Auch im neuen Jahr gibt es „Die andere Geschichte“

Diesmal stammt die Geschichte zum Thema Heimat von unserer Gastautorin Barbara Scheck.

Fridolins neue Entdeckung

„Großmutter, wie habe ich mich erschreckt! Das hat aber eben gerumpelt draußen!“

Aufgeregt war er ins Haus gestürmt und umarmte sie furchtsam.

„Erst hat es so komisch geknirschelt, und dann – rums – hat der Boden unter meinen Füßen gewackelt. War das etwa ein Erdbeben?“

„Ach was, so lange ich hier schon lebe, hat es noch kein wirkliches Erdbeben gegeben!“, beruhigte sie den Jungen und strich durch seinen Haarschopf.

„Aber das war wirklich echt gruselig, Oma“, beteuerte der Kleine. „Da trau ich mich gar nicht mehr hinaus.“

Die Angesprochene legte das Geschirrhandtuch zur Seite, mit dem sie gerade noch den Abwasch hatte beenden wollen, und nickte.

„Gut, dann lass uns gemeinsam schauen, ob sich um unser Haus etwas verändert hat.“

Sie band ihre Schürze ab und nahm den Buben an ihre Hand. So fühlte er sich schon viel sicherer und ging mutig mit ihr vor die Haustür.

„Nun zeige mir einmal, wo du heute schon herumgestromert bist.“ Warm hüllte sie der Sommerwind ein, als sie langsam, Schritt für Schritt, dieses Gebiet durchforschten.

Tief holte sie Luft und meinte: „Riech nur, wie frisch es duftet, nachdem gestern das Gewitter die Schwüle der vergangenen Tage abgelöst hat.“

Ganz in Gedanken an das erschreckende Geschehen versunken, nickte er nur und starrte in die Richtung, aus der das  Rumpeln gekommen war.

„Da“, flüsterte er, „sieh dir nur diesen Baum an!“

Ihr Blick wanderte weiter zum Ende der kleinen Obstbaumwiese.

„Hm, ich sehe noch gar nichts, was sich verändert haben sollte“, murmelte sie vor sich hin.

Fridolin ergriff hastig ihre Hand und zog sie weiter zum Bachlauf hin.

„Hier wollte ich mein gebasteltes Holzfloß ins Wasser setzen.“ Gemeinsam überstiegen sie umherliegenden Äste und sahen gar nicht, dass diese wie zu einer kleinen Höhle zusammengeschoben waren.

Am Gewässerrand aber fiel ihr sofort etwas auf, das wirklich anders war. Sie lächelte in sich hinein und sprach leise, als wolle sie niemanden stören: „Ja, mein Junge, du hast ganz Recht. Hier ist etwas geschehen.“

Fragend schauten sie zwei große Augen an. ‚„Nun sieh einmal ganz genau hin: Dieser Baum stand gestern noch. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du hättest einen Weg gefunden, dieses kleine Gewässer zu überbrücken.“

„Ich?“ Kopfschüttelnd wies er den Gedanken von sich. „Nein, ich doch nicht, das musst du mir glauben!“

„Und ob ich dir glaube“, sprach die Großmutter, „denn das kannst du wahrlich nicht gewesen sein!“ Dabei wies sie auf das Ende des Stammes. „Schau nur, wie der aussieht. Eigentlich müsste hier doch…“

Aufgeregt unterbrach der Kleine seine Großmutter und rief: „…eine Wurzel dran sein, nicht wahr?!“

Langsam traten die beiden noch näher heran, und der Junge bestaunte das Ende des Baumes, um sogleich überrascht auf ein weiteres Wunder zu zeigen. „Guck mal, Oma, das sieht ja aus wie ein großer Buntstift, der in den Boden gesteckt wurde!“ – und zurückschauend auf den umgefallenen Baum: „Und der da auch, als hättest du einen Riesenanspitzer genommen, um einem Riesen einen Stift anzuspitzen!“

„Weißt du, dass du den Nagel auf den Kopf getroffen hast‚ wie man so schön sagt?“

„Wieso?“

„Es gibt hier wirklich ein Wesen, das so etwas vermag: Bäume anzuspitzen.“

„Sind wir jetzt gar in dem Märchenwald, von dem du mir immer aus deinen uralten Büchern vorliest?“

„Nun, es ist wirklich fast märchenhaft, was ich dir dazu erzählen kann“, stimmte sie zu, „aber dazu muss ich mich erst einmal setzen, denn das ist eine längere Geschichte.“

Gespannt suchte sich auch Fridolin einen bequemen Sitzplatz und lauschte ihren Worten.

 

Es ist schon eine Weile her, da meinten die Bewohner dieser Gegend, dass alles ihnen gehöre und sie es bis ins Kleinste auch ausnutzen, das Letzte aus dem Grund und Boden herausholen müssten … Doch dann kam die große Flut, die alles überschwemmte und mit sich riss, Bäume, Sträucher, Tiere und sogar Häuser … Manch ein Mensch wurde von den Wassermassen gepackt und ist darin ertrunken … Viele verloren all ihr Hab und Gut!

 

„Aber dir ist doch nichts zugestoßen, oder ? Auch das Haus steht noch und der alte Schuppen, die Heustadel haben auch nichts abbekommen?“

„Nein, denn dein Großvater war ein kluger Bauersmann. Er hatte von seinen Ahnen gelernt, mit der Natur im Einklang zu leben.“

„Was heißt das eigentlich: ,im Einklang zu leben‘?“

„Dann höre nur weiter gut zu.“

 

Während mancher nach der großen Flut aufgab, weil der Schlamm, den das Wasser mitbrachte, alles bedeckte und verschmutzte – Felder, Wiesen, Wälder und das Innere der Höfe – setzten sich Großvater und andere Interessierte zusammen, um einen Ausweg zu finden. Ihnen war nämlich aufgefallen, dass einige Gebiete kaum etwas abbekommen hatten, obgleich sie ähnlich hoch lagen. Und so brüteten und beratschlagten sie über den Fotos, die vor ihnen lagen. Nur der Alte, wie sie ihn liebevoll nannten, schwieg und lächelte in sich hinein.

 

„Warum hat er denn geschwiegen?“

Daraufhin stellte ihm die Großmutter eine Frage: „Erinnerst du dich noch daran, wie dein Vater dir verboten hat, die Ofentür anzufassen, wenn im Winter geheizt wurde?“

„Ja doch“, murmelte er verdrossen, „immer musste er nur meckern, alles war verboten und …“

„Genau“, erwiderte sie, „da hast du einfach mal nicht gehört …“

„Und da habe ich dann doch angepackt und mich arg verbrannt!“, kam es flüsternd aus seinem Mund. „Aber was hat denn das mit deiner Erzählung zu tun?“

So wie du erst einmal deine eigenen Erfahrungen sammeln musstest – du hast der Mutter später sogar gern beim Heizen geholfen, aber dich fortan geschützt – sollten die anderen eben selbst herausfinden, was sie falsch gemacht hatten!“

Sie schwiegen eine Weile vor sich hin, und jeder hing seinen Erinnerungen nach.

„Pst, da war doch was!“ Beide lauschten aufmerksam und sahen eine Bewegung in der Nähe des Wassers. Die Großmutter legte den Finger auf ihre Lippen und deutete auf ein paar schwankende Sträucher. Hinter einem Ast, über dem Wasser hängend, war ein Tier zu sehen mit einem pelzigen Köpfchen und einer glänzend schwarzen Nase. Es klammerte sich mit zierlichen kleinen Pfötchen fest, um an der Rinde zu nagen – in der Sonne sah man sogar die Nagezähnchen blitzen. Schwarze Knopfäuglein huschten geschwind hin und her, um die Umgebung im Blick zu behalten.

„Ohhhh, wie niedlich“, hauchte der Junge und wagte sich nicht zu bewegen. Auf einer gelben Schwertlilie, die ganz in seiner Nähe wuchs, ließ sich ein Trauermantel nieder und fand Gefallen an deren leicht schaukelnder Bewegung. Oma Fridas Augen hingen an diesem wunderschönen Schmetterling und glänzten vor Freude. In weiter Ferne war ein Specht zu hören; in diese Stille hinein aber platschte etwas ganz in der Nähe ins Wasser. Mit einem „Quaaaaack“ verscheuchte der kleine grüne Kerl alle Lebewesen in der Nähe.

Die beiden Bewunderer der Natur brachen in ein befreiendes Lachen aus.

„Wie schön ist es doch bei dir!“

„Das kannst du wohl zweimal sagen.“

„Ich will gar nicht mehr fort von hier.“

„Wer sich gut umschaut, entdeckt überall schöne Ecken“, mahnt sie leise, „Ecken, die man gut schützen muss, damit sich die Natur nicht eines Tages auf ihre Weise zu rächen beginnt …“

„Und wie ging es nun weiter mit der Geschichte?“

 

Alle, die bereit waren, ehrlich und offen aufzudecken, was in der Vergangenheit für Fehler gemacht wurden, erkannten die Gunst der Stunde. Jetzt war es endlich an der Zeit, etwas wieder gut zu machen. Längst hatte der eine oder andere festgestellt, dass es eine Vielzahl von Schmetterlingen, Käfern, Vögeln – eben Groß- und Kleingetier aus ihrer Kindheit – kaum oder nicht mehr gab. Gedanken darüber machte sich selten jemand. Wichtig waren zum Beispiel große Weide- und Ackerflächen, die bis an die von Menschen begradigten Flüsse reichten.

 

„Aber das braucht man doch für die Schafe und Kühe! Und dann die Felder für Getreide und so!“, warf Fridolin ein.

„Ja, genau das haben auch viele Menschen bekräftigt, und die Natur- und Umweltschützer hätten sie lieber vor die Tür gesetzt!“

„Warum konnten die sich denn nicht einigen?“

„Das ist eine gute Frage …“

„Immerhin fanden sie endlich zueinander, nachdem die Natur aufbegehrte.“

„Ach ja, erzähl weiter!“

 

Ein Umdenken hatte begonnen. Man sprach über Nachhaltigkeit und wieviel Geld ein Wiederaufbau von Biotopen kosten würde – und da kam dein Großvater ins Spiel. Er schlug vor, die Natur für sich arbeiten zu lassen. Alle blickten ihn verwundert, bestürzt oder auch nur mitleidig an. Als er aber davon berichtete, was er auf  seinem Land angesiedelt hatte, schwiegen sie ehrfurchtsvoll, denn sie kannten die wunderbaren Ländereien unserer Familie, die immer schöner wurden und inzwischen manchen Wanderer hier einkehren ließen.

 

„Lass mich raten!“

Zappelnd vor Aufregung erhob er den Finger, wie im Kindergarten, um etwas zu sagen: „Es ist das Tier, das wir gerade beobachtet haben?“

„Um genau zu sein: die vielen Tiere, die wieder zu uns zurück gefunden haben!“

Über das Gesicht Fridas zog ein helles Leuchten. „Du glaubst gar nicht, was du noch so alles hier bei uns entdecken kannst!“

„Aber wie heißt denn nun das Tier?“

„Es ist der Biber, der sich wieder hier heimisch fühlen kann. Er fällt Bäume, wie du gesehen hast, baut Burgen, gräbt Gänge …“

„Aber ist das nicht gefährlich für uns? Vielleicht gräbt er Tunnel unterm Haus, und dann stürzt es ein?!“

„Keine Angst, er hat genügend Platz. – Er braucht in Ufernähe nur zehn bis zwanzig Meter Raum, dann kommt er uns ‚nicht ins Gehege‘!“

„Aber was hat das mit Hochwasser zu tun?“

„Ach ja, richtig – dazu zeige ich die daheim einige Bilder. Da siehst du, wie der Biber in der Lage ist, Wasser zu stauen mit natürlichen Dämmen. Wie er verhindert, dass sich das Wasser wie ein Sturzbach viel zu schnell in das Tal ergießt. Seine Wasserwege sind verschlungen und zwingen das Wasser zu langsamer Gangart.“

„Und wenn doch mal wieder viel Wasser von den Bergen kommt?“

„Dann sind die Wiesen- und Sumpflandschaften rundherum gut geeignet, all dieses Wasser aufzunehmen.“

Auf Fridolins Stirn bilden sich Grübelfalten, doch dann lacht er auf. „Wenn wir also ihm sein Zuhause lassen und ihn schützen, macht er das auch für uns Menschen, richtig?!“

„Ganz richtig, mein Kleiner, wie klug du bist! Und wenn es genügend kluge Menschen gibt, dann leben wir alle wieder im Einklang mit der Natur!“

 

Über die Autorin:

…und nun zu mir:
Geboren und aufgewachsen 1950 in Cottbus.
Bücher sind, seit ich denken kann, mein ständiger Begleiter – wen wundert es, dass ich schon vor der Schule versuchte, die deutsche Schrift zu „lesen“, denn diese Art Literatur gab es am meisten zu Haus. So wurde „Deutsch“ mein Lieblingsfach und ich hatte Freude am „Schönschreiben“ und später an der Dichterei. Damit jedoch nicht genug, denn das Wort musste vorgetragen werden; so liebte ich die Rezitation und das Vorlesen und hatte großen Erfolg damit, setzte dieses Können später vielerorts auf der Bühne ein (Leitung der Studentenbühne in Halle/Saale; Mitglied bei den „schreibenden Studenten“; Mitarbeit im Theater der KSG ebendort). Nach Abschluss des Pädagogikstudiums war es für mich von besonderer Wichtigkeit, den Schülern (auch im Fachunterricht) ihre Muttersprache besonders nahe zu bringen und arbeitete später mit allen Altersgruppen ( ab zwei Jahre), um so zeitig wie möglich die Freude an der Literatur zu wecken.
Nach den vielen Wirrnissen des Lebens fand ich auf wundersame Weise den Weg zu einem Schriftsteller und dessen Verlag. Hier kann ich mich nun endlich entfalten (inbesondere als Lektorin), viel lesen und all die verschütteten Gedanken, Textfragmente und Erinnerungsfetzen sammeln, nach und nach zusammensetzen und  das beenden, was damals begann…an einem Ort, der kraftvoller nicht sein kann : Greith im Allgäu – und einem wunderbaren Partner an meiner Seite!
Barbara Scheck
Greith 8
87642 Halblech
017638841463

Bettina Ferbus: Die erste »andere« Gastgeschichte

Seit den Anfängen von »Das andere Buch« gehören Gastbeiträge von anderen Autoren dazu. Auch in Zukunft wollen wir das beibehalten. Bettina Ferbus ist unsere erste Gastautorin in unserem neu gelaunchten Blog. Ihre Geschichte heißt: Die Mönchsgrasmücke

Bettina Ferbus, Jahrgang 1969, ist hauptberuflich Reitlehrerin in ihrer Heimatstadt Zell am See. Neben den Pferden waren Bücher immer schon ihre größte Leidenschaft. Bereits in ihrer Kindheit hat sie angefangen, nicht nur ein Buch nach dem anderen zu verschlingen, sondern auch selbst zu schreiben.
Ihre besondere Vorliebe gilt der Phantastik in all ihren Ausprägungen. So schreibt sie Kindermärchen ebenso wie Fantasy, Science Fiction und (blutigen) Horror. Ihre Kurzgeschichten und Romane sind zum Teil in gedruckter Form und zum Teil als Ebooks erschienen.
Näheres zu Bettina Ferbus gibt es auf ihrer Homepage:
www.ferbus.at/bettina

Die Mönchsgrasmücke

»Ja, Himmel! Was veranstalten die Spatzen denn heute bloß für einen Lärm!« Norbert, der Stallmeister, wandte seinen Blick zur Stalldecke.

Agnes sah ebenfalls nach oben. Mit lautem Getschilpe und Gezetere jagten fünf Spatzen einen anderen Vogel. Agnes konnte nicht erkennen um welchen es sich handelte, sah nur einen panisch hin und her flitzenden, graubraunen Schatten.

Raus, du musst raus, versuchte sie dem fremden Vogel in Gedanken zuzuflüstern. Die Stalltüren sind weit offen. Draußen lassen sie dich bestimmt in Ruhe.

Er schien ihre Gedanken zu hören, denn er hielt nun mit zunehmender Geschwindigkeit auf den Ausgang zu. Doch nein! Er flog zu hoch! Er konnte es nicht erkennen!

Agnes schloss die Augen. Dafür hörte sie das harte »Pock«, mit dem der fremde Vogel gegen das Glas des Oberlichts stieß, umso lauter. Als sie die Augen wieder aufmachte lag das Tier auf der Stallgasse, die Flügel leicht zur Seite ausgebreitet, und regte sich nicht. Agnes eilte zu ihm hin, nahm ihn in ihre Hand. Er war ganz leicht. Das Köpfchen hing schlaff herab. Die Augen waren geschlossen. Das Gefieder war graubraun, an den Flügeln und am Rücken ein wenig dunkler, am Bauch heller. Das Köpfchen zierte eine pechschwarze Kappe.

»Das wird nichts mehr«, sagte Norbert.

Doch Agnes war ganz und gar nicht seiner Ansicht. »Woher willst du das wissen?«

»Bestimmt hat er sich beim Aufprall auf der Fensterscheibe das Genick gebrochen.«

»Und wenn doch nicht?«

»Wenn du meinst, Mädel. Dann leg ihn eben draußen unter die Büsche.«

»Damit ihn die Katze frisst? Ganz sicher nicht.«

»Was willst du denn sonst machen?«

Agnes sah zu Norbert hoch. »Ich werde ihn in meiner Hand halten, bis er wieder aufwacht.« Der bärtige Stallmeister schmunzelte. Er nahm sie nicht ernst. Ehrgeiz regte sich in Agnes. Niemand nahm einen ernst, wenn man erst elf war. Aber sie würde es ihm zeigen!

Sie setzte sich nach draußen, sah den Reitern auf dem Springplatz zu. In ihrer hohlen Hand lag der Vogel – warm und leicht und weich.

Brigitte, die Reitlehrerin, spähte über ihre Schulter. »Was hast du denn da? Eine Mönchsgrasmücke. Ein seltener Vogel. Hoffentlich erholt er sich wieder.«

Damit ging sie auf den Reitplatz, um Carina Unterricht zu geben. Normalerweise beneidete Agnes Carina grenzenlos um Rico. Der weiße Reitponywallach schien alles von selbst zu machen und war außerdem unglaublich hübsch. Doch heute achtete sie kaum darauf, wie Carina ein Hindernis nach dem anderen nahm. Mönchsgrasmücke. Sie hatte einen Namen zu dem Vogel. Und selten war er. Gut, auch von Spatzen hieß es, dass sie immer seltener wurden, aber davon merkte man hier im Stall nichts. Hier waren die Spatzen allgegenwärtig und unglaublich frech. Kamikazespatzen, nannte Brigitte sie manchmal und behauptete, sie würden so nahe an ihrem Gesicht vorbeifliegen, dass sie den Luftzug auf der Nase spüren konnte.

Und sie hatten die Mönchsgrasmücke gejagt, hatten den fremden Vogel nicht in ihrem Revier geduldet. Mit dem Daumen strich Agnes über das befiederte Köpfchen. Die Augen waren noch immer geschlossen, aber wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Agnes hoffte so, dass sich das Tier wieder erholte. Sie wusste, wie es war, wenn man gejagt wurde, weil man nicht dazugehörte. In der Schule erging es ihr auch nicht anders als der Mönchsgrasmücke mit den Spatzen. Sie wurde verspottet, ihre Schulbücher landeten regelmäßig im Dreck und sie hatte sich angewöhnt, ihren Sessel stets auf Kaugummi und Klebstoff zu untersuchen, bevor sie sich hinsetzte.

Dabei hinkte sie kaum noch. Die letzte Operation war gut verlaufen. Agnes konnte jetzt fast normal gehen und laufen und brauchte zwar noch Spezialschuhe, aber keine Schiene mehr. Seit Michael »Michi« Berger, einer ihrer Klassenkameraden, jedoch ein Gespräch ihrer Mutter mit der Direktorin belauscht hatte, wusste die ganze Schule, dass sie mit einem Klumpfuß auf die Welt gekommen war.

»Hinkebein«, war noch die harmloseste Bezeichnung, mit der ihre Mitschüler sie bedachten. Agnes wurde gemieden, als ob so ein Klumpfuß eine ansteckende Krankheit und nicht bloß eine angeborene Fehlstellung sei. Wenigstens war es hier im Stall anders. Hier wurde Agnes geschätzt, weil sie so viel Geduld mit den Pferden hatte. Und Brigitte ging zwar in ihren Stunden auf Agnes’ Probleme ein, schenkte ihnen aber genauso viel – oder wenig – Beachtung wie den hochgezogenen Fersen von Chiara oder den unruhigen Händen von Paula. Vielleicht weil Brigitte jede Menge Erfahrung mit besonderen Schwierigkeiten beim Reiten hatte. Dienstags und samstags gab sie schließlich sogar Reit- und Voltigierunterricht ausschließlich für Behinderte. Nicht, dass Agnes so eine Spezialbehandlung nötig gehabt hätte. Sie hielt ohne Weiteres bei den ganz normalen Reitstunden mit.

 

Plötzlich spürte sie, wie der Vogel sich regte. Er rollte sich auf den Bauch. Agnes konnte die winzigen Krallen auf ihrer Handfläche spüren. Nun hatte er die Augen offen, auch wenn er noch schwankte und zitterte und sichtliche Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten. Auch sein Köpfchen sank immer wieder zur Seite, oder nach vorne, so als wäre es zu schwer für den Hals.

Agnes wagte kaum zu atmen. Bloß jetzt das Tierchen nicht erschrecken. Es hatte sich noch nicht ausreichend erholt, um wegfliegen zu können. Die Mönchsgrasmücke blinzelte. Agnes fühlte den Blick aus den schwarzen Augen auf sich ruhen. Nein, das bildete sie sich ein. Auf ihrer Hand saß nur ein Tier, für das sie wahrscheinlich nicht mehr als ein sich bewegender Berg war.

»Was hast du da?« Carina hatte Rico an der Begrenzung des Springplatzes angehalten und spähte neugierig von ihrem Pony herunter.

Unwillkürlich hielt Agnes ihre Hand schützend über den kleinen Vogel. »Eine Mönchsgrasmücke«, flüsterte sie, denn sie hatte Angst, dass eine laute, menschliche Stimme das Vögelchen erschrecken könnte.

»Was ist das denn?« Carina beugte sich vor, um besser sehen zu können. Ihr Schatten fiel auf Agnes und durch die Finger hindurch auch auf die Mönchsgrasmücke.

Der Vogel in Agnes’ Hand regte sich. Zuerst schien er sich noch mehr zusammenzukauern, doch dann spürte sie, wie er die Flügel bewegte. Sollte sie ihn festhalten, oder würde ihn das nur noch mehr verstören? Zu spät. Schon war er durch einen Spalt zwischen ihren Fingern geschlüpft, und ehe Agnes es sich versah, war er fortgeflogen und zwischen den dichten Bäumen am Rand des Reitplatzes verschwunden.

 

Lange noch sah Agnes ihm nach und am Abend suchte sie im Internet nach Informationen. Mönchsgrasmücken schienen nicht ganz so selten zu sein, wie Brigitte gemeint hatte. Sie wurden als die achthäufigste Brutvogelart in Deutschland angesehen. Aber durch ihre heimliche Lebensweise bekam man sie eben nicht so häufig zu Gesicht. Sie ernährten sich hauptsächlich von Insekten und Spinnen, fraßen aber auch Beeren. Nach der Beschreibung im Internet war das Tier im Stall ein erwachsenes Männchen gewesen, denn die Weibchen und die Jungvögel hatten eine rotbraune Kappe.

Außerdem stand dort, dass die Mönchsgrasmücke von allen Grasmücken die vielseitigste sei. Sie fände sich gelegentlich sogar in den Parkanlagen von Großstädten. Zuerst wusste sie mit dem Begriff monogame Saisonehe nichts anzufangen. Doch als sie weiter las, wurde ihr klar, dass die Vögel eine Brutsaison zusammenblieben, um gemeinsam die Jungen großzuziehen. Häufig trafen sich jedes Jahr dieselben Tiere wieder, wenn sie aus dem Winterquartier zurückkamen. Irgendwie eine romantische Vorstellung. Fand zumindest Agnes.

Vielleicht lag es an den vielen Stunden, die sie über den Vogel gegrübelt hatte, dass sie auch am nächsten Morgen noch an ihn dachte. Hatte sie nicht sogar von ihm geträumt? Während sie im Halbschlaf ihr Müsli löffelte, versuchte sie sich zu erinnern. Verschwommen tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Der Vogel, beinahe so groß wie sie selbst. Eine Landschaft, die nur aus Wolken bestand. Sie fühlte wieder ihre Verwunderung, als der Vogel zu sprechen anfing. Der Schnabel bewegte sich leicht, aber die Stimme schien von überall zu kommen. »Gerettet hast du mich und mein Ei. Darum hast du drei Wünsche frei.«

 

Ihr war, als würde sie diesen Satz auch jetzt noch hören, als würde er in ihrem Kopf widerhallen. Na toll! Ein Ohrwurm, den sie aus einem nächtlichen Traum mitgebracht hatte. Sie schüttelte den Kopf, kratzte den letzten Rest Müsli aus der Schüssel und schnappte sich ihre Schultasche. Das Erlebnis mit dem Vogel hatte ihr für eine Weile ein Hochgefühl verschafft, aber jetzt musste sie sich wieder dem Alltag stellen.

Vielleicht gelang es ihr, sich in die Klasse zu stehlen, ohne von Michi bemerkt zu werden? Sie hoffte vergebens. Er entdeckte sie bereits im Schulhof.

»Ja, wen haben wir denn da? Ist das nicht die Agnes?« Er vertrat ihr den Weg. »Heißt du wirklich noch Agnes? Oder hast du dich inzwischen schon umtaufen lassen? Ich meine, wer heißt heutzutage denn schon Agnes? Das ist doch fast so schlimm wie Walburga oder Edeltraud.«

Michi machte einen Schritt auf sie zu. Agnes wich zurück. Sie musste an die Mönchsgrasmücke denken. Wie sie sich geduckt hatte, als Carinas Schatten auf sie gefallen war. Was wünschte sie sich jetzt einen Beschützer, der auf sie aufpasste, so wie sie es mit der Mönchsgrasmücke gemacht hatte.

Michi machte einen weiteren Schritt. Agnes drehte sich um und rannte. Bloß kam sie nicht weit. Sie prallte gegen etwas Festes und doch ein wenig Nachgiebiges. Im nächsten Augenblick saß sie auf ihrem Hinterteil. War das peinlich! Wahrscheinlich hatte die halbe Schule diese tolle Aktion gesehen. Ihr Gesicht fühlte sich glühend heiß an. Sicherlich war es knallrot. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, hatte sie auch noch weiße Flecken auf den Wangen. Michi nannte das immer ihre Radieschenfarbe.

»Alles in Ordnung?« Eine hohe Gestalt beugte sich über sie. Agnes blinzelte. Sie kannte den Jungen mit dem runden Gesicht und den dunklen Locken nicht.

»Natürlich ist sie in Ordnung. Soweit man das in ihrem Zustand sein kann.« Michi lachte gehässig.

Der fremde Junge sah hoch.

»Du musst der Neue aus der 2c sein.« Michi musterte ihn abschätzig.

»Ja, ich bin Jochen Albers. Bin seit einer Woche in der Stadt.« Dann sah er jedoch kurz zu Agnes, nur um einen Lidschlag später wieder zu Michi zu blicken. »Aber was meinst du mit in ihrem Zustand?«

»Ich habe einen Klumpfuß«, schaltete sich nun Agnes ein, um Michi keine Gelegenheit zu lassen, weitere Gemeinheiten von sich zu geben. »Beziehungsweise ich hatte einen. Durch die Operationen sieht man jetzt fast gar nichts mehr.«

»Das ist doch super.« Jochen hielt ihr die Hand hin.

Agnes stand ohne seine Hilfe auf. Wer konnte schon wissen, welche Heimtücke sich hinter dieser scheinbar freundlichen Handlung versteckte? Vielleicht ließ er sie gleich noch einmal stolpern und hinfallen, sodass sie in der Regenpfütze landete, die sich keinen Meter entfernt im Gras gebildet hatte? Das konnte sie sich wirklich ersparen. Es reichte, dass ihre Hose nun Flecken hatte, sie musste nicht auch noch nass werden.

Michi war die Pfütze nicht entgangen. Sie sah es an seinem Blick und an seinem boshaften Grinsen. Sie versuchte Abstand zwischen sich und die Pfütze zu bringen.

»Wo willst du denn hin?« Ein boshafter Unterton schwang in Michis Stimme mit. »Hast du etwa heute schon gebadet? So wie du aussiehst, wohl eher nicht.«

Agnes sah sich nach einem Fluchtweg um. Aber auf der einen Seite war die Schulmauer, auf der anderen stand Jochen und die verbleibende Lücke wurde durch eine immer größer werdende neugierige Menge ausgefüllt.

Michi kam näher. Schon streckte er die Hand nach ihrem Arm aus. Agnes’ Herzschlag beschleunigte sich. Schweiß löste sich widerlich und kalt aus ihren Achselhöhlen und floss Tröpfchen für Tröpfchen ihre Rippen entlang.

Michis siegessicheres Grinsen verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie wollte etwas sagen. Schreien. Aber ihr Mund war so trocken, dass sie kein einziges Wort herausbrachte. Sie vermochte sich nicht einmal mehr zu bewegen. Ihre Beine fühlten sich weit entfernt an. Als würden sie gar nicht zu ihr gehören.

»Lass sie in Ruhe!« Eine schwere Hand hatte sich auf Michis Schulter gelegt.

Er schüttelte sie energisch ab. »Halt du dich da raus. Das geht dich nichts an.«

»Wie kommst du darauf?«

»Na, weil es dich eben nichts angeht.«

Jochen packte Michi, der wieder versuchte nach Agnes zu fassen, am Arm. »Ich bin durchaus der Ansicht, dass mich das, was du hier direkt unter meiner Nase machst, etwas angeht.«

»Dann geh doch weg!« Michi wollte seinen Arm mit einer ruckartigen Bewegung befreien, aber Jochen war stärker.

»Nein, das werde ich nicht und ich werde auch nicht wegsehen. Wenn du etwas von ihr willst, dann musst du zuerst an mir vorbei.«

Michi musterte Jochen. Er versuchte sein Gesicht ausdruckslos zu halten, es gelang ihm jedoch nicht, das eine oder andere Zucken um die Mundwinkel zu verhindern. Agnes meinte seine Gedanken so deutlich lesen zu können, als stünden sie in einem Buch geschrieben. Er fragte sich, ob er gegen Jochen eine Chance hatte. Doch Jochen war größer und breiter. Das kleine Bäuchlein, das über den Bund seiner Hose quoll, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Arme muskelbepackt waren.

Michi machte einen Schritt zurück. Jochen ließ ihn los. Sofort richtete sich Michi auf. Ein überheblicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Dann will ich mal dem jungen Liebesglück nicht im Weg stehen.« Die Worte klangen gehässig und er spuckte sie Jochen und Agnes regelrecht vor die Füße. Die Umstehenden lachten.

Dann ging Michi. Ja, er stolzierte regelrecht davon, als ob er mit seiner Haltung über die eben erlittene Niederlage hinwegtäuschen könnte. Die Umstehenden kicherten und tuschelten. Doch Agnes verstand kein einziges Wort. Sie wusste nicht, wer der Mittelpunkt der allgemeinen Gehässigkeit war. Michi, weil er diesmal den Kürzeren gezogen hatte, Jochen, weil er sich eingemischt hatte, oder sie selbst. Es interessierte sie auch gar nicht. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

»Soll ich dich zu deiner Klasse begleiten?«

Zuerst wollte Agnes ablehnen. Sie war bisher alleine zurecht gekommen und würde es auch in Zukunft schaffen. Aber gar so glücklich war sie dabei nicht gewesen. Warum es also nicht mal mit Gesellschaft versuchen?

»Gerne.« Sie nahm sich ihre Schultasche, die sie bei ihrer Flucht hatte zu Boden fallen lassen, und ging mit Jochen Richtung Klassenräume. Niemand belästigte sie. Niemand verspottete sie. Keiner rempelte sie an. Eigentlich war es sehr angenehm, den großen Jungen an ihrer Seite zu haben. Welche Begründung konnte sie sich wohl einfallen lassen, sich öfters mit ihm zu treffen?

»Weißt du zufällig, wo man hier ein Pferd einstellen kann?«

Agnes starrte Jochen verblüfft an.

»Kein Problem. Ich werde es schon selbst herausfinden. Weißt du, mein Großvater züchtet Schwarzwälder Füchse und vor zwei Jahren hat er mir einen geschenkt. Eigentlich wollte ich ihn bei Opa lassen und nur in den Ferien besuchen, aber ich vermisse ihn schon jetzt. Also dachte ich mir, ich schaue mich mal um, wo ich ihn hier in der Nähe unterbringen kann.«

Agnes kannte die schweren, schokoladebraunen Pferde mit den flachsfarbenen oder manchmal sogar ganz weißen Mähnen bisher nur von Fotos. Zu gerne hätte sie einen in Wirklichkeit gesehen. Dass Jochen eines dieser Pferde besaß, war einfach … unglaublich!

»Tut mir leid, falls ich dich nerve. Es können schließlich nicht alle Mädchen pferdebegeistert sein.«

»Du nervst überhaupt nicht«, beeilte sich Agnes zu versichern. »Ich mag Pferde und reite auch regelmäßig.« Sie atmete tief durch, weil das alles einfach zu toll war, um wahr zu sein. Aber Jochen stand immer noch vor ihr und er sah sie auch immer noch erwartungsvoll an. Also fügte sie hinzu: »Und bei uns im Stall sind auch noch Boxen frei.«