – hat der Boden unter meinen Füßen gewackelt. War das etwa ein Erdbeben?“

„Ach was, so lange ich hier schon lebe, hat es noch kein wirkliches Erdbeben gegeben!“, beruhigte sie den Jungen und strich durch seinen Haarschopf.

„Aber das war wirklich echt gruselig, Oma“, beteuerte der Kleine. „Da trau ich mich gar nicht mehr hinaus.“

Die Angesprochene legte das Geschirrhandtuch zur Seite, mit dem sie gerade noch den Abwasch hatte beenden wollen, und nickte.

„Gut, dann lass uns gemeinsam schauen, ob sich um unser Haus etwas verändert hat.“

Sie band ihre Schürze ab und nahm den Buben an ihre Hand. So fühlte er sich schon viel sicherer und ging mutig mit ihr vor die Haustür.

„Nun zeige mir einmal, wo du heute schon herumgestromert bist.“ Warm hüllte sie der Sommerwind ein, als sie langsam, Schritt für Schritt, dieses Gebiet durchforschten.

Tief holte sie Luft und meinte: „Riech nur, wie frisch es duftet, nachdem gestern das Gewitter die Schwüle der vergangenen Tage abgelöst hat.“

Ganz in Gedanken an das erschreckende Geschehen versunken, nickte er nur und starrte in die Richtung, aus der das  Rumpeln gekommen war.

„Da“, flüsterte er, „sieh dir nur diesen Baum an!“

Ihr Blick wanderte weiter zum Ende der kleinen Obstbaumwiese.

„Hm, ich sehe noch gar nichts, was sich verändert haben sollte“, murmelte sie vor sich hin.

Fridolin ergriff hastig ihre Hand und zog sie weiter zum Bachlauf hin.

„Hier wollte ich mein gebasteltes Holzfloß ins Wasser setzen.“ Gemeinsam überstiegen sie umherliegenden Äste und sahen gar nicht, dass diese wie zu einer kleinen Höhle zusammengeschoben waren.

Am Gewässerrand aber fiel ihr sofort etwas auf, das wirklich anders war. Sie lächelte in sich hinein und sprach leise, als wolle sie niemanden stören: „Ja, mein Junge, du hast ganz Recht. Hier ist etwas geschehen.“

Fragend schauten sie zwei große Augen an. ‚„Nun sieh einmal ganz genau hin: Dieser Baum stand gestern noch. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du hättest einen Weg gefunden, dieses kleine Gewässer zu überbrücken.“

„Ich?“ Kopfschüttelnd wies er den Gedanken von sich. „Nein, ich doch nicht, das musst du mir glauben!“

„Und ob ich dir glaube“, sprach die Großmutter, „denn das kannst du wahrlich nicht gewesen sein!“ Dabei wies sie auf das Ende des Stammes. „Schau nur, wie der aussieht. Eigentlich müsste hier doch…“

Aufgeregt unterbrach der Kleine seine Großmutter und rief: „…eine Wurzel dran sein, nicht wahr?!“

Langsam traten die beiden noch näher heran, und der Junge bestaunte das Ende des Baumes, um sogleich überrascht auf ein weiteres Wunder zu zeigen. „Guck mal, Oma, das sieht ja aus wie ein großer Buntstift, der in den Boden gesteckt wurde!“ – und zurückschauend auf den umgefallenen Baum: „Und der da auch, als hättest du einen Riesenanspitzer genommen, um einem Riesen einen Stift anzuspitzen!“

„Weißt du, dass du den Nagel auf den Kopf getroffen hast‚ wie man so schön sagt?“

„Wieso?“

„Es gibt hier wirklich ein Wesen, das so etwas vermag: Bäume anzuspitzen.“

„Sind wir jetzt gar in dem Märchenwald, von dem du mir immer aus deinen uralten Büchern vorliest?“

„Nun, es ist wirklich fast märchenhaft, was ich dir dazu erzählen kann“, stimmte sie zu, „aber dazu muss ich mich erst einmal setzen, denn das ist eine längere Geschichte.“

Gespannt suchte sich auch Fridolin einen bequemen Sitzplatz und lauschte ihren Worten.

 

Es ist schon eine Weile her, da meinten die Bewohner dieser Gegend, dass alles ihnen gehöre und sie es bis ins Kleinste auch ausnutzen, das Letzte aus dem Grund und Boden herausholen müssten … Doch dann kam die große Flut, die alles überschwemmte und mit sich riss, Bäume, Sträucher, Tiere und sogar Häuser … Manch ein Mensch wurde von den Wassermassen gepackt und ist darin ertrunken … Viele verloren all ihr Hab und Gut!

 

„Aber dir ist doch nichts zugestoßen, oder ? Auch das Haus steht noch und der alte Schuppen, die Heustadel haben auch nichts abbekommen?“

„Nein, denn dein Großvater war ein kluger Bauersmann. Er hatte von seinen Ahnen gelernt, mit der Natur im Einklang zu leben.“

„Was heißt das eigentlich: ,im Einklang zu leben‘?“

„Dann höre nur weiter gut zu.“

 

Während mancher nach der großen Flut aufgab, weil der Schlamm, den das Wasser mitbrachte, alles bedeckte und verschmutzte – Felder, Wiesen, Wälder und das Innere der Höfe – setzten sich Großvater und andere Interessierte zusammen, um einen Ausweg zu finden. Ihnen war nämlich aufgefallen, dass einige Gebiete kaum etwas abbekommen hatten, obgleich sie ähnlich hoch lagen. Und so brüteten und beratschlagten sie über den Fotos, die vor ihnen lagen. Nur der Alte, wie sie ihn liebevoll nannten, schwieg und lächelte in sich hinein.

 

„Warum hat er denn geschwiegen?“

Daraufhin stellte ihm die Großmutter eine Frage: „Erinnerst du dich noch daran, wie dein Vater dir verboten hat, die Ofentür anzufassen, wenn im Winter geheizt wurde?“

„Ja doch“, murmelte er verdrossen, „immer musste er nur meckern, alles war verboten und …“

„Genau“, erwiderte sie, „da hast du einfach mal nicht gehört …“

„Und da habe ich dann doch angepackt und mich arg verbrannt!“, kam es flüsternd aus seinem Mund. „Aber was hat denn das mit deiner Erzählung zu tun?“

So wie du erst einmal deine eigenen Erfahrungen sammeln musstest – du hast der Mutter später sogar gern beim Heizen geholfen, aber dich fortan geschützt – sollten die anderen eben selbst herausfinden, was sie falsch gemacht hatten!“

Sie schwiegen eine Weile vor sich hin, und jeder hing seinen Erinnerungen nach.

„Pst, da war doch was!“ Beide lauschten aufmerksam und sahen eine Bewegung in der Nähe des Wassers. Die Großmutter legte den Finger auf ihre Lippen und deutete auf ein paar schwankende Sträucher. Hinter einem Ast, über dem Wasser hängend, war ein Tier zu sehen mit einem pelzigen Köpfchen und einer glänzend schwarzen Nase. Es klammerte sich mit zierlichen kleinen Pfötchen fest, um an der Rinde zu nagen – in der Sonne sah man sogar die Nagezähnchen blitzen. Schwarze Knopfäuglein huschten geschwind hin und her, um die Umgebung im Blick zu behalten.

„Ohhhh, wie niedlich“, hauchte der Junge und wagte sich nicht zu bewegen. Auf einer gelben Schwertlilie, die ganz in seiner Nähe wuchs, ließ sich ein Trauermantel nieder und fand Gefallen an deren leicht schaukelnder Bewegung. Oma Fridas Augen hingen an diesem wunderschönen Schmetterling und glänzten vor Freude. In weiter Ferne war ein Specht zu hören; in diese Stille hinein aber platschte etwas ganz in der Nähe ins Wasser. Mit einem „Quaaaaack“ verscheuchte der kleine grüne Kerl alle Lebewesen in der Nähe.

Die beiden Bewunderer der Natur brachen in ein befreiendes Lachen aus.

„Wie schön ist es doch bei dir!“

„Das kannst du wohl zweimal sagen.“

„Ich will gar nicht mehr fort von hier.“

„Wer sich gut umschaut, entdeckt überall schöne Ecken“, mahnt sie leise, „Ecken, die man gut schützen muss, damit sich die Natur nicht eines Tages auf ihre Weise zu rächen beginnt …“

„Und wie ging es nun weiter mit der Geschichte?“

 

Alle, die bereit waren, ehrlich und offen aufzudecken, was in der Vergangenheit für Fehler gemacht wurden, erkannten die Gunst der Stunde. Jetzt war es endlich an der Zeit, etwas wieder gut zu machen. Längst hatte der eine oder andere festgestellt, dass es eine Vielzahl von Schmetterlingen, Käfern, Vögeln – eben Groß- und Kleingetier aus ihrer Kindheit – kaum oder nicht mehr gab. Gedanken darüber machte sich selten jemand. Wichtig waren zum Beispiel große Weide- und Ackerflächen, die bis an die von Menschen begradigten Flüsse reichten.

 

„Aber das braucht man doch für die Schafe und Kühe! Und dann die Felder für Getreide und so!“, warf Fridolin ein.

„Ja, genau das haben auch viele Menschen bekräftigt, und die Natur- und Umweltschützer hätten sie lieber vor die Tür gesetzt!“

„Warum konnten die sich denn nicht einigen?“

„Das ist eine gute Frage …“

„Immerhin fanden sie endlich zueinander, nachdem die Natur aufbegehrte.“

„Ach ja, erzähl weiter!“

 

Ein Umdenken hatte begonnen. Man sprach über Nachhaltigkeit und wieviel Geld ein Wiederaufbau von Biotopen kosten würde – und da kam dein Großvater ins Spiel. Er schlug vor, die Natur für sich arbeiten zu lassen. Alle blickten ihn verwundert, bestürzt oder auch nur mitleidig an. Als er aber davon berichtete, was er auf  seinem Land angesiedelt hatte, schwiegen sie ehrfurchtsvoll, denn sie kannten die wunderbaren Ländereien unserer Familie, die immer schöner wurden und inzwischen manchen Wanderer hier einkehren ließen.

 

„Lass mich raten!“

Zappelnd vor Aufregung erhob er den Finger, wie im Kindergarten, um etwas zu sagen: „Es ist das Tier, das wir gerade beobachtet haben?“

„Um genau zu sein: die vielen Tiere, die wieder zu uns zurück gefunden haben!“

Über das Gesicht Fridas zog ein helles Leuchten. „Du glaubst gar nicht, was du noch so alles hier bei uns entdecken kannst!“

„Aber wie heißt denn nun das Tier?“

„Es ist der Biber, der sich wieder hier heimisch fühlen kann. Er fällt Bäume, wie du gesehen hast, baut Burgen, gräbt Gänge …“

„Aber ist das nicht gefährlich für uns? Vielleicht gräbt er Tunnel unterm Haus, und dann stürzt es ein?!“

„Keine Angst, er hat genügend Platz. – Er braucht in Ufernähe nur zehn bis zwanzig Meter Raum, dann kommt er uns ‚nicht ins Gehege‘!“

„Aber was hat das mit Hochwasser zu tun?“

„Ach ja, richtig – dazu zeige ich die daheim einige Bilder. Da siehst du, wie der Biber in der Lage ist, Wasser zu stauen mit natürlichen Dämmen. Wie er verhindert, dass sich das Wasser wie ein Sturzbach viel zu schnell in das Tal ergießt. Seine Wasserwege sind verschlungen und zwingen das Wasser zu langsamer Gangart.“

„Und wenn doch mal wieder viel Wasser von den Bergen kommt?“

„Dann sind die Wiesen- und Sumpflandschaften rundherum gut geeignet, all dieses Wasser aufzunehmen.“

Auf Fridolins Stirn bilden sich Grübelfalten, doch dann lacht er auf. „Wenn wir also ihm sein Zuhause lassen und ihn schützen, macht er das auch für uns Menschen, richtig?!“

„Ganz richtig, mein Kleiner, wie klug du bist! Und wenn es genügend kluge Menschen gibt, dann leben wir alle wieder im Einklang mit der Natur!“

 

Über die Autorin:

…und nun zu mir:
Geboren und aufgewachsen 1950 in Cottbus.
Bücher sind, seit ich denken kann, mein ständiger Begleiter – wen wundert es, dass ich schon vor der Schule versuchte, die deutsche Schrift zu „lesen“, denn diese Art Literatur gab es am meisten zu Haus. So wurde „Deutsch“ mein Lieblingsfach und ich hatte Freude am „Schönschreiben“ und später an der Dichterei. Damit jedoch nicht genug, denn das Wort musste vorgetragen werden; so liebte ich die Rezitation und das Vorlesen und hatte großen Erfolg damit, setzte dieses Können später vielerorts auf der Bühne ein (Leitung der Studentenbühne in Halle/Saale; Mitglied bei den „schreibenden Studenten“; Mitarbeit im Theater der KSG ebendort). Nach Abschluss des Pädagogikstudiums war es für mich von besonderer Wichtigkeit, den Schülern (auch im Fachunterricht) ihre Muttersprache besonders nahe zu bringen und arbeitete später mit allen Altersgruppen ( ab zwei Jahre), um so zeitig wie möglich die Freude an der Literatur zu wecken.
Nach den vielen Wirrnissen des Lebens fand ich auf wundersame Weise den Weg zu einem Schriftsteller und dessen Verlag. Hier kann ich mich nun endlich entfalten (inbesondere als Lektorin), viel lesen und all die verschütteten Gedanken, Textfragmente und Erinnerungsfetzen sammeln, nach und nach zusammensetzen und  das beenden, was damals begann…an einem Ort, der kraftvoller nicht sein kann : Greith im Allgäu – und einem wunderbaren Partner an meiner Seite!
Barbara Scheck
Greith 8
87642 Halblech
017638841463

Eine weitere andere Geschichte

Die dritte Geschichte zum Thema

Zuhause

kommt von Andreas H. Buchwald.

 

Heimat

Es gab eine Zeit, da wollte ich unbedingt wissen, was dieses Wort bedeutet. Die Leute redeten dies und jenes, doch nichts konnte mich zufrieden stellen, und so habe ich jeden Gedanken daran irgendwann aufgegeben. Mein Leben verlief eher holprig, wild, gefährlich und entbehrungsreich als glatt und schön, doch mit dem, was so viele Menschen ihr „Zuhause“ nennen, hatte das für meine Begriffe nie etwas zu tun.

Meine Eltern, die den großen Krieg noch erlebt hatten, waren aus einer Gegend gekommen, aus der man sie „vertrieben“ hatte, wie sie das nannten. Und ein paar Jahre lang waren sie von Ort zu Ort gezogen, weil man sie nirgends leiden mochte, bis sie sich in einer baufälligen Hütte einnisteten, die am Rand eines klitzekleinen Dorfes stand. Sie bot ihnen nur notdürftigen Wetterschutz, denn bei stärkerem Regen drang das Wasser durch beinahe alle Mauern, aber sie brauchten keinen einzigen Pfennig für die Miete zu berappen, ein Umstand, der ihnen sehr zupass kam, weil ihre finanziellen Mittel damals gegen Null gingen.

Ich war wohl ein Kindchen von drei oder vier Jahren zu jener Zeit, und meinen gelegentlich knurrenden Magen vergaß ich nach dem Sattwerden ebenso schnell wie die Tatsache, dass ich in Kleidungsstücken umherlief, die notdürftig geflickt waren und keinerlei Modeanspruch genügten. Und indem ich unmerklich aufwuchs, bekam mein Vater Arbeit, meine Mutter gute Nachbarinnen und ich mehrere Geschwister. Wir wurden reicher, die Schäden an der Hütte konnten so gut ausgebessert werden, dass das Endergebnis fast schon die Bezeichnung „Haus“ verdiente, und ich begann, mich wenigstens in dem neu gestalteten Wohnzimmer kuschelig zu fühlen. Die Nische aber, in der ich nachts neben einem meiner Brüder schlafen musste, blieb kalt und unbehaglich und bescherte mir gruselige Träume.

Bald ging ich in die Schule und schlug mich dort tapfer, obwohl mir meine Kameraden heftig zusetzten, denn ich trug immer noch schadhafte Hosen und bekam zu Weihnachten nur gebrauchte Bücher geschenkt und keine ferngesteuerten Traktoren. Der Mensch gewöhnt sich irgendwann an alles, und so gelang es auch mir, all die glücklichen und weniger glücklichen Umstände im Bewusstsein ihrer Unabänderlichkeit hinzunehmen. Auf diese Weise begann ich sogar das Dorf, in dem ich lebte, zu mögen.

Dennoch sehnte ich mich nie nach Hause oder schluchzte mich in den Schlaf, wenn ich ein paar Tage fern von meinen Eltern und Geschwistern in einem Ferienlager zubrachte. Viele Kinder quälten sich damit, und die Erwachsenen nannten diese Krankheit „Heimweh“, worüber ich nicht wenig staunte und auch Jahre später noch den Kopf schüttelte. Zu Hause – das war einfach nur Alltag. Dort hätten sie mir tausend Arbeiten aufgehalst, mich nicht in Ruhe lesen lassen. Mir ging es wahrlich besser, wenn ich woanders war.

Im Älterwerden lernte ich zahlreiche Karten- und Maskenspiele und wie wichtig es war, Feinde zu besitzen. Ohne Feinde hätte ich nicht fühlen können, dass ich lebe, hätte mein Dasein keinen Sinn gehabt. Selbst in meinen Büchern kämpften Weiße gegen Indianer, Katholiken gegen Protestanten, Sheriffs gegen Banditen oder Revolutionäre gegen die Bourgeoisie. Manchmal ging es um „Verteidigung der Heimat“, und ich stellte mir vor, dass eine dunkle Armee von Bösewichtern unser kleines Dorf vernichten wollte. Selbstverständlich hätte auch ich mich ihnen entgegengestellt und an der Seite meiner Nachbarn bis zum letzten Blutstropfen gekämpft. Tatsächlich aber hatten einige meiner Schulkameraden nur zwei Banden gebildet, die sich mit Stöcken und Zündplättchenpistolen bekriegten oder versuchten, die jeweiligen Geheimverstecke, die sich in verschiedenen Scheunen befanden, zu entdecken und zu zerstören. Ihnen konnte ich nicht ausweichen; Neutralität hätte mich zum Freiwild für sie alle gemacht, und so fügte ich mich ihren Kriegsspielen und nahm Partei. Dennoch wusste ich immer instinktiv, dass auch die Gegenbande ihre Existenzberechtigung besaß und die unsrige keinen Deut höher auf der Moralskala stand.

Irgendwann aber kam der Tagebau. Es hieß, unter dem Dorf befände sich Braunkohle, der wichtigste Rohstoff unseres Landes, und es gebe keine Alternative. Diesen Schatz mussten sie aus der Erde wühlen. Die Häuser und Menschen störten dabei und sollten verschwinden. Mein Vater wie auch meine Mutter sahen mit einem Schlage abgehärmt und finster aus.

„Nun verlieren wir unsere Heimat zum zweiten Mal“, sagten sie.

Für mich klang das bedrohlich und sehr bitter, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Trotzdem wusste ich inzwischen, dass es überall Häuser gab, in denen man wohnen konnte. Wir würden unsere Möbel, Bücher und Töpfe und all den anderen Klimbim nehmen und in ein anderes Haus an einem anderen Ort schaffen. Das Dorf war beileibe nicht der Nabel der Welt.

Nachdem sechs oder sieben weitere Jahre vergangen waren, existierte es nicht mehr. Es würde auch niemals wieder aufgebaut werden. An seiner Stelle gähnte ein gewaltiges Erdloch, das sich entweder irgendwann mit Wasser, vielleicht aber auch nur mit Müll und Unrat füllen würde. Meine Eltern, die nunmehr am Rande einer großen Stadt wohnten, jammerten fast jeden Tag darüber, dass sie zum zweiten Mal aus ihrer „Heimat“ vertrieben worden wären und sehnten sich ihrem Grab entgegen. Zwei unserer ehemaligen Nachbarn hatten sich sogar erhängt.

Anfangs machte ich mir wenig daraus, hatte bestenfalls ein Schulterzucken für all diese Geschehnisse übrig. Einer geregelten Arbeit ging ich nun nach, hatte geheiratet und war Vater eines Töchterchens, und unsere Mietwohnung enthielt alles, was ich zum Wohlfühlen brauchte. Nach unserem zweiten Kind schafften wir uns obendrein einen Fernseher an, um ein drittes leichter vermeiden zu können, und fanden in den flimmernden Bildern genügend Ablenkung und Trost, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob uns etwas fehlte und ob dieses Etwas vielleicht sogar mit jener merkwürdigen „Heimat“ zusammenhing, für die mir noch keiner eine schlüssige Definition hatte liefern können.

Immerhin begann ich, sehnsuchtsvoll an jenes Dorf zu denken, sobald ich mich mit meiner Frau gestritten oder schlecht geschlafen hatte. Und ganz besonders während meiner Armeezeit. Aber ich wusste sehr gut, dass dieses Kapitel meines Lebens ein für allemal abgeschlossen war.

Nach einigen weiteren Jahren überschlugen sich die Ereignisse und aus unserem lange getrennten Land wurde wieder ein einziges. Die Menschen hatten Freudentränen in ihren Augen und umarmten ein-ander. In Festreden sprachen sie von „Heimat“ und dass zusammenwachsen müsse, was zusammen gehöre. Ich blieb vorsichtig, denn mir war unklar, was sie meinten. Weder hatte noch kannte ich eine Heimat, sondern nur den Unterschied von Alltag und Abenteuer.

Und als ich dann unversehens meine Arbeit verlor, wählte ich das letztere und begann, das zu tun, wovon ich ein Leben lang geträumt hatte. Darüber verlor ich Familie, Haus und Geld, nährte mich von Zufällen und der Hilfe barmherziger Zeitgenossen, zog umher wie ein Zigeuner und bildete mir manchmal ein, dass plötzlich die ganze Welt mein Feind geworden sei. Ich verfluchte sie von Herzen und gab ihr die Schuld daran, dass ich keine Heimat hatte, und dabei wusste ich nicht einmal, was eine solche bedeutet hätte.

Nun heißt es, es gebe Schutzengel und zahlreiche gute Geister, und ich muss gestehen, dass auch ich an derartige Wesen zu glauben begann, denn immer, wenn ich nicht weiter wusste, begegnete mir eines von ihnen. Nur so kann ich mir erklären, dass die Freude zu mir zurückkehrte und all meine Vorhaben segnete, dass mir die Liebe meines neuen Lebens begegnete und mich in eine Gegend verschlug, deren Schönheit mir vom ersten Augenblick an den Atem raubte.

Wiederum geschahen seltsame Dinge. Da in der Welt nicht weniger, sondern mehr Kriege tobten, kamen Menschen von weither, um sich in unserem Land niederzulassen. In den Straßenschluchten der Städte erklangen andere Sprachen, unter schlampig übergeworfener Kleidung steckten andere Hautfarben und hinter Häuserwänden wurden fremdartige Bräuche gepflegt. Dunkle Augen wandten sich ab, wenn man ihnen begegnete, und verbargen Trauer, Zorn und geheime Wünsche. Am Anfang regte sich niemand darüber auf, doch als mit einem Schlag immer mehr Einwanderer kamen und sich ihr Zustrom zu einer Flutwelle steigerte, entflammten wilde Streitereien darüber, ob man ihnen weiterhin Zuflucht gewähren sollte oder sich vor ihnen schützen müsse. Immerhin sei ihnen nichts Anderes übrig geblieben als ihre Heimat zu verlassen, da dort täglich Bomben fielen. Flüchtlinge seien sie wie einst meine Eltern, und wir alle hätten die Aufgabe, ihnen zu helfen.

Ich konnte zu dem allen nicht viel sagen. Zu dem, was meine Eltern mir berichtet hatten, entdeckte ich kaum Ähnliches. Und selbst, hatte ich jemals eine Heimat gehabt, ein Zuhause? Hatte ich etwa jetzt eines, nur weil es mir gefiel, an einem Ort zu wohnen, dessen Schönheit mich noch immer täglich überwältigte? Und wäre jenes verschwundene Dorf einst Heimat gewesen, so hätte ich sie – ohne Krieg und Bomben – für immer und ewig verloren und könnte nie mehr dorthin zurück. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die die ursprünglichen Plätze ihrer Kindheit aufsuchen konnten, sobald sie wollten, obwohl sie lieber davon Abstand nahmen.

Kann ein Land eine Heimat sein? Für manche vielleicht. Ich liebe eher die Sprache, die vertrauten Worte, jene, die Mutter benutzte, die mich lehrte, sie auszusprechen. Und weil ich das nie verhehlte, setzte man mich ein, um dieselben Worte den Neuankömmlingen beizubringen, den Menschen, die sie verdrehten, verfärbten, entstellten und so haarsträubend betonten, dass man sie kaum noch wiedererkennen konnte.

Sie kamen aus den verschiedensten Ländern. Manche von ihnen konnten weder schreiben noch lesen. Sie erhofften sich schier Unmögliches oder nur ein friedliches Leben. Und ich konnte nicht umhin, sie zu mögen.

Vielleicht gelang es mir, ihnen etwas beizubringen. Oftmals aber war es so, dass ich selbst von ihnen lernte.

Mit Händen, Füßen, Augen, ja dem ganzen Körper sprachen wir miteinander. Wer dann schnelle Fortschritte machte und im Handumdrehen so weit war, dass er sich mit mir nahezu fließend über alle erdenklichen Umstände unterhalten konnte, bescherte mir neue Erkenntnisse, Staunen, Schrecken und Kopfschütteln. Und unvoreingenommene Freundschaft.

„Wie war denn deine Flucht?“, wagte ich es nach Wochen endlich, Imad zu fragen, einen heiteren Computerspieler aus Damaskus.

Mit unterdrückter Stimme und nachdem er sich vorsichtig nach Mithörern umgesehen hatte, antwortete er: „Ein Picknick. Ohne Frau und Kinder ist leicht so was.“

Also kein Drama, keine Katastrophe? Mein Weltbild, das ohnehin noch nie gefestigt war und sich noch immer teilweise aus den Berichten des Fernsehens nährte, wankte von neuem.

„Bei uns sagen sie alle: Geh nach Deutschland!“, klärte mich Imad auf, ohne dass ich hätte in ihn dringen müssen. „Ist das Beste so, gibt dort Arbeit, gibt Geld, kannst bald kaufen Auto. Unser Land kaputt, keine Chance, verstehst du? Wir gehen, alle gehen, wer kann. Brauchst du kleines Geld und musst sein gesund, dann kann gehen.“

„Aber bist du nicht Muslim?“, hakte ich nach. „Hättest du nicht besser nach Saudi-Arabien gehen können, auch ein reiches Land, aber eines, in dem sie deine Sprache sprechen und deine Religion leben? Und sehr nahe an Syrien, sodass du nicht weit weg wärst von deiner Heimat.“

Er lächelte so, dass ich mich wie ein dummes Kind fühlte.

„Arabien ist zu“, beschrieb er achselzuckend. „Lassen keinen rein da. Wollen niemand aus Syrien. Europa ist offen und besser. Ja, ich bin Muslim, aber du siehst, was sie tun. Mit ihre Brüder. Sie wollen sie nicht.“

Er machte eine Pause und sah sich um. Seinen Kopf in Richtung meines Ohres schiebend, noch leiser, fuhr er fort: „Ich will nicht so wie die. Will keinen Ramadan, will nicht, dass Frau Angst hat vor mir, will nicht den ganzen Tag immer nur beten. Will gute Arbeit, will Spaß, will leben wie Deutsche.“

„Und deine Heimat?“

„Deutschland meine Heimat“, sagte er, und es klang fast triumphierend.

„Ich weiß nicht mal, ob es meine ist“, rutschte es aus mir raus, und ich sah, wie er stutzte und sich fragte, ob er es richtig verstanden habe.

Viele, viele Geschichten bekam ich zu hören. Kaum eine davon stimmte mit dem überein, was ich über das Fernsehen oder aus der Zeitung erfuhr, von Journalisten, die die Dinge wahrscheinlich von einem Elfenbeinturm aus betrachteten und sie auf bestürzende Weise tiefschwarz oder strahlendweiß anstrichen.

Imad hingegen wurde zu einem Freund, wie ich kaum einen je gehabt hatte, obwohl er deutlich jünger war und ich glaubte, es wäre besser, wenn er von mir ein wenig Lebenserfahrung annehmen würde statt umgekehrt.

„Am Sonntag ist Wahl bei euch“, sagte er eines Tages zu mir und lachte, als ich zusammenzuckte. „Welche Partei wirst du wählen?“

„Am liebsten gar keine“, antwortete ich betreten. „Oder eine von den ganz kleinen, da kann man nichts falsch machen.“

„Warum du nicht wählst AEffDee?“, setzte er sein halb ernstes, halb amüsiertes Verhör fort. „Warum?“

„Da würden sie mich hier rauswerfen, wenn sie es erfahren“, erwiderte ich ausweichend. „Außerdem glaube ich wirklich nicht, dass gerade diese Quertreiber alles besser machen. Politiker halten sowieso nie, was sie versprechen …“

„Bist du mein Freund?“, drang er in mich. „Bist du das?“

„Was hat das damit zu tun?“

„Wenn du mein Freund bist, wählst du AEffDee“, erklärte er bestimmt und beinahe streng.

Ich verstand die Welt nicht mehr.

„Wieso? Die sind doch gegen euch, oder etwa nicht?“

Da senkte er die Stimme von neuem.

„Sie sind die einzigen, die nicht mögen Islam“, flüsterte er. „Ich bin weggegangen auch wegen Religion. Islam wird alle töten, das macht Islam auch in Syrien. Und bald Deutschland, du wirst sehen. Ich mag nicht Islam, und ich kann nicht wählen, aber wenn du bist mein Freund …“

„Du verstehst nicht alles“, widersprach ich. „Es ist nicht so, wie du denkst …“

„Ist nicht so, wie du denkst“, beharrte er. „Wähl’ AEffDee, bitte! Für mich!“

Was bildete er sich ein zu wissen? Hatte er das Parteienangebot gründlich studiert, oder sprachen sich gewisse Dinge unter seinesgleichen herum?

Natürlich gehorchte ich ihm nicht und machte am folgenden Sonntag mein Kreuzchen bei einer „Anderen“. Glücklicherweise fragte er mich später nicht noch einmal danach, und ich muss zugeben, dass ich tatsächlich davor Angst hatte.

Bald aber geschah etwas, das mich noch weit mehr verstörte.

Ich schlief schon, als Imad eines Abends an meiner Wohnungstür Sturm klingelte.

„Was ist los?“, fuhr ich ihn ein wenig aufgebracht an. „Weißt du, wie spät es ist?“

„Viertel nach elf“, erwiderte er, und ich merkte, wie er sich zur Ruhe zwang. „Aber du mein Freund, du mir helfen, bitte!“

„Was brauchst du, was ist passiert?“

„Muss schlafen woanders, vielleicht bei dir“, stieß er gepresst hervor. „Sie haben mich gedroht, wollen töten, ich weiß nicht …“

„Was, wie, wer?“

Allmählich verstand ich, weshalb er gekommen war. In dem Heim, in dem er ein Zimmer mit fünf anderen Syrern teilen musste, waren seine Landsleute über ihn hergefallen, weil sie gemerkt hatten, dass er nie betete. Da er saftig zurückschlagen konnte, mieden sie jeglichen Faustkampf, aber zwei von ihnen hatten sich inzwischen Messer besorgt und damit gedroht, ihn zu erstechen. Abgesehen davon, dass sie sein Bett vorerst unbrauchbar gemacht hatten.

„Sie haben gepisst und geschissen darauf, verstehst du?“, hielt er mir zornig vor. „Ich bin Kuffar für die. Sie wissen, dass ich nicht beten.“

Seufzend stand ich eine Weile da und überlegte. Dann bat ich ihn zu uns herein, und wir besprachen die Angelegenheit gemeinsam mit meiner Liebsten. Am Ende bettete sich Imad auf unsere Wohnzimmercouch und strahlte uns beide dankbar an.

„Du wirklich Freund, ich wusste schon!“

„Du hast eben keine Heimat, genau wie ich selber“, antwortete ich nachdenklich. „Deutschland ist kompliziert, vielleicht hast du dich getäuscht.“

„Ihr seid nur …“ – er zögerte ein wenig – „… dumm.
Nicht alle, nicht du, aber viele. Ich auch dumm, weil denken, Deutschland besser.“

„Ich kann nicht alles so tun, wie du es dir vorstellst“, sagte ich. „Aber ich ahne, wie es in dir aussieht. Du gehörst nirgends hin, hast eigentlich kein Zuhause, keine Heimat, und mir geht es genau so.“

„Deine Wohnung schön“, erwiderte er. „Keine Heimat?“

„Weiß nicht. Du kannst jederzeit nach Damaskus zurück, wo du als Kind schon lebtest. Ich aber kann niemals mehr an meinen Kindheitsort zurück. Es gibt ihn nicht mehr.“

„Ich gehe nicht zurück nach Damaskus.“ Er seufzte. „Sie sprechen arabisch da, aber ich gehe nicht. Sprache von Heimat ist hier.“

Bei diesen Worten legte er seine rechte Hand auf seine Herzgegend.

„Aber …“, wollte ich einwenden, doch er unterbrach mich.

„Du sprichst Sprache von Heimat“, stellte er zufrieden fest. „Sprache von hier.“

Wiederum klopfte er auf seine Brust.

Und ich saß da und sah in die Augen meiner Liebsten und konnte nicht länger gegen meine Tränen kämpfen.

Imad hatte recht.

Ich war angekommen.

In meinem Zuhause.

 

 

Über dem Autor:

Was die Schriftstellerei betrifft, so bin ich ein reiner Autodidakt.  1957 als Sohn eines Rinderzüchters geboren und in einem der für die Braunkohle abgebaggerten Dörfer im Südraum Leipzigs aufgewachsen, las ich für mein Leben gern und schrieb im Deutschunterricht der Schule Aufsätze, die meine Lehrerin sammelte. In der Befürchtung, in der sozialistischen DDR nicht schreiben zu dürfen, was ich hätte schreiben wollen, verzichtete ich indessen auf eine konsequent literaturbestimmte Laufbahn, sondern näherte mich dem Buch auf Umwegen, indem ich eine Schriftsetzer-Lehre absolvierte und viele Jahre lang in diesem Beruf arbeitete. Erst die Arbeitslosigkeit, die mich im Jahr 2000 ereilte, brachte mich dazu, endlich mit dem Schreiben zu beginnen, obwohl ich meinen Lebensunterhalt nur zu oft mit Zusatz- oder Nebentätigkeiten bestreiten musste. So entstand zwischen August 2000 und April 2002 der erste Roman der Trilogie Die Kohle ist es nicht allein…  (nach Herausgabe des vierten Zyklus-Romans in Die Kohle Saga umbenannt) unter dem Titel Stiefel Stuben Stoppelfelder. Dieses und die darauf folgenden Werke wurden zunächst im Leipziger Engelsdorfer Verlag veröffentlicht. Da ich jedoch insgesamt die Erfahrung machte, dass es für Quereinsteiger nicht leicht ist, die konventionellen Wege der etablierten Literaturszene zu beschreiten, begab ich mich auf einen außerordentlich abenteuerlichen Weg, der mir nicht nur unzählige unterschiedliche Erfahrungen in fast allen Lebensbereichen bescherte, sondern mindestens ebenso viele Inspirationen für neue Romane und Erzählungen. Im Laufe weniger Jahre schrieb ich sämtliche derzeit vorliegenden Werke nieder, die ich seit 2010 in dem kleinen AndreBuchVerlag Stück für Stück veröffentliche, tatkräftig unterstützt von einem wachsenden Netzwerk von Freunden und begeisterten Lesern.

Seit 2015 wohne ich gemeinsam mit meiner Partnerin in Greith, Gemeinde Halblech, im Ostallgäu.

Es geht weiter mit: Die andere Geschichte

Zuhause

Von Tabea Petersen stammt:
Wege der Erinnerung

Tabea

Es schlängelt sich das Schienenband
durch Wälder, felszerklüftet Land
zum Tale meiner Kindheit hin.
Und wacker schnauft die kleine Bahn:
„Ich schaff‘ es noch, ich komme an!“
Dampfwolkengrüße gen Himmel ziehn.

Auch die Wege schlängeln sich,
Pflastersteine begrüßen mich,
erkennen den vertrauten Tritt.
Langsam geh ich durch die Straßen,
mir ist, als hört ich in den Gassen
Echos von eifrigem Kinderschritt.

Die Häuser in der kleinen Stadt,
die lang auf mich gewartet hat,
öffnen mir ihre Fensteraugen,
nicken mir beim Vorbeigehn zu
und murmeln leis:
„Willkommen, du
sollst wieder in unsere Stuben schauen.“

Das eine Haus, ich seh’s von Weitem,
es grüßt mich wie in alten Zeiten.
Ob ich wohl noch den Schlüssel find?
Der Flur im kühlen Dämmerlicht,
das mich umfängt, ich fürcht es nicht.
Ich trete ein, bin wieder Kind.

Und spüre wie in jener Zeit
den Herzschlag der Geborgenheit,
vertraut ist jeder Winkel mir.
Ein jedes Ding an seinem Ort,
nur ich allein war lange fort
und ließ doch meine Seele hier.

Manches Geheimnis, Schmerz und Freuden
ist hier, geschützt vorm Lauf der Zeiten,
mir aufbewahrt in stummen Dingen,
die nun mein Finger ausgestreckt
aus ihrem Schlummer sanft erweckt,
Erinnerungen sie mir bringen.

So teilen wir die Dämmerstunde
in einvernehmlich stillem Bunde,
denn leer steht längst das alte Haus.
Und die es einst mit fleiß’gem Streben
zu einem Heim gemacht voll Leben,
für sie blieb ich zu lange aus.

Drum kann ich nur als letzten Gruß
mit einer Träne, einem Kuss
Blumen dem steinernen Engel schenken,
der mir als Kind so manche Nacht
vorm Zimmerfenster Trost gebracht.
Nun wacht er über ihr Andenken.

Bald kehr zum Alltag ich zurück,
bewahre Schmerz, Sehnsucht und Glück
im Herzen tief für stille Stunden,
wenn fern von Eile und Betrieb
ich meiner Heimat, die mir lieb,
in Gedanken bin verbunden.

 

Mehr über die Autorin

Sie ist wieder da: Die andere Geschichte

Unser neues Thema lautet

Zuhause

Unsere erste Geschichte kommt von Margit Kröll.

margitSchule schwänzen

„Ich will nicht in die Schule. Die ist langweilig“, jammerte Simon wieder einmal vor sich hin. Er ging in die zweite Klasse und hasste es, immer pünktlich aufstehen zu müssen. Kaum war er in der Schule, musste er brav auf dem Stuhl sitzen bleiben und zuhören, was der Lehrer erzählte. Dabei brauchte er Bewegung.
Nach ein paar Minuten fing er schon an zu zappeln. Das gefiel dem Lehrer gar nicht und er wurde ständig ermahnt. Was sollte er denn manchen? Auf den harten Holzstühlen konnte niemand ruhig sitzen. Nach einem Jahr Schule hatte der Junge schon genug davon. Wie sollte er denn bloß die nächsten Jahre überstehen?
„Ich will jetzt schon erwachsen sein, dann brauche ich nicht mehr zur Schule zu gehen“, war seine neueste Ausrede.
„Mach deine Hausaufgaben und jammere nicht ständig“, war die Reaktion seiner Mutter. Dabei wurde er nur noch zorniger. Wer hatte bloß die Schule erfunden? Simon wollte doch lieber in der Natur oder mit Lego spielen, Rad fahren und alles andere machen, nur nicht an einen Stuhl gefesselt sein. Nun saß er vor seiner Hausaufgabe und musste schon wieder mindestens eine Stunde ruhig sitzen, um schön schreiben zu können. Neidisch schaute er auf seinen kleinen Bruder. Toni war gerade ein Jahr alt und konnte machen, was er wollte. Er brauchte nicht ruhig zu sitzen, sondern war gerade in der Phase, laufen zu lernen.
„Du hast es gut, du brauchst nicht stundenlang auf einem Stuhl zu sitzen“, murmelte Simon vor sich hin.
Am nächsten Tag beschloss er, anstatt zur Schule, woanders hinzugehen. Viel würde er nicht versäumen, da er seinem Lehrer sowieso kaum zuhörte.
Wie immer winkte er seiner Mutter zu, wenn er das Haus verließ. Er wartete genauso auf seinen Freund Max und marschierte mit ihm zur Bushaltestelle.
Er stieg auch in den Bus ein. Doch bevor sich die Türen schließen konnten, huschte er wieder raus. Zum Glück hatte es der Busfahrer nicht bemerkt, und so konnte er sich problemlos hinter einer Hecke verstecken und warten, bis der Bus weg war. Nicht mal Max fiel auf, dass sein Freund fehlte. Simon hatte ihm einfach erzählt, er wolle heute neben Konrad sitzen, denn er hätte mit ihm etwas zu besprechen. Erst als der Bus weit genug weg war, verließ er sein Versteck. Da er seine Schultasche nicht brauchte, ließ er sie hinter der Hecke liegen.
Nun eilte er zum Spielplatz. Da alle Kinder in der Schule waren, war er ganz allein. Das störte ihn nicht im Geringsten. So hatte er alles für sich allein. Er
genoss es, in der Natur zu sein. Gerade als er am Klettergerüst ganz oben ankommen war, erschreckte ihn eine Frau.
„Müsstet du nicht in der Schule sein?“, fragte sie ihn vorwurfsvoll.
„Nein! Heute bin ich erwachsen und da brauche ich nicht mehr zur Schule“, antwortete er ihr. Alles weitere, was die Dame sagte, ignorierte er. Er flüchtete vor seinem Lehrer, wieso sollte er dann jemand anderem beim Reden zuhören. Auf einmal fühlte sich Simon irgendwie seltsam. Als er nach unten blickte, sah er die Dame grinsen. Sie streute eine Art Pulver nach ihm. War sie denn eine Hexe? Simon machte die Augen zu. Er wollte nichts von dem Pulver in die Augen bekommen. Vorsichtig versuchte er nach unten zu klettern. Das ging rascher, als er gedacht hatte. Das Hinaufsteigen war viel mühsamer gewesen. Es war so, als ob die Sprossen auf einmal einen geringeren Abstand hätten als vorher. Er musste sich kaum noch strecken.
Als er den Boden berührte, machte er die Augen wieder auf. Die Frau war verschwunden. Hatte er sich das alles nur eingebildet? Vielleicht war es besser, wenn er in die Schule ging, dachte er und machte sich auf den Weg.
Scheinbar hatte er doch etwas von dem Pulver abbekommen. Alles war verschwommen, und so sah die Straße anders aus als sonst. Er musste husten, als ob er Rauch eingeatmet hätte.
Endlich konnte er wieder klar sehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass gar keine Autos auf der Straße fuhren. Er wollte seine Schultasche holen, doch sie war nicht mehr hinter der Hecke. Die Schultasche hatte ihm einfach jemand gestohlen, und die Hecke schien ihm auf einmal viel kleiner und ungepflegter zu sein. Das kam wahrscheinlich von diesem Pulver, das er in die Augen bekommen hatte. Nun wollte er doch zur Schule, aber auf keinen Fall zu Fuß.
Das wäre ihm viel zu anstrengend gewesen. Er beschloss also, seiner Mutter zu sagen, er habe den Bus verpasst. Das war ihm schließlich schon einmal passiert, obwohl er pünktlich an der Bushaltestelle gewesen war. Er machte sich auf den Nachhauseweg. Das Pulver in den Augen tat ihm nicht gut.
Seine Augen spielten ihm einen Streich. Alles wirkte verändert. Er hätte nicht einmal sein Haus erkannt. Es sah auf einmal alt und halb eingestürzt aus. Als er hineinging, erblickte er seine Mutter, doch sie erschien ihm viel älter. Sie erklärte gerade einem etwa elfjährigen Jungen etwas über Erdkunde. Seit wann gab seine Mutter Nachhilfeunterricht? Das hatte sie ihm nie erzählt. Und wo war Toni? Wo waren die ganzen Spielsachen? Wo war Tonis Spielecke?
„Was ist los?“, fragte der fremde Junge Simon.
„Nicht ablenken lassen, Toni! Wir machen mit dem Unterrichtsstoff weiter“, mahnte seine Mutter. Hatte sie denn gerade Toni zu dem Jungen gesagt?
Simon ging in sein Zimmer, doch das war vollkommen verändert. Die Tür hing schief, alle Spielsachen waren weg, die Fenster waren zerbrochen, die Vorhänge zerrissen. Außerdem stand ein zweites Bett drinnen. Schnell eilte er in die anderen Zimmer. Das Elternzimmer sah genauso verwüstet aus.
Tonis Zimmer war ganz zerstört und unbewohnbar. Schnell lief er hinunter und frage seine Mutter: „Was ist hier los?“
„Ach Simon, ich muss es dir wohl jeden Tag neu erklären: Seit dem Krieg hat sich hier alles verändert. Als eine Bombe in der Nähe hochging, wurde unser Haus stark beschädigt. Dabei ist dir ein Balken auf den Kopf gefallen. Seit dieser Zeit leidest du unter Gedächtnisverlust. Du kannst dich nicht mehr daran erinnern. Du sagst immer, du wärst acht Jahre alt, dabei bist du achtzehn!“
„Du erkennst nicht einmal deinen eigenen Bruder“, klagte der fremde Junge, „ich bin es, Toni.“
„Nein, nein, nein. Das ist unmöglich!“, stöhnte Simon vor sich hin.
„Es ist aber so“, meinte der Junge.
So erfuhr er auch etwas über den Krieg, der drei Jahre zuvor ausgebrochen, aber zum Glück wieder vorbei war. Nur mit der zurückgebliebenen Zerstörung musste nun jeder zurecht kommen. Jeder musste es so hinnehmen, wie es im Augenblick war. Geld hatte niemand mehr, deshalb lebte jeder in Armut.
Häuser konnten nicht mehr renoviert werden. Es gab keinen Strom. Autos konnte sich keiner mehr leisten. Die Schule wurde auch zerstört, deshalb unterrichteten die Erwachsenen ihre Kinder zu Hause…
„Ich will wieder acht Jahre sein!“, wimmerte Simon vor sich hin, „Dort, wo ich zu Hause bin, wo meine Heimat noch in Ordnung ist!“
Er sah auf seine Kleider. Sie waren löchrig, schmutzig und viel zu eng. Als er in den kaputten Spiegel blickte, konnte er sich selbst nicht mehr erkennen.
Sein Gesicht sah so alt aus. War das ein Bart oder nur einige Schmutzflecken auf dem Spiegel? So genau konnte er es nicht auseinanderhalten. Eines wusste er aber mit Sicherheit: Hier konnte er es nicht länger aushalten. Alles war fremd, und er fühlte sich überhaupt nicht wohl. Solche Bilder kannte er nur aus dem Fernsehen. Was hatte denn einen Krieg ausgelöst? Das hätte er gerne gewusst, aber er bekam keine Antwort darauf.
„Vorsichtig“, rief jemand laut.
Simon hatte die Augen geschlossen und öffnete sie jetzt. Beinahe wäre er hinuntergestürzt. Er befand sich auf dem Klettergerüst, auf das er zehn Jahre zuvor geklettert war. Wenigstens war das noch heil.
„Manchmal bläst der Wind so stark, dass er den Sand bis ganz nach oben aufwirbelt“, erklärte eine Frauenstimme.
Langsam stieg er hinunter und erkannte die Dame wieder. Hatte sie ihn in diese furchtbare Zeit verbannt?
„Ich will sofort wieder ein Schulkind sein!“, rief er wütend.
„Dann solltest du wieder in die Schule gehen, anstatt zu schwänzen“, war ihre Reaktion darauf.
In die Schule zurück, war sie nicht zerstört? Schnell rannte er zur Bushaltestelle und fand auch seine Schultasche wieder. Seltsam, es fuhren Autos. Ein Bus hielt an. Rasch stieg Simon ein und direkt vor der Schule wieder aus. Ja, die Schule war noch da und alles andere auch. Hatte ihn die alte Dame in diese furchtbare Zukunft versetzt, oder war alles nur ein böser Traum…?

 

Über die Autorin:

Margit Kröll wurde am 19.11.1983 in Schwaz geboren. Sie schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr aus und hat bis jetzt 14 Bücher geschrieben (Bauernhofgeschichten, sowie Krimis und Romane für Kinder) – 4 davon wurden veröffentlicht. Seit 2010 konnte sie zahlreiche Geschichten und Gedichte in diversen Anthologien veröffentlichen. Seit Juni 2007 arbeitet sie als Kinderbetreuerin in einem Kinderhotel.

Sie sagt über sich selbst: „Für mich als Autorin ist es wichtig, Kontakt zu den Lesern zu haben, deshalb plane und organisiere ich Lesungen in Volks- und Mittelschulen, sowie in Büchereien. Seit Oktober 2004 habe ich über 140 Lesungen veranstaltet.“

Margit ist eines der vier Gründungsmitglieder von „Das andere Buch“.

 

Videobotschaft: Das Ebook-Schülerprojekt ist ab heute erhältlich.

Es ist vollbracht! Das E-Book »Komm schnell, Achmet« kann seit heute überall erworben werden, wo es E-Books gibt.

Beispielsweise bei amazon, bei Weltbild sowie über den Verlag Torsten Low. Nur über letzteren kann man übrigens neben den Formaten Mobi und Epub auch ein einfaches PDF erwerben.

 

Eine neue Geschichte zum Thema »anders« von Torsten Low

Torsten Low ist Autor und Verleger. Geschichten schreibt er nur noch selten, aber für »Das andere Buch« macht er gerne eine Ausnahme.

Dreamland

Unheilvoll hing der blutrote Mond am nachtschwarzen Himmel. Blitze durchzuckten die Nacht und erhellten für einen Sekundenbruchteil die Ebene. Donner grollte.
Oh nein, nicht schon wieder! Bitte nicht schon wieder!
Eric blickte sich gehetzt um. Da war die alte Hütte. Sie wirkte schlicht, einfach und verlassen, aber die Tür war massiv, die Fensterläden geschlossen und das Dach dicht.
Die Hütte würde dem, was ihn in wenigen Augenblicken erwartete, wenigstens eine Weile standhalten.
Der felsige Boden unter seinen Füßen vibrierte. Auch das kannte Eric schon, trotzdem blickte er gebannt auf den feinen Haarriss, der sich schnell zu einem fingerbreiten Spalt vergrößerte. Eine schwarze, hornige Klaue schob sich aus dem Erdinneren durch den Riss und verbreiterte ihn immer weiter. Weitere Klauen folgten, schoben und drückten den Felsen auseinander.
Erst als der dämonische Schädel mit den gebogenen Hörnern und dem metallisch glänzenden Reißzähnen aus dem Felsspalt auftauchte, konnte sich Eric losreißen. Hastig wandte er sich um und rannte auf die Hütte zu.
Düster erinnerte er sich an etwas.
Stop! Einen Schritt nach rechts!, meldete sein Gehirn – doch seine Beine bewegten sich einfach weiter. Er fühlte, wie der Boden unter ihm nachgab. Hastig warf er sich nach vorn. Seine Hände krallten sich am Boden fest. Ein Ruck ging durch seine Schultern, als sein Körper gebremst wurde. Seine Muskeln zitterten, Schweiß lief ihm über die Stirn. Fieberhaft tastete er mit seinen Füßen nach einem Vorsprung, etwas worauf er sich hätte abstützen können. Sein Blick wanderte nach unten. Der Riss, in den er hineingefallen war und an dessen Rand er sich nur mit Mühe festhalten konnte, reichte kilometerweit in die Erde hinein. Weit unter sich sah er rot glühendes Magma, welches sich brodelnd fortbewegte.
Mit einem Ächzen zog Eric sich nach oben und richtete sich auf, rannte weiter auf die Hütte zu. Wütendes Gebrüll erscholl von unten.
Stolpernd überquerte Eric die Schwelle, stieß hinter sich die Tür zu. Dann verbarrikadierte er diese mit dem aus rohen Brettern zusammengezimmerten Holztisch. Gespannt wartete er und lauschte.
Ein Schlag ließ die Hütte erzittern, dann folgte ein zweiter.
Holz splitterte.
Eric zitterte vor Angst, obwohl er genau wusste, was ihn nun erwartete.
Als das dämonische Wesen die Tür zerriss, konnte er seine Angst nicht mehr beherrschen und schrie.

Von einer Sekunde zur anderen war er wach. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, sein Pyjama war feucht, seine Kehle wie ausgedörrt.
Wieso schon wieder dieser Traum?
Eric hatte aufgehört zu zählen, wie oft er im Schlaf jenen unheimlichen Ort besucht hatte. Seit Monaten schon quälte ihn dieser Nachtmahr, doch in der letzten Zeit wurden diese Träume so intensiv, dass er nachts nicht mehr einschlafen konnte. Fast jeden Morgen wachte er mittlerweile gerädert und unausgeschlafen auf.
Und tagsüber war er so sehr in seine Arbeit angebunden, dass er seit Wochen keine echte Entspannungsphase mehr hatte. Die Kopfschmerzen, die ihn seit einiger Zeit quälten, kamen sicherlich auch von dieser dauerhaften Stresssituation.
In den nächsten Tagen würde er sich unbedingt komplett durchchecken lassen.
Mit diesem Gedanken schlief er ein.

»Du musst ganz einfach die Kontrolle über deinen Traum gewinnen. Steuere ihn. Stell dich dem Dämon entgegen und zeige ihm, wer der Herr in deinen Träumen ist. Wenn du deinen Traum steuern kannst, dann werden die Albträume aufhören. Und mit genügend Schlaf werden auch deine Kopfschmerzen verschwinden. Ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte jahrelang zu wenig Schlaf.«
Eric blickte sein Gegenüber an und holte tief Luft. Er wollte protestieren. Alles in ihm wehrte sich dagegen, gegen das Wesen mit den schwarzen Klauen antreten zu wollen.
Doch sein Gesprächspartner bestürmte ihn weiter.
»Wann hast du das letzte Mal durchgeschlafen?«
»Das letzte Mal vor gut einer Woche.«
Sein Gegenüber nickte. »Dann solltest du wirklich so schnell wie möglich probieren, deinen Albtraum in den Griff zu bekommen. Informiere dich mal bei Wikipedia übers Klarträumen.«

Der Boden unter seinen Füßen vibrierte. Eine schwarze, hornige Klaue riss den Felsen auf und verbreiterte den Riss weiter. Weitere Klauen folgten. Der Riss wurde zu einem breiten Spalt, aus dem gebogene Hörner auftauchten. Ihnen folgte ein furchterregender Schädel mit glänzenden Reißzähnen.
Ich besiege dich, pulsierte es durch Erics Gehirn. Für einen Moment hatte er das Gefühl, er könnte es schaffen. Doch dann wandte er sich um und eilte auf die Hütte zu.
Der Boden! Einen Schritt nach rechts!, signalisierte sein Gehirn. Und sein Körper reagierte.
Links neben ihm brach der Boden ein. Eric frohlockte. Er konnte es. Er beherrschte seinen Traum. Er steuerte ihn. Dies war seine Welt, erschaffen durch sein Gehirn. Er konnte alles tun, was er wollte.
Er musste es nur denken.
Oder?
Eric erinnerte sich an den Film »Matrix« und wünschte sich die endlosen Waffenregale herbei.
Nichts geschah.
Hatte er sich geirrt? Konnte er den Traum doch nicht steuern?
»Hör auf, es zu versuchen. Mach es!«, fluchte er und dachte erneut an die Waffen.
Ein lautes Rattern erklang, ähnlich wie das Geräusch eines vorbeirasenden Schnellzuges und links und rechts von ihm tauchten schwarze Wände auf, an denen unzählige Schnellfeuergewehre, Pumpguns, Pistolen und schwere MGs aufgehängt waren.
Der Dämon, der mittlerweile den Felsspalt verlassen hatte, stieß einen wütenden Schrei aus. Er schien zu ahnen, dass er seine Macht über Eric verlor. Er ließ sich auf alle Viere nieder und rannte los.
Eric griff wahllos die erstbeste Waffe und erwischte eine abgesägte doppelläufige Schrotflinte. In dem Moment, in dem der Dämon ihn fast erreicht hatte, hob Eric die Waffe und drückte ab.
Der Schädel des Dämons zerplatzte und der nunmehr kopflose Körper kippte nach hinten und schlug hart auf dem Boden auf.
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hob den noch qualmenden Lauf vor den Mund und pustete gespielt den Rauch weg.
»Groovy!«
Er hatte es geschafft. Er hatte seinen Traum verändert. Jetzt musste er nur noch aufwachen.
Eric drehte sich um. Vielleicht musste er die Hütte erreichen? Vielleicht war sie ein Ausstiegspunkt?
Von dem Dämonenkörper hörte er ein leises Plätschern. Die durch die Schrotflinte weggesprengten Fleischfetzen krochen zu dem Ungeheuer zurück. Stück für Stück fügte sich der Schädel wieder zusammen.
Eric griff sich eines der Sturmgewehre und legte an. Der Dämon erhob sich wieder.
»Du bist so abgrundtief hässlich!«, murmelte Eric, dann riss er den Abzug durch. Wieder wurde das Unwesen von den Füßen gerissen, aber diesmal gab sich Eric keinen Illusionen hin. Stattdessen formulierte er in Gedanken einen neuen Wunsch nach einem LKW.
»Ich komme wieder«, rief er dem Monster zu, bevor er in den aus dem Nichts erschienenen Laster einstieg. Hastig startete er den Motor, legte den Gang ein, löste die Handbremse und überfuhr den Dämon.
»Hasta la vista, Baby«, rief er aus dem Fenster, bevor er den Motor ausschaltete und ausstieg.
Dann schlendere er zu der Waffenwand zurück und griff sich einen Flammenwerfer. Eine Feuerlanze schoss heraus und steckte den leblos wirkenden Körper in Brand.
»Erledigt Alter, aus dir mach ich Hundefutter, Kumpel!«, kicherte Eric und ließ den Flammenwerfer fallen. Dann schaute er sich wieder nach der Hütte um.
Er musste sehen, dass er irgendwie aus seinem Traum herauskam. Doch als er losmarschieren wollte, wurde er am Fuß festgehalten und zu Boden gezerrt.
»Für einen Menschen – nicht übel«, knurrte der Dämon – und es klang beinahe wie der Androide Bishop aus Aliens. Seine Klauenhände tasteten über Erics Körper, seinen Hals, befühlten seinen Kopf. Umschlossen den Schädel.
Eric schrie. Er fühlte, wie der Druck auf seinen Kopf zunahm, wie die Klauen in die Kopfhaut eindrangen, den Schädelknochen durchstießen. Immer stärker wurde der Druck.
Aus seinem Schreien wurde ein verzweifeltes Kreischen.
Dann spürte Erik, wie sein Schädel nachgab und barst.

Im Laufe der Obduktion wurde Erics Schädelhöhle geöffnet.
Dabei wurde eine Wucherung, ein Hirntumor entdeckt.

 

Bettina Ferbus: Die erste »andere« Gastgeschichte

Seit den Anfängen von »Das andere Buch« gehören Gastbeiträge von anderen Autoren dazu. Auch in Zukunft wollen wir das beibehalten. Bettina Ferbus ist unsere erste Gastautorin in unserem neu gelaunchten Blog. Ihre Geschichte heißt: Die Mönchsgrasmücke

Bettina Ferbus, Jahrgang 1969, ist hauptberuflich Reitlehrerin in ihrer Heimatstadt Zell am See. Neben den Pferden waren Bücher immer schon ihre größte Leidenschaft. Bereits in ihrer Kindheit hat sie angefangen, nicht nur ein Buch nach dem anderen zu verschlingen, sondern auch selbst zu schreiben.
Ihre besondere Vorliebe gilt der Phantastik in all ihren Ausprägungen. So schreibt sie Kindermärchen ebenso wie Fantasy, Science Fiction und (blutigen) Horror. Ihre Kurzgeschichten und Romane sind zum Teil in gedruckter Form und zum Teil als Ebooks erschienen.
Näheres zu Bettina Ferbus gibt es auf ihrer Homepage:
www.ferbus.at/bettina

Die Mönchsgrasmücke

»Ja, Himmel! Was veranstalten die Spatzen denn heute bloß für einen Lärm!« Norbert, der Stallmeister, wandte seinen Blick zur Stalldecke.

Agnes sah ebenfalls nach oben. Mit lautem Getschilpe und Gezetere jagten fünf Spatzen einen anderen Vogel. Agnes konnte nicht erkennen um welchen es sich handelte, sah nur einen panisch hin und her flitzenden, graubraunen Schatten.

Raus, du musst raus, versuchte sie dem fremden Vogel in Gedanken zuzuflüstern. Die Stalltüren sind weit offen. Draußen lassen sie dich bestimmt in Ruhe.

Er schien ihre Gedanken zu hören, denn er hielt nun mit zunehmender Geschwindigkeit auf den Ausgang zu. Doch nein! Er flog zu hoch! Er konnte es nicht erkennen!

Agnes schloss die Augen. Dafür hörte sie das harte »Pock«, mit dem der fremde Vogel gegen das Glas des Oberlichts stieß, umso lauter. Als sie die Augen wieder aufmachte lag das Tier auf der Stallgasse, die Flügel leicht zur Seite ausgebreitet, und regte sich nicht. Agnes eilte zu ihm hin, nahm ihn in ihre Hand. Er war ganz leicht. Das Köpfchen hing schlaff herab. Die Augen waren geschlossen. Das Gefieder war graubraun, an den Flügeln und am Rücken ein wenig dunkler, am Bauch heller. Das Köpfchen zierte eine pechschwarze Kappe.

»Das wird nichts mehr«, sagte Norbert.

Doch Agnes war ganz und gar nicht seiner Ansicht. »Woher willst du das wissen?«

»Bestimmt hat er sich beim Aufprall auf der Fensterscheibe das Genick gebrochen.«

»Und wenn doch nicht?«

»Wenn du meinst, Mädel. Dann leg ihn eben draußen unter die Büsche.«

»Damit ihn die Katze frisst? Ganz sicher nicht.«

»Was willst du denn sonst machen?«

Agnes sah zu Norbert hoch. »Ich werde ihn in meiner Hand halten, bis er wieder aufwacht.« Der bärtige Stallmeister schmunzelte. Er nahm sie nicht ernst. Ehrgeiz regte sich in Agnes. Niemand nahm einen ernst, wenn man erst elf war. Aber sie würde es ihm zeigen!

Sie setzte sich nach draußen, sah den Reitern auf dem Springplatz zu. In ihrer hohlen Hand lag der Vogel – warm und leicht und weich.

Brigitte, die Reitlehrerin, spähte über ihre Schulter. »Was hast du denn da? Eine Mönchsgrasmücke. Ein seltener Vogel. Hoffentlich erholt er sich wieder.«

Damit ging sie auf den Reitplatz, um Carina Unterricht zu geben. Normalerweise beneidete Agnes Carina grenzenlos um Rico. Der weiße Reitponywallach schien alles von selbst zu machen und war außerdem unglaublich hübsch. Doch heute achtete sie kaum darauf, wie Carina ein Hindernis nach dem anderen nahm. Mönchsgrasmücke. Sie hatte einen Namen zu dem Vogel. Und selten war er. Gut, auch von Spatzen hieß es, dass sie immer seltener wurden, aber davon merkte man hier im Stall nichts. Hier waren die Spatzen allgegenwärtig und unglaublich frech. Kamikazespatzen, nannte Brigitte sie manchmal und behauptete, sie würden so nahe an ihrem Gesicht vorbeifliegen, dass sie den Luftzug auf der Nase spüren konnte.

Und sie hatten die Mönchsgrasmücke gejagt, hatten den fremden Vogel nicht in ihrem Revier geduldet. Mit dem Daumen strich Agnes über das befiederte Köpfchen. Die Augen waren noch immer geschlossen, aber wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Agnes hoffte so, dass sich das Tier wieder erholte. Sie wusste, wie es war, wenn man gejagt wurde, weil man nicht dazugehörte. In der Schule erging es ihr auch nicht anders als der Mönchsgrasmücke mit den Spatzen. Sie wurde verspottet, ihre Schulbücher landeten regelmäßig im Dreck und sie hatte sich angewöhnt, ihren Sessel stets auf Kaugummi und Klebstoff zu untersuchen, bevor sie sich hinsetzte.

Dabei hinkte sie kaum noch. Die letzte Operation war gut verlaufen. Agnes konnte jetzt fast normal gehen und laufen und brauchte zwar noch Spezialschuhe, aber keine Schiene mehr. Seit Michael »Michi« Berger, einer ihrer Klassenkameraden, jedoch ein Gespräch ihrer Mutter mit der Direktorin belauscht hatte, wusste die ganze Schule, dass sie mit einem Klumpfuß auf die Welt gekommen war.

»Hinkebein«, war noch die harmloseste Bezeichnung, mit der ihre Mitschüler sie bedachten. Agnes wurde gemieden, als ob so ein Klumpfuß eine ansteckende Krankheit und nicht bloß eine angeborene Fehlstellung sei. Wenigstens war es hier im Stall anders. Hier wurde Agnes geschätzt, weil sie so viel Geduld mit den Pferden hatte. Und Brigitte ging zwar in ihren Stunden auf Agnes’ Probleme ein, schenkte ihnen aber genauso viel – oder wenig – Beachtung wie den hochgezogenen Fersen von Chiara oder den unruhigen Händen von Paula. Vielleicht weil Brigitte jede Menge Erfahrung mit besonderen Schwierigkeiten beim Reiten hatte. Dienstags und samstags gab sie schließlich sogar Reit- und Voltigierunterricht ausschließlich für Behinderte. Nicht, dass Agnes so eine Spezialbehandlung nötig gehabt hätte. Sie hielt ohne Weiteres bei den ganz normalen Reitstunden mit.

 

Plötzlich spürte sie, wie der Vogel sich regte. Er rollte sich auf den Bauch. Agnes konnte die winzigen Krallen auf ihrer Handfläche spüren. Nun hatte er die Augen offen, auch wenn er noch schwankte und zitterte und sichtliche Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten. Auch sein Köpfchen sank immer wieder zur Seite, oder nach vorne, so als wäre es zu schwer für den Hals.

Agnes wagte kaum zu atmen. Bloß jetzt das Tierchen nicht erschrecken. Es hatte sich noch nicht ausreichend erholt, um wegfliegen zu können. Die Mönchsgrasmücke blinzelte. Agnes fühlte den Blick aus den schwarzen Augen auf sich ruhen. Nein, das bildete sie sich ein. Auf ihrer Hand saß nur ein Tier, für das sie wahrscheinlich nicht mehr als ein sich bewegender Berg war.

»Was hast du da?« Carina hatte Rico an der Begrenzung des Springplatzes angehalten und spähte neugierig von ihrem Pony herunter.

Unwillkürlich hielt Agnes ihre Hand schützend über den kleinen Vogel. »Eine Mönchsgrasmücke«, flüsterte sie, denn sie hatte Angst, dass eine laute, menschliche Stimme das Vögelchen erschrecken könnte.

»Was ist das denn?« Carina beugte sich vor, um besser sehen zu können. Ihr Schatten fiel auf Agnes und durch die Finger hindurch auch auf die Mönchsgrasmücke.

Der Vogel in Agnes’ Hand regte sich. Zuerst schien er sich noch mehr zusammenzukauern, doch dann spürte sie, wie er die Flügel bewegte. Sollte sie ihn festhalten, oder würde ihn das nur noch mehr verstören? Zu spät. Schon war er durch einen Spalt zwischen ihren Fingern geschlüpft, und ehe Agnes es sich versah, war er fortgeflogen und zwischen den dichten Bäumen am Rand des Reitplatzes verschwunden.

 

Lange noch sah Agnes ihm nach und am Abend suchte sie im Internet nach Informationen. Mönchsgrasmücken schienen nicht ganz so selten zu sein, wie Brigitte gemeint hatte. Sie wurden als die achthäufigste Brutvogelart in Deutschland angesehen. Aber durch ihre heimliche Lebensweise bekam man sie eben nicht so häufig zu Gesicht. Sie ernährten sich hauptsächlich von Insekten und Spinnen, fraßen aber auch Beeren. Nach der Beschreibung im Internet war das Tier im Stall ein erwachsenes Männchen gewesen, denn die Weibchen und die Jungvögel hatten eine rotbraune Kappe.

Außerdem stand dort, dass die Mönchsgrasmücke von allen Grasmücken die vielseitigste sei. Sie fände sich gelegentlich sogar in den Parkanlagen von Großstädten. Zuerst wusste sie mit dem Begriff monogame Saisonehe nichts anzufangen. Doch als sie weiter las, wurde ihr klar, dass die Vögel eine Brutsaison zusammenblieben, um gemeinsam die Jungen großzuziehen. Häufig trafen sich jedes Jahr dieselben Tiere wieder, wenn sie aus dem Winterquartier zurückkamen. Irgendwie eine romantische Vorstellung. Fand zumindest Agnes.

Vielleicht lag es an den vielen Stunden, die sie über den Vogel gegrübelt hatte, dass sie auch am nächsten Morgen noch an ihn dachte. Hatte sie nicht sogar von ihm geträumt? Während sie im Halbschlaf ihr Müsli löffelte, versuchte sie sich zu erinnern. Verschwommen tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Der Vogel, beinahe so groß wie sie selbst. Eine Landschaft, die nur aus Wolken bestand. Sie fühlte wieder ihre Verwunderung, als der Vogel zu sprechen anfing. Der Schnabel bewegte sich leicht, aber die Stimme schien von überall zu kommen. »Gerettet hast du mich und mein Ei. Darum hast du drei Wünsche frei.«

 

Ihr war, als würde sie diesen Satz auch jetzt noch hören, als würde er in ihrem Kopf widerhallen. Na toll! Ein Ohrwurm, den sie aus einem nächtlichen Traum mitgebracht hatte. Sie schüttelte den Kopf, kratzte den letzten Rest Müsli aus der Schüssel und schnappte sich ihre Schultasche. Das Erlebnis mit dem Vogel hatte ihr für eine Weile ein Hochgefühl verschafft, aber jetzt musste sie sich wieder dem Alltag stellen.

Vielleicht gelang es ihr, sich in die Klasse zu stehlen, ohne von Michi bemerkt zu werden? Sie hoffte vergebens. Er entdeckte sie bereits im Schulhof.

»Ja, wen haben wir denn da? Ist das nicht die Agnes?« Er vertrat ihr den Weg. »Heißt du wirklich noch Agnes? Oder hast du dich inzwischen schon umtaufen lassen? Ich meine, wer heißt heutzutage denn schon Agnes? Das ist doch fast so schlimm wie Walburga oder Edeltraud.«

Michi machte einen Schritt auf sie zu. Agnes wich zurück. Sie musste an die Mönchsgrasmücke denken. Wie sie sich geduckt hatte, als Carinas Schatten auf sie gefallen war. Was wünschte sie sich jetzt einen Beschützer, der auf sie aufpasste, so wie sie es mit der Mönchsgrasmücke gemacht hatte.

Michi machte einen weiteren Schritt. Agnes drehte sich um und rannte. Bloß kam sie nicht weit. Sie prallte gegen etwas Festes und doch ein wenig Nachgiebiges. Im nächsten Augenblick saß sie auf ihrem Hinterteil. War das peinlich! Wahrscheinlich hatte die halbe Schule diese tolle Aktion gesehen. Ihr Gesicht fühlte sich glühend heiß an. Sicherlich war es knallrot. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, hatte sie auch noch weiße Flecken auf den Wangen. Michi nannte das immer ihre Radieschenfarbe.

»Alles in Ordnung?« Eine hohe Gestalt beugte sich über sie. Agnes blinzelte. Sie kannte den Jungen mit dem runden Gesicht und den dunklen Locken nicht.

»Natürlich ist sie in Ordnung. Soweit man das in ihrem Zustand sein kann.« Michi lachte gehässig.

Der fremde Junge sah hoch.

»Du musst der Neue aus der 2c sein.« Michi musterte ihn abschätzig.

»Ja, ich bin Jochen Albers. Bin seit einer Woche in der Stadt.« Dann sah er jedoch kurz zu Agnes, nur um einen Lidschlag später wieder zu Michi zu blicken. »Aber was meinst du mit in ihrem Zustand?«

»Ich habe einen Klumpfuß«, schaltete sich nun Agnes ein, um Michi keine Gelegenheit zu lassen, weitere Gemeinheiten von sich zu geben. »Beziehungsweise ich hatte einen. Durch die Operationen sieht man jetzt fast gar nichts mehr.«

»Das ist doch super.« Jochen hielt ihr die Hand hin.

Agnes stand ohne seine Hilfe auf. Wer konnte schon wissen, welche Heimtücke sich hinter dieser scheinbar freundlichen Handlung versteckte? Vielleicht ließ er sie gleich noch einmal stolpern und hinfallen, sodass sie in der Regenpfütze landete, die sich keinen Meter entfernt im Gras gebildet hatte? Das konnte sie sich wirklich ersparen. Es reichte, dass ihre Hose nun Flecken hatte, sie musste nicht auch noch nass werden.

Michi war die Pfütze nicht entgangen. Sie sah es an seinem Blick und an seinem boshaften Grinsen. Sie versuchte Abstand zwischen sich und die Pfütze zu bringen.

»Wo willst du denn hin?« Ein boshafter Unterton schwang in Michis Stimme mit. »Hast du etwa heute schon gebadet? So wie du aussiehst, wohl eher nicht.«

Agnes sah sich nach einem Fluchtweg um. Aber auf der einen Seite war die Schulmauer, auf der anderen stand Jochen und die verbleibende Lücke wurde durch eine immer größer werdende neugierige Menge ausgefüllt.

Michi kam näher. Schon streckte er die Hand nach ihrem Arm aus. Agnes’ Herzschlag beschleunigte sich. Schweiß löste sich widerlich und kalt aus ihren Achselhöhlen und floss Tröpfchen für Tröpfchen ihre Rippen entlang.

Michis siegessicheres Grinsen verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie wollte etwas sagen. Schreien. Aber ihr Mund war so trocken, dass sie kein einziges Wort herausbrachte. Sie vermochte sich nicht einmal mehr zu bewegen. Ihre Beine fühlten sich weit entfernt an. Als würden sie gar nicht zu ihr gehören.

»Lass sie in Ruhe!« Eine schwere Hand hatte sich auf Michis Schulter gelegt.

Er schüttelte sie energisch ab. »Halt du dich da raus. Das geht dich nichts an.«

»Wie kommst du darauf?«

»Na, weil es dich eben nichts angeht.«

Jochen packte Michi, der wieder versuchte nach Agnes zu fassen, am Arm. »Ich bin durchaus der Ansicht, dass mich das, was du hier direkt unter meiner Nase machst, etwas angeht.«

»Dann geh doch weg!« Michi wollte seinen Arm mit einer ruckartigen Bewegung befreien, aber Jochen war stärker.

»Nein, das werde ich nicht und ich werde auch nicht wegsehen. Wenn du etwas von ihr willst, dann musst du zuerst an mir vorbei.«

Michi musterte Jochen. Er versuchte sein Gesicht ausdruckslos zu halten, es gelang ihm jedoch nicht, das eine oder andere Zucken um die Mundwinkel zu verhindern. Agnes meinte seine Gedanken so deutlich lesen zu können, als stünden sie in einem Buch geschrieben. Er fragte sich, ob er gegen Jochen eine Chance hatte. Doch Jochen war größer und breiter. Das kleine Bäuchlein, das über den Bund seiner Hose quoll, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Arme muskelbepackt waren.

Michi machte einen Schritt zurück. Jochen ließ ihn los. Sofort richtete sich Michi auf. Ein überheblicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Dann will ich mal dem jungen Liebesglück nicht im Weg stehen.« Die Worte klangen gehässig und er spuckte sie Jochen und Agnes regelrecht vor die Füße. Die Umstehenden lachten.

Dann ging Michi. Ja, er stolzierte regelrecht davon, als ob er mit seiner Haltung über die eben erlittene Niederlage hinwegtäuschen könnte. Die Umstehenden kicherten und tuschelten. Doch Agnes verstand kein einziges Wort. Sie wusste nicht, wer der Mittelpunkt der allgemeinen Gehässigkeit war. Michi, weil er diesmal den Kürzeren gezogen hatte, Jochen, weil er sich eingemischt hatte, oder sie selbst. Es interessierte sie auch gar nicht. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

»Soll ich dich zu deiner Klasse begleiten?«

Zuerst wollte Agnes ablehnen. Sie war bisher alleine zurecht gekommen und würde es auch in Zukunft schaffen. Aber gar so glücklich war sie dabei nicht gewesen. Warum es also nicht mal mit Gesellschaft versuchen?

»Gerne.« Sie nahm sich ihre Schultasche, die sie bei ihrer Flucht hatte zu Boden fallen lassen, und ging mit Jochen Richtung Klassenräume. Niemand belästigte sie. Niemand verspottete sie. Keiner rempelte sie an. Eigentlich war es sehr angenehm, den großen Jungen an ihrer Seite zu haben. Welche Begründung konnte sie sich wohl einfallen lassen, sich öfters mit ihm zu treffen?

»Weißt du zufällig, wo man hier ein Pferd einstellen kann?«

Agnes starrte Jochen verblüfft an.

»Kein Problem. Ich werde es schon selbst herausfinden. Weißt du, mein Großvater züchtet Schwarzwälder Füchse und vor zwei Jahren hat er mir einen geschenkt. Eigentlich wollte ich ihn bei Opa lassen und nur in den Ferien besuchen, aber ich vermisse ihn schon jetzt. Also dachte ich mir, ich schaue mich mal um, wo ich ihn hier in der Nähe unterbringen kann.«

Agnes kannte die schweren, schokoladebraunen Pferde mit den flachsfarbenen oder manchmal sogar ganz weißen Mähnen bisher nur von Fotos. Zu gerne hätte sie einen in Wirklichkeit gesehen. Dass Jochen eines dieser Pferde besaß, war einfach … unglaublich!

»Tut mir leid, falls ich dich nerve. Es können schließlich nicht alle Mädchen pferdebegeistert sein.«

»Du nervst überhaupt nicht«, beeilte sich Agnes zu versichern. »Ich mag Pferde und reite auch regelmäßig.« Sie atmete tief durch, weil das alles einfach zu toll war, um wahr zu sein. Aber Jochen stand immer noch vor ihr und er sah sie auch immer noch erwartungsvoll an. Also fügte sie hinzu: »Und bei uns im Stall sind auch noch Boxen frei.«

Der nächste Beitrag zum Thema »Anders« stammt aus der Feder von »Nicole Engbers«

Im Gegensatz zu den Geschichten von Tabea Petersen und Margit Kröll, die beide eine Kurzgeschichte geschrieben haben, gibt es von »Nicole Engbers« Lyrik zu lesen.

Der Riese und der Zwerg

Es spricht der große Riese
Zum klitzekleinen Zwerg:
„Ich kann, was du nicht kannst
Und spuck bis übern Berg!“

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

 „Hör zu“, meint nun der Riese,
„Dann staunst du sicher sehr.
Ich brauch nur einen Schritt
Und schon bin ich am Meer!“

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

„Glaub nur nicht“, prahlt der Riese,
„Dass das schon alles war.
Wenn ich mich etwas strecke,
Seh ich Amerika!“

Der Zwerg fühlt sich so winzig
Um nicht zu sagen klein.
„Ach, könnte ich nur einmal,
Nur einmal anders sein.“ 

Er hätte gern zwei Beine,
So lang wie’s eben geht,
Am besten links und rechts eins,
Damit er sicher steht.

Er zieht an seiner Mütze,
Er zerrt mit voller Kraft,
Damit er es vom Boden
Ein Stückchen aufwärts schafft.

Es kommt, wie’s kommen musste:
Vom Schweiß glänzt das Gesicht,
Doch groß, so wie ein Riese,
I
st er noch lange nicht.

Stattdessen hält der Zwerg nun
Die Mütze in der Hand.
Der Riese meint, dass er ihn
Doch vorher größer fand.

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

Der Zwerg fühlt sich so winzig
Und kleiner noch als klein.
Da fällt mit einem Male
Dem klugen Kerl was ein:

„Sag, gabst du einem Käfer
Schon jemals deine Hand?
Und bist du um die Wette
Durch hohen Klee gerannt?

Bist du an grünen Gräsern
Mit Schwung hinabgerutscht?
Und hast du früh am Morgen
Den frischen Tau gelutscht?“

Der Riese seufzt: „Ich glaube
Du hast mir was voraus.
Ich bin ein Riesenriese,
Doch kleiner als `ne Maus.“

Weiter geht die »andere« Geschichte mit »Die Herrin der Bücher« von Tabea Petersen

Nach Margit Kröll folgt Tabea Petersens Geschichte zum Thema »Anders«.
Die Geschichte trägt den Titel »Die Herrin der Bücher«


Die Herrin der Bücher

Wie beginnen Geschichten? Darüber habe ich viel nachgedacht in den letzten Stunden. Muss es überhaupt einen Anfang geben? Oder waren die Geschichten eigentlich schon immer da, irgendwo halb verborgen im Schatten, und warteten auf ihre Zeit?

Genau wie sie. Auf den ersten Blick bemerkte man sie nicht einmal – bis sie selbst es wollte. Und danach wusste niemand mehr zu sagen, woher sie gekommen war. Eigentlich weiß ich noch immer nicht genau, wer sie ist. Was sie ist. Aber vielleicht werde ich es heute Nacht herausfinden.

 

Falls eine Geschichte dennoch einen Anfang braucht, so begann diese an einem regnerischen Novembernachmittag. Ich stand zusammen mit Kevin und ein paar anderen aus meiner Klasse am Fahrradständer vor dem Einkaufszentrum. Unsere Stadt ist so klein, dass sie den Namen Stadt eigentlich gar nicht verdient, und es gibt nachmittags für uns kaum etwas anderes zu tun, als gemeinsam an irgendeiner Ecke herumzulungern und darauf zu warten, dass die Zeit bis zum Abendessen vorüber ging. Auch an diesem Tag standen wir einfach herum und versuchten, so wenig wie möglich nass zu werden, bis es mir irgendwann zu dumm wurde und ich vorschlug, hinüber in die Stadtbibliothek zu gehen. Kevin lachte. Kevin lacht immer, wenn irgendjemand eine neue Idee hat, und da Kevin mindestens einen Kopf größer ist als jeder andere von uns, und ungefähr doppelt so breit, traut sich auch nie jemand ihn zu fragen, was es da zu lachen gibt. Also prusteten erst einmal alle vor sich hin und zogen mich mit meinem Vorschlag auf, bis sie schließlich einsahen, dass selbst unsere Stadtbibliothek immer noch mehr zu bieten hat als der Fahrradständer vor dem Einkaufszentrum an einem Regentag.

Wir zogen also los, und kurz darauf trafen wir zum ersten Mal auf sie. Das heißt, eigentlich schlurften wir erst einmal nur an ihr vorbei und ignorierten sie – eine völlig normale Reaktion gegenüber fremden Erwachsenen also, erst recht, wenn es sich dabei um kleine ältere Damen handelt, die in einer Bibliothek arbeiten. Doch dann sprach sie Kevin an: »Junger Mann?« Ihre Stimme klang so sanft und leise wie ein Windhauch im Frühling, und sie reichte Kevin höchstens bis zur Brust. Auf den ersten Blick sah sie beinahe aus wie eine Nonne in ihrem langen, grauen Gewand, und ihr graubraunes Haar war zu einer Art Knoten am Hinterkopf aufgesteckt. Doch anstelle von Haarnadeln ragten zwei überkreuzte, altmodische Füllhalter aus dem Gebilde. Beinahe noch seltsamer jedoch erschien das kleine Schild, das die Frau an den Kragenaufschlag ihres Kleides geheftet trug. In schnörkeliger Tintenschrift stand darauf der Name »Regina« geschrieben. Regina wer? Seit wann ließen sich die Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek mit Vornamen ansprechen wie Kindergartentanten?

»Junger Mann? Würden Sie bitte Ihren Rucksack draußen im Regal abstellen?«

Kevin stierte auf die Frau herab, als wäre sie ein seltsames Insekt. Dann stieß er einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem belustigten Prusten und einem verächtlichen Schnauben lag, ein typisches Kevin-Geräusch, und versuchte, sich an ihr vorbei zu drängen. Dabei rammte er Elisa, die eben in diesem Moment den Lesesaal betreten wollte, grob den Ellenbogen in die Seite. Elisa ging in unsere Klasse, und sie hatte ständig ihre Nase in irgendeinem Buch. Ich kannte Elisa schon ewig, weil sie im Nachbarhaus wohnte. Als Kinder haben wir oft zusammen gespielt, bis ich irgendwann aufhörte, mich mit Mädchen abzugeben. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, musste ich zugeben, dass ich Elisa immer noch mochte. Sie war nett – und irgendwie auch hübsch auf ihre eigene, stille Weise. In der Klasse saß sie schräg vor mir. Manchmal beobachtete ich sie heimlich, wie sie über ihr Heft gebeugt dasaß und schrieb, oder, den Kopf auf die Hand gestützt, verträumt aus dem Fenster sah. Ab und zu drehte sie sich dann zu mir um, als hätte sie genau gemerkt, dass ich sie anschaute, und für einen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Kevin jedoch ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um Elisa zu schikanieren, und die anderen Jungs lachten über seine Gemeinheiten. Im Grunde fand ich das Ganze widerlich, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, mich gegen Kevin und die anderen zu stellen. Was hätte ich allein schon gegen sie ausrichten können? So schwieg ich, senkte den Kopf und schämte mich vor mir selbst.

 

An diesem Tag jedoch kam alles anders. Die kleine Bibliothekarin hob den Kopf, sah Kevin aus ihren dunklen, von den runden Gläsern einer Hornbrille umrahmten Augen an, und für einen winzigen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Dann senkte Kevin den Blick und ging nach draußen in den Korridor. Wortlos lud er seinen Rucksack in dem dafür vorgesehenen Regal ab. Er zog sogar seine schlammbespritzten Sneakers aus, stellte sie daneben, schlich auf Strümpfen zurück in den Saal und ließ sich in einen Lesesessel fallen. Einige Minuten lang sprach keiner von uns, bis irgendwann ein leises Murmeln aus dem Lesesessel darauf hindeutete, dass Kevin langsam wieder zur Besinnung kam.

»Die hat sie nicht alle! Ich sag euch, die ist total durchgeknallt, die Alte!« Es war nicht schwer zu erraten, wen er meinte, doch ich bemerkte auch den Anflug von Panik in seiner Stimme.

»Genauso durchgeknallt wie Assi-Elisa!«, fügte er nach einer Weile rachsüchtig hinzu. Anscheinend war er zu dem Schluss gekommen, dass irgendjemand für das, was eben passiert war, büßen sollte. Was dann geschah, kann ich mir selbst kaum erklären. Es dauerte sogar einige Sekunden, bis ich begriff, dass die Worte »Ach halt’s Maul, Kevin!« aus meinem eigenen Mund gekommen waren. »Und lass Elisa aus dem Spiel«, fügte ich noch hinzu. Dann drehte ich mich einfach um und ging.

 

Elisas zierliche Gestalt wirkte zwischen den vollgestopften Bücherregalen noch schmaler als sonst, doch sie bewegte sich mit einer ruhigen Sicherheit, die ich bisher nicht von ihr kannte.

»Hi Elis«, murmelte ich.

»Hi Lukas«, antwortete sie und schenkte mir ein seltenes, scheues Lächeln. Wenn Elisa lächelte, war es, als ob die Sonne aufging. Eine Weile schwiegen wir beide. Das ist auch eines der Dinge, die ich so an Elisa mochte: Dass man mit ihr nicht dauernd reden musste. Sie fragte mich nicht, warum ich zur ihr gekommen war, obwohl ich eben noch neben Kevin gesessen hatte. Stattdessen ließ sie weiterhin ihren Blick über die Bücherregale schweifen, nahm ab und zu ein Buch herunter und blätterte darin, um es dann entweder auf seinen Platz zurückzustellen, oder es dem kleinen Stapel hinzuzufügen, den sie unterm Arm trug. Ich sah ihr dabei zu. Irgendwann hatte sie wohl genügend Lesestoff gesammelt und ging zurück zur Rezeption. Ein wenig unbehaglich senkte ich den Kopf, als die kleine Bibliothekarin mit dem seltsamen Namen Elisas Bücher registrierte. Ich wagte nicht, der Frau in die Augen zu sehen. Auf dem Weg nach draußen stand plötzlich Kevin vor uns.

»He, seht euch das an: Das Liebespaar«, höhnte er. Hinter ihm vernahm ich spöttisches Prusten und übertriebene Schmatzgeräusche von den anderen Jungs. Elisa aber schrak nicht zusammen oder senkte den Kopf, wie sie es sonst  tat, wenn Kevin ihr auflauerte. Stattdessen hielt sie seinem Blick stand, zog die Augenbrauen in die Höhe und hauchte mit einer perfekten Nachahmung der samtenen Stimme der Bibliothekarin: »Junger Mann?«

Für einen winzigen Moment zuckte Kevin vor ihr zurück. Lachend traten wir auf die regenfeuchte Straße. Ich wusste, dass wir später für diesen kleinen Triumph zahlen würden – mit Zins und Zinseszins, denn Kevin vergaß so etwas nie. In diesem Moment aber kümmerte es mich nicht. Schweigend ging ich neben Elisa her, betrachtete verstohlen ihr schmales Gesicht mit den vom Laufen geröteten Wangen und war glücklich. Doch das Glück währte nur wenige Minuten. Wir hörten es schon, als wir in unsere Straße einbogen: Elisas Stiefvater hatte wieder getrunken. Normalerweise war er ein wortkarger Mann, aber wenn er betrunken war, schrie er:

»Wo ist deine feine Tochter, na wo? Was fällt der faulen Göre ein, sich einfach in der Gegend herumzutreiben!« Die letzten Spuren des Lachens auf Elisas Gesicht erloschen, und mir war kalt.

»Wenn du willst, kannst du erst mal zu uns kommen«, hörte ich mich sagen. »Bis er sich beruhigt hat.« Doch im Grunde wusste ich bereits, dass sie ablehnen würde. Ich wusste auch, dass ihr Stiefvater sich nicht beruhigen würde. Wenn Elisa nicht als Prügelknabe zur Verfügung stand, würde er seine Wut eben an ihrer Mutter auslassen. Elisas Mutter sah man selten. Man nahm sie einfach nicht wahr, selbst wenn sie da war. Sie wirkte wie ein flüchtiger Bleistiftumriss einer Frau, die ein Maler irgendwo ganz am Rande eines Bildes hingekritzelt und später vergessen hatte.

Elisa schüttelte nur leicht den Kopf und huschte wortlos nach drinnen. Sie fügte sich in das Unvermeidliche – und ich war allein. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, meine Ohren vor dem Geschrei zu verschließen, das weiterhin aus dem Nachbarhaus drang. Es gelang mir nicht. Bis zu mir nach Hause waren es nur wenige Schritte, aber meine Füße fühlten sich schwer wie Blei an.

 

Am nächsten Tag war Elisa nicht in der Schule, und als sie ein paar Tage später wiederkam, konnte man an ihrer rechten Wange noch ganz deutlich einen Bluterguss sehen. In meinen Hosentaschen ballten sich die Hände von ganz allein zu Fäusten.

In der Geschichtsstunde wurden Elisa und ich zu einer gemeinsamen Projektarbeit eingeteilt. Es ging darum, die Vergangenheit unserer Stadt zu erforschen, und Elisa schlug vor, gleich am Nachmittag in die Bibliothek zu gehen um uns im Stadtarchiv umzusehen. Wieder stand sie an der Rezeption, die seltsame kleine Bibliothekarin. Sie wirkte, als wäre sie nie fort gewesen, als habe sie genau auf uns gewartet. Nein, nicht auf uns, dachte ich. Nur auf Elisa, die sie mit einem Lächeln begrüßte. Ich hielt mich im Hintergrund, und die kleine Frau bedachte mich nur mit einem einzigen, beinahe flüchtigen Blick. Doch der genügte. Ihre Stimme mochte wie ein Windhauch klingen, aber der Blick ihrer dunklen Augen war wie eine bodenlose Schlucht. Nun verstand ich, was Kevin einige Tage zuvor so aus der Fassung gebracht hatte: Im Bruchteil einer Sekunde, für den unsere Blicke sich streiften, schien sie mein gesamtes Wesen zu erfassen und drang vor bis in jene innersten Gedanken, die ich niemandem, nicht einmal mir selbst, einzugestehen wage.  Ein Schaudern überlief mich. Nein, irgendetwas an dieser Frau war definitiv nicht normal, und damit meinte ich nicht die Federhalter im Haar. Sie lächelte schon wieder, nickte ein wenig vor sich hin und sagte dann: »Kommt mit, Kinder.« Verwirrt trottete ich hinter Elisa her. Wir hatten doch überhaupt nichts gesagt. Woher also wusste die Frau, was wir wollten? Sie führte uns aus dem Lesesaal hinaus, eine Treppe hoch, dann noch eine und noch eine. Ich geriet langsam außer Atem, doch Elisas schmale Gestalt vor mir ließ keine Zeichen von Erschöpfung erkennen. Zuletzt erklommen wir eine schmale Wendeltreppe und gelangten an eine kleine, verwitterte Holztür. »Archiv« stand in schnörkeligen schwarzen Lettern darauf. Ich musste mich bücken, um nicht mit dem Kopf am Türrahmen anzustoßen. Der Raum, der dahinter lag, war auf eine Art genauso, wie ich mir ein Archiv immer vorgestellt hatte: Ein halbdunkler, staubiger Dachbodenraum. Zumindest auf den ersten Blick. Dann jedoch gingen wir weiter – und der Raum nahm kein Ende. Wieder und wieder versuchte ich, in dem seltsamen Dämmerlicht irgendein Ende der mit verstaubten, in Leder gebundenen Wälzern überladenen Regale auszumachen: ein Mansardenfenster vielleicht oder eine Giebelwand. Aber es wollte mir nicht gelingen. Beinahe noch mehr beunruhigte mich das leise, beschwingte Summen der Bibliothekarin, die vor uns herging, ab und zu mit dem Zeigefinger wie liebkosend über einen Buchrücken strich oder sachte den Staub von einem ledernen Einband wischte. Sie huschte zwischen den Regalen hin und her wie eine Spinne in ihrem Netz. Ich weiß nicht, wie lange wir hinter ihr hergingen, bis sie schließlich stehen blieb und ihre kleine feingliedrige Hand auf Elisas Schulter legte. Lächelnd zog sie ein beinahe ziegelsteingroßes Buch aus einem Regal und reichte es Elisa, die sogleich darin zu blättern begann. Da erst bemerkte ich das kleine Tischchen und den Stuhl, die wie aus dem Boden gewachsen neben uns standen. Im Schein einer altmodischen Leselampe setzte sich Elisa an den Tisch und ließ ihren Zeigefinger über die vergilbten Seiten mit den schnörkeligen Schriftzeichen wandern. Sie schien keine Mühe zu haben, die altmodischen Buchstaben zu entziffern, murmelte eifrig Namen und Jahreszahlen vor sich hin. Ich schaute ihr beim Lesen über die Schulter und versuchte, ihren Gedankengängen zu folgen, krakelte ab und zu ein paar Notizen in meinen Schreibblock. Irgendwann fiel mein Blick zufällig auf meine Armbanduhr, und ich erschrak: Wir hatten beinahe drei Stunden in der Bibliothek verbracht!

Ich weiß nicht, wo sie während der letzten Stunden gewesen war. Vielleicht hatte sie uns die ganze Zeit über beobachtet. Als wir uns zum Gehen anschickten, stand die Frau jedenfalls neben uns, als wären nur wenige Minuten vergangen. Lächelnd geleitete sie uns hinunter in den inzwischen verlassenen Lesesaal, und ich bin mir sicher, dass sie uns nachsah, als wir gingen. Verwirrt blinzelte ich im nasskalten Straßennebel mit den Augen und schüttelte mich. Mir war, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht. Elisa neben mir jedoch summte leise vor sich hin. Ich hatte erwartet, dass sie in sich gekehrt und ängstlich sein würde bei dem Gedanken, zu spät nach Hause zu kommen. Doch sie wirkte eher, als wollte sie jeden Moment anfangen wie ein kleines Mädchen über das Pflaster zu hopsen. Ich hatte sie noch nie so froh gesehen. Ihr Gesicht schien geradezu von innen heraus zu leuchten, und sogar der hässliche Bluterguss auf ihrer Wange war plötzlich verschwunden.

»Ist Frau Regina nicht unheimlich nett?« Es klang, als spräche sie von einer guten Bekannten.

»Kennst du sie etwa schon länger?«, fragte ich. Es gelang mir nicht, die leichte Unruhe in meiner Stimme zu verbergen. Elisa sah mich mit großen Augen an als verstünde sie nicht, was ich meinte

 

Auch in den nächsten Tagen hatte ich das Gefühl, dass Elisa in Gedanken weit weg war. Sie schien glücklich, und selbst Kevins Beschimpfungen konnten sie nicht aus der Fassung bringen. Vielleicht hörte sie sie nicht einmal. Jeden Tag gingen wir gleich nach der Schule ins alte Stadtarchiv. Elisa bewegte sich zwischen den endlosen Bücherregalen wie ein Fisch im Wasser, und immer wenn sie es gerade brauchte, erschien wie aus dem Nichts das kleine Tischchen mit der alten Messinglampe. Ich folgte Elisa pflichtschuldigst, auch wenn mir die Bibliotheksbesuche von Tag zu Tag unheimlicher wurden. Auf keinen Fall jedoch wollte ich Elisa mit der seltsamen Bibliothekarin allein lassen, deren dunkle, insektenartige Augen hinter den runden Brillengläsern Elisa überallhin zu folgen schienen. Ich war erleichtert, als wir das Geschichtsprojekt endlich beim Lehrer abgeben konnten. Doch nach dem Unterricht schlug Elisa trotzdem den Weg zur Bibliothek ein. Bemerkte sie überhaupt, dass ich ihr folgte? Ich betrat das Gebäude nur wenige Sekunden nach ihr, doch im Lesesaal waren weder Elisa noch die Bibliothekarin zu sehen. Verwirrt lief ich im Treppenhaus umher, doch die Wendeltreppe, die zum Archiv auf dem Dachboden führte, fand ich nicht. Vergeblich versuchte ich mich zu entsinnen, doch meine Erinnerungen an den Ort waren selbst nach so vielen Besuchen verschwommen wie ein Traum. Ich versuchte die in mir aufsteigende Panik zu unterdrücken, tigerte ruhelos im Lesesaal auf und ab und fand mich schließlich draußen vor der Eingangstür wieder. Wie lange ich dort ausharrte, weiß ich nicht mehr. Als Elisa endlich kam, war es längst dunkel, und ich fror bis ins Mark. So benommen war ich, dass mir ganz schwindelig wurde vor Erleichterung, als ich Elisa durch die Tür treten sah. Sie schien nicht im Mindesten erstaunt, mich zu sehen. Beinahe schien sie gewusst zu haben, dass ich auf sie warten würde. Ich wollte sie fragen, was sie so lange dort drinnen getan hätte, doch die Worte verloren sich in meinen wirren Gedanken und erreichten die Lippen nicht. So gingen wir wieder schweigend nach Hause. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag, auch am übernächsten und an dem danach. Jedes Mal schienen Elisas Besuche länger zu dauern. Schließlich nahm ich all meine Willenskraft zusammen und sagte ihr, dass ich mir Sorgen um sie machte. Das kleine Lächeln, das bei meinen Worten über ihre Züge glitt, sah beinahe traurig aus. Als sie mich anschaute, wirkten ihre Augen unnatürlich groß, und im diffusen Licht der Straßenlampe war ihr Gesicht so blass, dass es fast durchsichtig schien.

»Ach Lukas, das verstehst du nicht«, sagte sie. Ihre Stimme war leise und eindringlich: »Ich muss dort sein. Die Bücher, sie haben Seelen. Ich kann sie sehen, sie verstehen, sie sprechen zu mir. Sie sind meine Freunde.«

»Ich dachte WIR sind Freunde!« Ich schrie beinahe, hörte selbst, wie dumm und kindisch meine Worte klangen. Elisa hatte den Kopf schon wieder gesenkt.

»Das ist etwas anderes«, murmelte sie. »Ich sage doch, das verstehst du nicht. Mach’s gut, Lukas.« Dann ging sie.

Ungläubig starrte ich ihr hinterher. Die Bücher hatten Seelen? Sie sprachen? Verdammt, was redete sie da? Und wieso gab es überhaupt einen Dachboden über der Stadtbibliothek, einem modernen, dreistöckigen Klinkerbau mit Flachdach? Der Gedanke durchzuckte mich plötzlich mit furchtbarer Klarheit. Wie hatte ich nur so blind sein können?

»Mensch Elisa, warte doch! Elisa!!« Ich lief los und schrie, so laut ich konnte. Doch es gelang mir nicht sie einzuholen, obwohl ich den ganzen Weg nach Hause rannte, und als ich an ihre Haustür hämmerte, öffnete niemand.

 

Das war gestern Abend. Als Elisa heute Morgen nicht in der Schule erschien, verlor ich keine Zeit. Jetzt, wo ich das Geheimnis erahnte, fand ich die Wendeltreppe hinauf zu dem mystischen Archiv auf Anhieb. Ich rannte hinauf und stieß die niedrige Tür auf, fiel beinahe über die Schwelle, stolperte hastig an den düsteren Regalreihen entlang – und dann sah ich sie. Elisa saß vornüber gebeugt an dem kleinen Tischchen. Ihr Kopf ruhte auf der Tischplatte, und das Licht der kleinen Leselampe schimmerte in ihrem offenen Haar. Vielleicht hatte sie die ganze Nacht über hier gesessen. Bevor ich jedoch auf Elisa zu laufen konnte, trat sie lautlos aus dem Schatten. Gelähmt vor Entsetzen musste ich mit ansehen, wie Frau Regina Elisa sanft den Arm um die Schultern legte und ihr etwas zuflüsterte. Es klang wie »komm«.

Dann ertrank ihre Stimme im Rascheln tausender von Buchseiten, die sich wie in einem Windstoß bewegten. Staub wirbelte auf, und Licht drang zwischen den Buchrücken aus den Regalen hervor. Einen Augenblick lang war ich wie geblendet. Die Gestalt der Bibliothekarin schien mit der Elisas zu verschmelzen. – Dann war nur noch sie da, Frau Regina, und auf dem Tischchen ein aufgeschlagenes Buch, von dessen Seiten ein schwaches Glühen ausging. Elisa war fort. Das Licht erlosch, das Rascheln der Seiten verstummte. Die Bibliothekarin hob das Buch auf, und ich sah das Lächeln auf ihren Zügen, als sie es an ihre Brust drückte und dann behutsam in eines der Regale schob, wo sich wie von selbst eine Lücke aufgetan hatte. Ich wich zurück, stieß mit dem Rücken an ein Regal, tastete mich wie blind vorwärts, bis ich endlich die rettenden Tür erreichte, und stolperte die endlos langen Treppen hinunter. Keuchend lehnte ich an der ziegelroten Außenmauer der Bibliothek. Hier draußen war heller Tag. Leute hasteten auf dem Bürgersteig an mir vorüber, ab und zu warf mir einer einen misstrauischen Blick zu. Sollte ich erzählen, was mir widerfahren war, jemanden um Hilfe bitten? Aber wer würde mir glauben, wenn ich von einem geheimnisvollen Dachboden sprach, den es eigentlich gar nicht geben durfte? Sollte ich mir eine Waffe besorgen, die Bibliothekarin bedrohen, sie zwingen, Elisa freizugeben? Die kleine alte Frau konnte schließlich nichts gegen ein Messer oder einen Baseballschläger ausrichten – oder? Beim Gedanken an Frau Reginas bodenlos schwarze Augen und ihr unheimliches, selbstzufriedenes Lächeln spürte ich, wie die Knie unter mir nachzugeben drohten. Aber ich durfte Elisa nicht im Stich lassen! Noch immer leicht zitternd kehrte ich ins Gebäude zurück und hastete die Treppen hinauf. Die Tür am Ende der schmalen Wendeltreppe schien gerade auf mich gewartet zu haben. Anscheinend hatte sie nichts dagegen, dass ich wiederkam. Vielleicht erwartete die Bibliothekarin mich sogar. Ich spürte ihre Blicke auf mir ruhen, auch wenn ich ihre Gestalt im Schatten der Bücherregale nur erahnen konnte.

Wieder glaubte ich das Rascheln von Buchseiten zu hören, leiser jetzt. Je aufmerksamer ich lauschte, desto mehr klang es jedoch wie das Flüstern vieler Stimmen. Bald konnte ich sogar einzelne unter ihnen ausmachen, begann im Dämmerlicht die vagen Umrisse von Gestalten zu erkennen, die zwischen den Bücherregalen hin und her huschten. Ich suchte nach einer vertrauten Stimme, einer vertrauten zierlichen Gestalt, doch ich fand Elisa nicht.

 

Noch nicht. Als es draußen Abend wurde, bin ich nach Hause gegangen und habe das große Märchenbuch aus unserem Wohnzimmerschrank genommen. Ich hatte beinahe vergessen, dass es da war. Irgendwann hören die meisten Leute auf, an Märchen zu glauben, und vielleicht liegt darin die Macht von Frau Regina. Ich bin auf mein Zimmer gegangen, habe mich mit meiner Taschenlampe im Bett verkrochen und  angefangen zu lesen, eine Geschichte nach der anderen. Wenn man aufmerksam liest, erkennt man, dass es Regeln gibt. Regeln, an die sich sogar die Hexe halten muss. Ob Frau Regina tatsächlich eine Hexe ist? Vielleicht ist sie eher eine Art Fee: die Herrin der Bücher. Und vielleicht ist das, was sie tut, auch nicht wirklich böse. Sie selbst glaubt sicher, dass sie den Menschen, denen sie wie Elisa Einlass in eine andere Welt gewährt, eine Gnade erweist: Sie schützt sie vor den Enttäuschungen und dem Leid der Wirklichkeit, bewahrt sie davor, zu verbrauchten, verängstigten Bleistiftskizzen-Menschen zu werden wie Elisas Mutter. Vielleicht sind sie glücklich. Dennoch ist es eine Schattenwelt, in der sie existieren. Sie leben nicht wirklich. Deshalb werde ich alles tun, um Elisa zu finden und zurückzuholen. Nicht nur, weil ich sie vermisse, sondern auch, weil ich meine, dass jeder ein Recht auf ein richtiges Leben hat – selbst wenn darin Leute wie Kevin und Elisas Stiefvater vorkommen. Aber diesen Leuten kann man die Stirn bieten. Etwas habe ich jedenfalls noch von Frau Regina gelernt: Dass manchmal schon ein fester Blick genügt, um die Welt zu verändern und der Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten. Ich werde nicht mehr den Kopf senken und schweigen, und ich werde gegen die Herrin der Bücher kämpfen, wenn nötig mit ihren eigenen Waffen. Ich schlüpfe in meine Jacke, umfasse das Märchenbuch mit der einen Hand, die Taschenlampe mit der anderen und trete hinaus in die Nacht.

Wie die Geschichte ausgehen wird, vermag ich nicht zu sagen. Alles, was ich weiß ist: Wenn es ein Ende geben muss, so endet sie jetzt. Heute Nacht.

Neuer Blog – neue »andere« Geschichte: »Umgestylt« von Margit Kröll

Unser erstes Thema lautet »Anders« und den Anfang macht Margit Kröll. Ihre Geschichte passt zu unserem Webseiten-Reboot – der Titel lautet »Umgestylt«.

Umgestylt

»Nein, ich will nicht mit!«, sagte ich zum wiederholten Male. Warum wollten mich meine Freundinnen zum Ausgehen überreden?

Luise, Klara und Simone saßen in meinem Zimmer. Sie waren schon bereit zum Ausgehen. Ihre Haare waren aufgestylt und die Gesichter mit Puder und Make-up vollgeschmiert.
Ich saß in meinen Trainingsanzug neben ihnen auf dem Bett.
»Es ist Zeit, dass du einen Freund findest!«, meinte Luise, die doch selbst Single war.

»Erklär mir mal, wie ich bei diesem Lärm jemanden ansprechen soll? Soll denn eine Beziehung schon mit Anschreien beginnen?«, argumentierte ich.

Luise schüttelte den Kopf.
»Du kommst jetzt mit, ob du willst oder nicht!«, befahl Simone. Da gab es noch einen guten Grund, warum ich nicht mitwollte. Weil ich meistens nur Mineralwasser trinke, werde ich angestarrt, als sei ich verrückt. Mir schmeckt Alkohol in jeglicher Form nicht. Bier, Wein, Sekt, Wodka, Schnaps, Cocktails und vieles mehr hatte ich schon probiert, aber nichts war nach meinem Geschmack. Warum sollte ich also etwas trinken, das ich hinunterwürgen musste? Ich zwinge ja auch niemanden, etwas zu essen, was ihm absolut nicht schmeckt. Durch meine seltenen Discobesuche bin ich zudem noch eine miserable Tänzerin und gehe deshalb so gut wie nie auf die Tanzfläche. Deshalb werde ich als »langweilig« bezeichnet, sofern ich es nicht schon durch meine Nüchternheit werde. Durch die laute Musik verstehe ich kaum, was gesprochen wird und muss ständig nachfragen. Wenn mir das zu lästig wird, rede ich einfach nicht mehr mit. Ich bin also mit Beobachten beschäftigt, und was ich da alles gesehen habe, gefällt mir gar nicht. Da gibt es immer so viele alkoholisierte Personen, die es kaum schaffen, sich aufrecht zu halten. Nach der Disco spüre ich erst, wie laut es drinnen war, denn die Ohren rauschen stundenlang. Meine Kleidung riecht nach Rauch und Alkohol, dabei frage ich mich jedes Mal: Wozu bin ich duschen gegangen, und wozu habe ich mir schöne Kleidung angezogen?
»Wenn du mitkommst, brauchst du mir gar nichts zum Geburtstag schenken!«, versuchte mich Klara zu überreden. Sollte ich darauf eingehen? Das Richtige für sie war sehr schwer zu finden.

»So kann ich doch nicht mit!«

Ihr Angebot war wirklich verlockend, aber war es das wert?

»Kein Problem, das ändern wir gleich«, freute sich Luise. Schon stürmte sie zu meinem Schrank und riss Kleidung heraus, während Klara mich auf den Stuhl drückte und Simone ihr Make-up aus ihrer Handtasche holte.

Ich hatte keine Chance mehr. Während Simone sich über mein Gesicht hermachte, versuchte sich Klara an meiner Frisur.

»Nein, nein, nein, nein!«, hörte ich Luise laut sagen und wusste genau, dass die Ordnung im Schrank nicht mehr vorhanden war. Nachdem sie meinte, es wäre nichts Passendes dabei, verschwand sie aus meinem Zimmer. Mir wurde inzwischen Lidschatten, Wimperntusche, Rouge und Lippenstift aufgetragen. Mein Gesicht fühlte sich verklebt an. Es kam mir vor, als wäre ich ein Clown. Was mit meinen Haaren passierte, wollte ich gar nicht wissen. Ich schloss einfach die Augen und ließ alles über mich ergehen. Ich fühlte mich sehr unwohl. Ging es da jedem gleich, der sich stylte? Oder vielleicht war ich nur anders als alle anderen. Warum mochte ich das nicht, was für andere normal war?

Luise kam außer Atem ins Zimmer gestürmt. In der Hand hielt sie ein paar ihrer eigenen Kleidungsstücke. Ich wusste schon im Vorhinein, dass ich mich darin genauso unwohl fühlen würde wie mit Schminke und neuer Frisur. Für ein paar Stunden würde ich es schon aushalten, redete ich mir ein. Luise hatte mir sogar einen Push-up-BH mitgenommen.

»Nun schau nicht so, das macht doch jeder«, meinte Klara.

»Zieh das Kleid an!«, drängelte Luise.
Ein schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt, die Länge viel zu kurz, trug ich jetzt. Meine Freundinnen pfiffen auf den Fingern. Nachdem ich auch die Seidenstrumpfhose und die Stöckelschuhe angezogen hatte, waren sie sprachlos.

»Du musst dich im Spiegel anschauen«, brach Simone das Schweigen.

Langsam wagte ich mich ins Badezimmer. Stöckelschuhe war ich nicht gewohnt, deshalb fiel mir das Gehen schwer. Ich stand mit verschlossenen Augen vor dem Spiegel.

»Na los, mach doch die Augen auf!«, befahl Klara.

Langsam öffnete ich sie, aber mir blickte kein Spiegelbild entgegen. Es stand eine fremde Person vor mir. Das konnte doch nicht ich sein? Eine hübsche Person sah mir in die Augen, wenn auch sofort zu erkennen war, wie unwohl sie sich fühlte.

»Lächle doch ein bisschen«, meinte Luise, doch auf Kommando ging das nicht.

»Weißt du noch, als wir den witzigen Film im Kino gesehen haben…«, begann Simone zu erzählen. Schon breitete sich im Gesicht der fremden Person ein Lächeln aus. Es sah gut aus.

Obwohl ich mich immer noch unwohl und ungewohnt fühlte, war ich tatsächlich bereit auszugehen. An die Stöckelschuhe musste ich mich erst gewöhnen. Auch wenn Luise mit dem Auto da war, erklärte ich mich bereit zu fahren. Als Fahrerin keinen Alkohol trinken zu dürfen war schließlich leichter zu verstehen als aus geschmacklichen Gründen.

 

Das Autofahren fiel mir sehr schwer. Ich wünschte mir meine bequemen Sportschuhe an meine Füße, aber die passten nicht zum Kleid und auch nicht zum Rest von mir.

Schon beim Betreten der Disco war mir die Musik zu laut. Zahlreiche Blicke beobachten mich. Ein bisschen Schminke, neue Frisur und ein Kleid, und schon wurde mir nachgeschaut. Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte, denn es war mir unangenehm.

»Hey, jetzt feiern wir!«, jubelte Klara und zog mich auf die Tanzfläche. Mit den Schuhen war es nicht einfach mich zu bewegen, ohne zu stolpern. Außerdem hatte ich keine Lust zum Tanzen und versuchte zu fliehen. Doch als ich paar Schritte zurück machte, rempelte ich jemanden an.

»Entschuldigung«, murmelte mich, ohne genauer zu schauen. Ich wollte nur runter von der Tanzfläche.

»Du brauchst dich doch nicht entschuldigen!«, meinte der junge Mann und musterte mich von oben bis unten, dabei lächelte er. War er schon betrunken, oder starrte er mich wegen meines Aussehens so an? Ich blickte zu Klara, die mich nur angrinste, als wollte sie damit sagen: »Na los, worauf wartest du noch, sprich ihn an!«

Nein, ich konnte zwar mein Aussehen verändern, aber nicht meine Art. Mich interessierte dieser Typ einfach nicht. Weil er mir den Weg blockierte, versuchte ich es doch mit Tanzen. Es wurde eine andere Musik aufgelegt, die mir viel besser gefiel und schon bewegte ich mich automatisch dazu. Es sah vielleicht nicht besonders gut aus, aber ich hatte Freude, und auf einmal war mir egal, was andere von mir dachten. Ich tanzte einfach weiter. Meine Freundinnen starrten mich ungläubig an. Um nicht geisteskrank auszusehen, beobachte ich andere und machte teilweise die Tanzschritte nach, sofern sie nicht zu schwierig waren. Plötzlich vergaß ich alles um mich herum. Das war nicht ich, sondern jemand anders. Ich fühlte mich auch anders, als sonst. Dass mir meine Füße von den ungewohnten Schuhen schmerzten, verdrängte ich einfach.

»Du kannst tanzen!«, hörte ich Simone hinter mir rufen.
Ich nahm die restlichen Menschen um mich herum gar nicht wahr. Jetzt versuchte ich mich in den Takt einzufühlen und mich zu bewegen. Die Musik gefiel mir, sonst hätte ich wahrscheinlich gar nicht getanzt. Nach wie vor konnte ich Betrunkene wahrnehmen, nur störte es mich nicht mehr, denn ich hatte Spaß.

»Nein, danke«, sagte ich zu einem hübschen Kerl in meinem Alter, als er mir einen Wodka Bull ausgeben wollte, »ich bin heute als Fahrerin eingeteilt.«

»Ach du Arme!«, meinte er dazu.

Und so begann der Spaß erst richtig …