Ein Buch geht mit der Zeit – „Katharina … seit damals ist sie ganz anders geworden!“ im neuen Look.

2005 wurde das Buch von Margit Kröll „Katharina … seit damals ist sie ganz anders geworden!“ veröffentlicht . Jetzt, 10 Jahre später, wurde es neu herausgebracht. In den letzten Jahren hat sich viel getan, deshalb hat die Autorin die Geschichte modernisiert und zum Beispiel die Telefonzelle in ein Handy ausgetauscht. Auch das Schulsystem in Österreich hat sich geändert.
Margit Kröll hat die Neuauflage des Buches selbst in die Hand genommen. So hat sie es nach ihrem Wunsch gestaltet. Die Schrift ist jetzt größer und daher auch für 7-jährige Kinder ansprechender. Außerdem lockern Bilder den Text auf. Diese stammen von der 14 jährigen Schülerin Xenia, deren Talent Margit Kröll entdeckt hat und für das Buch gewinnen konnte.

nähre Infos zum Buch: http://www.familie-kroell.at/margit_neu/seiten/buecher.htm#katharina

covervorne kap15

Der nächste Beitrag zum Thema »Anders« stammt aus der Feder von »Nicole Engbers«

Im Gegensatz zu den Geschichten von Tabea Petersen und Margit Kröll, die beide eine Kurzgeschichte geschrieben haben, gibt es von »Nicole Engbers« Lyrik zu lesen.

Der Riese und der Zwerg

Es spricht der große Riese
Zum klitzekleinen Zwerg:
„Ich kann, was du nicht kannst
Und spuck bis übern Berg!“

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

 „Hör zu“, meint nun der Riese,
„Dann staunst du sicher sehr.
Ich brauch nur einen Schritt
Und schon bin ich am Meer!“

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

„Glaub nur nicht“, prahlt der Riese,
„Dass das schon alles war.
Wenn ich mich etwas strecke,
Seh ich Amerika!“

Der Zwerg fühlt sich so winzig
Um nicht zu sagen klein.
„Ach, könnte ich nur einmal,
Nur einmal anders sein.“ 

Er hätte gern zwei Beine,
So lang wie’s eben geht,
Am besten links und rechts eins,
Damit er sicher steht.

Er zieht an seiner Mütze,
Er zerrt mit voller Kraft,
Damit er es vom Boden
Ein Stückchen aufwärts schafft.

Es kommt, wie’s kommen musste:
Vom Schweiß glänzt das Gesicht,
Doch groß, so wie ein Riese,
I
st er noch lange nicht.

Stattdessen hält der Zwerg nun
Die Mütze in der Hand.
Der Riese meint, dass er ihn
Doch vorher größer fand.

Der Zwerg seufzt: „Ich gestehe –
Du hast mir was voraus.
Ich bin halt nur ein Winzling,
Nicht größer als ’ne Maus.“

Der Zwerg fühlt sich so winzig
Und kleiner noch als klein.
Da fällt mit einem Male
Dem klugen Kerl was ein:

„Sag, gabst du einem Käfer
Schon jemals deine Hand?
Und bist du um die Wette
Durch hohen Klee gerannt?

Bist du an grünen Gräsern
Mit Schwung hinabgerutscht?
Und hast du früh am Morgen
Den frischen Tau gelutscht?“

Der Riese seufzt: „Ich glaube
Du hast mir was voraus.
Ich bin ein Riesenriese,
Doch kleiner als `ne Maus.“

Weiter geht die »andere« Geschichte mit »Die Herrin der Bücher« von Tabea Petersen

Nach Margit Kröll folgt Tabea Petersens Geschichte zum Thema »Anders«.
Die Geschichte trägt den Titel »Die Herrin der Bücher«


Die Herrin der Bücher

Wie beginnen Geschichten? Darüber habe ich viel nachgedacht in den letzten Stunden. Muss es überhaupt einen Anfang geben? Oder waren die Geschichten eigentlich schon immer da, irgendwo halb verborgen im Schatten, und warteten auf ihre Zeit?

Genau wie sie. Auf den ersten Blick bemerkte man sie nicht einmal – bis sie selbst es wollte. Und danach wusste niemand mehr zu sagen, woher sie gekommen war. Eigentlich weiß ich noch immer nicht genau, wer sie ist. Was sie ist. Aber vielleicht werde ich es heute Nacht herausfinden.

 

Falls eine Geschichte dennoch einen Anfang braucht, so begann diese an einem regnerischen Novembernachmittag. Ich stand zusammen mit Kevin und ein paar anderen aus meiner Klasse am Fahrradständer vor dem Einkaufszentrum. Unsere Stadt ist so klein, dass sie den Namen Stadt eigentlich gar nicht verdient, und es gibt nachmittags für uns kaum etwas anderes zu tun, als gemeinsam an irgendeiner Ecke herumzulungern und darauf zu warten, dass die Zeit bis zum Abendessen vorüber ging. Auch an diesem Tag standen wir einfach herum und versuchten, so wenig wie möglich nass zu werden, bis es mir irgendwann zu dumm wurde und ich vorschlug, hinüber in die Stadtbibliothek zu gehen. Kevin lachte. Kevin lacht immer, wenn irgendjemand eine neue Idee hat, und da Kevin mindestens einen Kopf größer ist als jeder andere von uns, und ungefähr doppelt so breit, traut sich auch nie jemand ihn zu fragen, was es da zu lachen gibt. Also prusteten erst einmal alle vor sich hin und zogen mich mit meinem Vorschlag auf, bis sie schließlich einsahen, dass selbst unsere Stadtbibliothek immer noch mehr zu bieten hat als der Fahrradständer vor dem Einkaufszentrum an einem Regentag.

Wir zogen also los, und kurz darauf trafen wir zum ersten Mal auf sie. Das heißt, eigentlich schlurften wir erst einmal nur an ihr vorbei und ignorierten sie – eine völlig normale Reaktion gegenüber fremden Erwachsenen also, erst recht, wenn es sich dabei um kleine ältere Damen handelt, die in einer Bibliothek arbeiten. Doch dann sprach sie Kevin an: »Junger Mann?« Ihre Stimme klang so sanft und leise wie ein Windhauch im Frühling, und sie reichte Kevin höchstens bis zur Brust. Auf den ersten Blick sah sie beinahe aus wie eine Nonne in ihrem langen, grauen Gewand, und ihr graubraunes Haar war zu einer Art Knoten am Hinterkopf aufgesteckt. Doch anstelle von Haarnadeln ragten zwei überkreuzte, altmodische Füllhalter aus dem Gebilde. Beinahe noch seltsamer jedoch erschien das kleine Schild, das die Frau an den Kragenaufschlag ihres Kleides geheftet trug. In schnörkeliger Tintenschrift stand darauf der Name »Regina« geschrieben. Regina wer? Seit wann ließen sich die Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek mit Vornamen ansprechen wie Kindergartentanten?

»Junger Mann? Würden Sie bitte Ihren Rucksack draußen im Regal abstellen?«

Kevin stierte auf die Frau herab, als wäre sie ein seltsames Insekt. Dann stieß er einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem belustigten Prusten und einem verächtlichen Schnauben lag, ein typisches Kevin-Geräusch, und versuchte, sich an ihr vorbei zu drängen. Dabei rammte er Elisa, die eben in diesem Moment den Lesesaal betreten wollte, grob den Ellenbogen in die Seite. Elisa ging in unsere Klasse, und sie hatte ständig ihre Nase in irgendeinem Buch. Ich kannte Elisa schon ewig, weil sie im Nachbarhaus wohnte. Als Kinder haben wir oft zusammen gespielt, bis ich irgendwann aufhörte, mich mit Mädchen abzugeben. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, musste ich zugeben, dass ich Elisa immer noch mochte. Sie war nett – und irgendwie auch hübsch auf ihre eigene, stille Weise. In der Klasse saß sie schräg vor mir. Manchmal beobachtete ich sie heimlich, wie sie über ihr Heft gebeugt dasaß und schrieb, oder, den Kopf auf die Hand gestützt, verträumt aus dem Fenster sah. Ab und zu drehte sie sich dann zu mir um, als hätte sie genau gemerkt, dass ich sie anschaute, und für einen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Kevin jedoch ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um Elisa zu schikanieren, und die anderen Jungs lachten über seine Gemeinheiten. Im Grunde fand ich das Ganze widerlich, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, mich gegen Kevin und die anderen zu stellen. Was hätte ich allein schon gegen sie ausrichten können? So schwieg ich, senkte den Kopf und schämte mich vor mir selbst.

 

An diesem Tag jedoch kam alles anders. Die kleine Bibliothekarin hob den Kopf, sah Kevin aus ihren dunklen, von den runden Gläsern einer Hornbrille umrahmten Augen an, und für einen winzigen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Dann senkte Kevin den Blick und ging nach draußen in den Korridor. Wortlos lud er seinen Rucksack in dem dafür vorgesehenen Regal ab. Er zog sogar seine schlammbespritzten Sneakers aus, stellte sie daneben, schlich auf Strümpfen zurück in den Saal und ließ sich in einen Lesesessel fallen. Einige Minuten lang sprach keiner von uns, bis irgendwann ein leises Murmeln aus dem Lesesessel darauf hindeutete, dass Kevin langsam wieder zur Besinnung kam.

»Die hat sie nicht alle! Ich sag euch, die ist total durchgeknallt, die Alte!« Es war nicht schwer zu erraten, wen er meinte, doch ich bemerkte auch den Anflug von Panik in seiner Stimme.

»Genauso durchgeknallt wie Assi-Elisa!«, fügte er nach einer Weile rachsüchtig hinzu. Anscheinend war er zu dem Schluss gekommen, dass irgendjemand für das, was eben passiert war, büßen sollte. Was dann geschah, kann ich mir selbst kaum erklären. Es dauerte sogar einige Sekunden, bis ich begriff, dass die Worte »Ach halt’s Maul, Kevin!« aus meinem eigenen Mund gekommen waren. »Und lass Elisa aus dem Spiel«, fügte ich noch hinzu. Dann drehte ich mich einfach um und ging.

 

Elisas zierliche Gestalt wirkte zwischen den vollgestopften Bücherregalen noch schmaler als sonst, doch sie bewegte sich mit einer ruhigen Sicherheit, die ich bisher nicht von ihr kannte.

»Hi Elis«, murmelte ich.

»Hi Lukas«, antwortete sie und schenkte mir ein seltenes, scheues Lächeln. Wenn Elisa lächelte, war es, als ob die Sonne aufging. Eine Weile schwiegen wir beide. Das ist auch eines der Dinge, die ich so an Elisa mochte: Dass man mit ihr nicht dauernd reden musste. Sie fragte mich nicht, warum ich zur ihr gekommen war, obwohl ich eben noch neben Kevin gesessen hatte. Stattdessen ließ sie weiterhin ihren Blick über die Bücherregale schweifen, nahm ab und zu ein Buch herunter und blätterte darin, um es dann entweder auf seinen Platz zurückzustellen, oder es dem kleinen Stapel hinzuzufügen, den sie unterm Arm trug. Ich sah ihr dabei zu. Irgendwann hatte sie wohl genügend Lesestoff gesammelt und ging zurück zur Rezeption. Ein wenig unbehaglich senkte ich den Kopf, als die kleine Bibliothekarin mit dem seltsamen Namen Elisas Bücher registrierte. Ich wagte nicht, der Frau in die Augen zu sehen. Auf dem Weg nach draußen stand plötzlich Kevin vor uns.

»He, seht euch das an: Das Liebespaar«, höhnte er. Hinter ihm vernahm ich spöttisches Prusten und übertriebene Schmatzgeräusche von den anderen Jungs. Elisa aber schrak nicht zusammen oder senkte den Kopf, wie sie es sonst  tat, wenn Kevin ihr auflauerte. Stattdessen hielt sie seinem Blick stand, zog die Augenbrauen in die Höhe und hauchte mit einer perfekten Nachahmung der samtenen Stimme der Bibliothekarin: »Junger Mann?«

Für einen winzigen Moment zuckte Kevin vor ihr zurück. Lachend traten wir auf die regenfeuchte Straße. Ich wusste, dass wir später für diesen kleinen Triumph zahlen würden – mit Zins und Zinseszins, denn Kevin vergaß so etwas nie. In diesem Moment aber kümmerte es mich nicht. Schweigend ging ich neben Elisa her, betrachtete verstohlen ihr schmales Gesicht mit den vom Laufen geröteten Wangen und war glücklich. Doch das Glück währte nur wenige Minuten. Wir hörten es schon, als wir in unsere Straße einbogen: Elisas Stiefvater hatte wieder getrunken. Normalerweise war er ein wortkarger Mann, aber wenn er betrunken war, schrie er:

»Wo ist deine feine Tochter, na wo? Was fällt der faulen Göre ein, sich einfach in der Gegend herumzutreiben!« Die letzten Spuren des Lachens auf Elisas Gesicht erloschen, und mir war kalt.

»Wenn du willst, kannst du erst mal zu uns kommen«, hörte ich mich sagen. »Bis er sich beruhigt hat.« Doch im Grunde wusste ich bereits, dass sie ablehnen würde. Ich wusste auch, dass ihr Stiefvater sich nicht beruhigen würde. Wenn Elisa nicht als Prügelknabe zur Verfügung stand, würde er seine Wut eben an ihrer Mutter auslassen. Elisas Mutter sah man selten. Man nahm sie einfach nicht wahr, selbst wenn sie da war. Sie wirkte wie ein flüchtiger Bleistiftumriss einer Frau, die ein Maler irgendwo ganz am Rande eines Bildes hingekritzelt und später vergessen hatte.

Elisa schüttelte nur leicht den Kopf und huschte wortlos nach drinnen. Sie fügte sich in das Unvermeidliche – und ich war allein. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, meine Ohren vor dem Geschrei zu verschließen, das weiterhin aus dem Nachbarhaus drang. Es gelang mir nicht. Bis zu mir nach Hause waren es nur wenige Schritte, aber meine Füße fühlten sich schwer wie Blei an.

 

Am nächsten Tag war Elisa nicht in der Schule, und als sie ein paar Tage später wiederkam, konnte man an ihrer rechten Wange noch ganz deutlich einen Bluterguss sehen. In meinen Hosentaschen ballten sich die Hände von ganz allein zu Fäusten.

In der Geschichtsstunde wurden Elisa und ich zu einer gemeinsamen Projektarbeit eingeteilt. Es ging darum, die Vergangenheit unserer Stadt zu erforschen, und Elisa schlug vor, gleich am Nachmittag in die Bibliothek zu gehen um uns im Stadtarchiv umzusehen. Wieder stand sie an der Rezeption, die seltsame kleine Bibliothekarin. Sie wirkte, als wäre sie nie fort gewesen, als habe sie genau auf uns gewartet. Nein, nicht auf uns, dachte ich. Nur auf Elisa, die sie mit einem Lächeln begrüßte. Ich hielt mich im Hintergrund, und die kleine Frau bedachte mich nur mit einem einzigen, beinahe flüchtigen Blick. Doch der genügte. Ihre Stimme mochte wie ein Windhauch klingen, aber der Blick ihrer dunklen Augen war wie eine bodenlose Schlucht. Nun verstand ich, was Kevin einige Tage zuvor so aus der Fassung gebracht hatte: Im Bruchteil einer Sekunde, für den unsere Blicke sich streiften, schien sie mein gesamtes Wesen zu erfassen und drang vor bis in jene innersten Gedanken, die ich niemandem, nicht einmal mir selbst, einzugestehen wage.  Ein Schaudern überlief mich. Nein, irgendetwas an dieser Frau war definitiv nicht normal, und damit meinte ich nicht die Federhalter im Haar. Sie lächelte schon wieder, nickte ein wenig vor sich hin und sagte dann: »Kommt mit, Kinder.« Verwirrt trottete ich hinter Elisa her. Wir hatten doch überhaupt nichts gesagt. Woher also wusste die Frau, was wir wollten? Sie führte uns aus dem Lesesaal hinaus, eine Treppe hoch, dann noch eine und noch eine. Ich geriet langsam außer Atem, doch Elisas schmale Gestalt vor mir ließ keine Zeichen von Erschöpfung erkennen. Zuletzt erklommen wir eine schmale Wendeltreppe und gelangten an eine kleine, verwitterte Holztür. »Archiv« stand in schnörkeligen schwarzen Lettern darauf. Ich musste mich bücken, um nicht mit dem Kopf am Türrahmen anzustoßen. Der Raum, der dahinter lag, war auf eine Art genauso, wie ich mir ein Archiv immer vorgestellt hatte: Ein halbdunkler, staubiger Dachbodenraum. Zumindest auf den ersten Blick. Dann jedoch gingen wir weiter – und der Raum nahm kein Ende. Wieder und wieder versuchte ich, in dem seltsamen Dämmerlicht irgendein Ende der mit verstaubten, in Leder gebundenen Wälzern überladenen Regale auszumachen: ein Mansardenfenster vielleicht oder eine Giebelwand. Aber es wollte mir nicht gelingen. Beinahe noch mehr beunruhigte mich das leise, beschwingte Summen der Bibliothekarin, die vor uns herging, ab und zu mit dem Zeigefinger wie liebkosend über einen Buchrücken strich oder sachte den Staub von einem ledernen Einband wischte. Sie huschte zwischen den Regalen hin und her wie eine Spinne in ihrem Netz. Ich weiß nicht, wie lange wir hinter ihr hergingen, bis sie schließlich stehen blieb und ihre kleine feingliedrige Hand auf Elisas Schulter legte. Lächelnd zog sie ein beinahe ziegelsteingroßes Buch aus einem Regal und reichte es Elisa, die sogleich darin zu blättern begann. Da erst bemerkte ich das kleine Tischchen und den Stuhl, die wie aus dem Boden gewachsen neben uns standen. Im Schein einer altmodischen Leselampe setzte sich Elisa an den Tisch und ließ ihren Zeigefinger über die vergilbten Seiten mit den schnörkeligen Schriftzeichen wandern. Sie schien keine Mühe zu haben, die altmodischen Buchstaben zu entziffern, murmelte eifrig Namen und Jahreszahlen vor sich hin. Ich schaute ihr beim Lesen über die Schulter und versuchte, ihren Gedankengängen zu folgen, krakelte ab und zu ein paar Notizen in meinen Schreibblock. Irgendwann fiel mein Blick zufällig auf meine Armbanduhr, und ich erschrak: Wir hatten beinahe drei Stunden in der Bibliothek verbracht!

Ich weiß nicht, wo sie während der letzten Stunden gewesen war. Vielleicht hatte sie uns die ganze Zeit über beobachtet. Als wir uns zum Gehen anschickten, stand die Frau jedenfalls neben uns, als wären nur wenige Minuten vergangen. Lächelnd geleitete sie uns hinunter in den inzwischen verlassenen Lesesaal, und ich bin mir sicher, dass sie uns nachsah, als wir gingen. Verwirrt blinzelte ich im nasskalten Straßennebel mit den Augen und schüttelte mich. Mir war, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht. Elisa neben mir jedoch summte leise vor sich hin. Ich hatte erwartet, dass sie in sich gekehrt und ängstlich sein würde bei dem Gedanken, zu spät nach Hause zu kommen. Doch sie wirkte eher, als wollte sie jeden Moment anfangen wie ein kleines Mädchen über das Pflaster zu hopsen. Ich hatte sie noch nie so froh gesehen. Ihr Gesicht schien geradezu von innen heraus zu leuchten, und sogar der hässliche Bluterguss auf ihrer Wange war plötzlich verschwunden.

»Ist Frau Regina nicht unheimlich nett?« Es klang, als spräche sie von einer guten Bekannten.

»Kennst du sie etwa schon länger?«, fragte ich. Es gelang mir nicht, die leichte Unruhe in meiner Stimme zu verbergen. Elisa sah mich mit großen Augen an als verstünde sie nicht, was ich meinte

 

Auch in den nächsten Tagen hatte ich das Gefühl, dass Elisa in Gedanken weit weg war. Sie schien glücklich, und selbst Kevins Beschimpfungen konnten sie nicht aus der Fassung bringen. Vielleicht hörte sie sie nicht einmal. Jeden Tag gingen wir gleich nach der Schule ins alte Stadtarchiv. Elisa bewegte sich zwischen den endlosen Bücherregalen wie ein Fisch im Wasser, und immer wenn sie es gerade brauchte, erschien wie aus dem Nichts das kleine Tischchen mit der alten Messinglampe. Ich folgte Elisa pflichtschuldigst, auch wenn mir die Bibliotheksbesuche von Tag zu Tag unheimlicher wurden. Auf keinen Fall jedoch wollte ich Elisa mit der seltsamen Bibliothekarin allein lassen, deren dunkle, insektenartige Augen hinter den runden Brillengläsern Elisa überallhin zu folgen schienen. Ich war erleichtert, als wir das Geschichtsprojekt endlich beim Lehrer abgeben konnten. Doch nach dem Unterricht schlug Elisa trotzdem den Weg zur Bibliothek ein. Bemerkte sie überhaupt, dass ich ihr folgte? Ich betrat das Gebäude nur wenige Sekunden nach ihr, doch im Lesesaal waren weder Elisa noch die Bibliothekarin zu sehen. Verwirrt lief ich im Treppenhaus umher, doch die Wendeltreppe, die zum Archiv auf dem Dachboden führte, fand ich nicht. Vergeblich versuchte ich mich zu entsinnen, doch meine Erinnerungen an den Ort waren selbst nach so vielen Besuchen verschwommen wie ein Traum. Ich versuchte die in mir aufsteigende Panik zu unterdrücken, tigerte ruhelos im Lesesaal auf und ab und fand mich schließlich draußen vor der Eingangstür wieder. Wie lange ich dort ausharrte, weiß ich nicht mehr. Als Elisa endlich kam, war es längst dunkel, und ich fror bis ins Mark. So benommen war ich, dass mir ganz schwindelig wurde vor Erleichterung, als ich Elisa durch die Tür treten sah. Sie schien nicht im Mindesten erstaunt, mich zu sehen. Beinahe schien sie gewusst zu haben, dass ich auf sie warten würde. Ich wollte sie fragen, was sie so lange dort drinnen getan hätte, doch die Worte verloren sich in meinen wirren Gedanken und erreichten die Lippen nicht. So gingen wir wieder schweigend nach Hause. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag, auch am übernächsten und an dem danach. Jedes Mal schienen Elisas Besuche länger zu dauern. Schließlich nahm ich all meine Willenskraft zusammen und sagte ihr, dass ich mir Sorgen um sie machte. Das kleine Lächeln, das bei meinen Worten über ihre Züge glitt, sah beinahe traurig aus. Als sie mich anschaute, wirkten ihre Augen unnatürlich groß, und im diffusen Licht der Straßenlampe war ihr Gesicht so blass, dass es fast durchsichtig schien.

»Ach Lukas, das verstehst du nicht«, sagte sie. Ihre Stimme war leise und eindringlich: »Ich muss dort sein. Die Bücher, sie haben Seelen. Ich kann sie sehen, sie verstehen, sie sprechen zu mir. Sie sind meine Freunde.«

»Ich dachte WIR sind Freunde!« Ich schrie beinahe, hörte selbst, wie dumm und kindisch meine Worte klangen. Elisa hatte den Kopf schon wieder gesenkt.

»Das ist etwas anderes«, murmelte sie. »Ich sage doch, das verstehst du nicht. Mach’s gut, Lukas.« Dann ging sie.

Ungläubig starrte ich ihr hinterher. Die Bücher hatten Seelen? Sie sprachen? Verdammt, was redete sie da? Und wieso gab es überhaupt einen Dachboden über der Stadtbibliothek, einem modernen, dreistöckigen Klinkerbau mit Flachdach? Der Gedanke durchzuckte mich plötzlich mit furchtbarer Klarheit. Wie hatte ich nur so blind sein können?

»Mensch Elisa, warte doch! Elisa!!« Ich lief los und schrie, so laut ich konnte. Doch es gelang mir nicht sie einzuholen, obwohl ich den ganzen Weg nach Hause rannte, und als ich an ihre Haustür hämmerte, öffnete niemand.

 

Das war gestern Abend. Als Elisa heute Morgen nicht in der Schule erschien, verlor ich keine Zeit. Jetzt, wo ich das Geheimnis erahnte, fand ich die Wendeltreppe hinauf zu dem mystischen Archiv auf Anhieb. Ich rannte hinauf und stieß die niedrige Tür auf, fiel beinahe über die Schwelle, stolperte hastig an den düsteren Regalreihen entlang – und dann sah ich sie. Elisa saß vornüber gebeugt an dem kleinen Tischchen. Ihr Kopf ruhte auf der Tischplatte, und das Licht der kleinen Leselampe schimmerte in ihrem offenen Haar. Vielleicht hatte sie die ganze Nacht über hier gesessen. Bevor ich jedoch auf Elisa zu laufen konnte, trat sie lautlos aus dem Schatten. Gelähmt vor Entsetzen musste ich mit ansehen, wie Frau Regina Elisa sanft den Arm um die Schultern legte und ihr etwas zuflüsterte. Es klang wie »komm«.

Dann ertrank ihre Stimme im Rascheln tausender von Buchseiten, die sich wie in einem Windstoß bewegten. Staub wirbelte auf, und Licht drang zwischen den Buchrücken aus den Regalen hervor. Einen Augenblick lang war ich wie geblendet. Die Gestalt der Bibliothekarin schien mit der Elisas zu verschmelzen. – Dann war nur noch sie da, Frau Regina, und auf dem Tischchen ein aufgeschlagenes Buch, von dessen Seiten ein schwaches Glühen ausging. Elisa war fort. Das Licht erlosch, das Rascheln der Seiten verstummte. Die Bibliothekarin hob das Buch auf, und ich sah das Lächeln auf ihren Zügen, als sie es an ihre Brust drückte und dann behutsam in eines der Regale schob, wo sich wie von selbst eine Lücke aufgetan hatte. Ich wich zurück, stieß mit dem Rücken an ein Regal, tastete mich wie blind vorwärts, bis ich endlich die rettenden Tür erreichte, und stolperte die endlos langen Treppen hinunter. Keuchend lehnte ich an der ziegelroten Außenmauer der Bibliothek. Hier draußen war heller Tag. Leute hasteten auf dem Bürgersteig an mir vorüber, ab und zu warf mir einer einen misstrauischen Blick zu. Sollte ich erzählen, was mir widerfahren war, jemanden um Hilfe bitten? Aber wer würde mir glauben, wenn ich von einem geheimnisvollen Dachboden sprach, den es eigentlich gar nicht geben durfte? Sollte ich mir eine Waffe besorgen, die Bibliothekarin bedrohen, sie zwingen, Elisa freizugeben? Die kleine alte Frau konnte schließlich nichts gegen ein Messer oder einen Baseballschläger ausrichten – oder? Beim Gedanken an Frau Reginas bodenlos schwarze Augen und ihr unheimliches, selbstzufriedenes Lächeln spürte ich, wie die Knie unter mir nachzugeben drohten. Aber ich durfte Elisa nicht im Stich lassen! Noch immer leicht zitternd kehrte ich ins Gebäude zurück und hastete die Treppen hinauf. Die Tür am Ende der schmalen Wendeltreppe schien gerade auf mich gewartet zu haben. Anscheinend hatte sie nichts dagegen, dass ich wiederkam. Vielleicht erwartete die Bibliothekarin mich sogar. Ich spürte ihre Blicke auf mir ruhen, auch wenn ich ihre Gestalt im Schatten der Bücherregale nur erahnen konnte.

Wieder glaubte ich das Rascheln von Buchseiten zu hören, leiser jetzt. Je aufmerksamer ich lauschte, desto mehr klang es jedoch wie das Flüstern vieler Stimmen. Bald konnte ich sogar einzelne unter ihnen ausmachen, begann im Dämmerlicht die vagen Umrisse von Gestalten zu erkennen, die zwischen den Bücherregalen hin und her huschten. Ich suchte nach einer vertrauten Stimme, einer vertrauten zierlichen Gestalt, doch ich fand Elisa nicht.

 

Noch nicht. Als es draußen Abend wurde, bin ich nach Hause gegangen und habe das große Märchenbuch aus unserem Wohnzimmerschrank genommen. Ich hatte beinahe vergessen, dass es da war. Irgendwann hören die meisten Leute auf, an Märchen zu glauben, und vielleicht liegt darin die Macht von Frau Regina. Ich bin auf mein Zimmer gegangen, habe mich mit meiner Taschenlampe im Bett verkrochen und  angefangen zu lesen, eine Geschichte nach der anderen. Wenn man aufmerksam liest, erkennt man, dass es Regeln gibt. Regeln, an die sich sogar die Hexe halten muss. Ob Frau Regina tatsächlich eine Hexe ist? Vielleicht ist sie eher eine Art Fee: die Herrin der Bücher. Und vielleicht ist das, was sie tut, auch nicht wirklich böse. Sie selbst glaubt sicher, dass sie den Menschen, denen sie wie Elisa Einlass in eine andere Welt gewährt, eine Gnade erweist: Sie schützt sie vor den Enttäuschungen und dem Leid der Wirklichkeit, bewahrt sie davor, zu verbrauchten, verängstigten Bleistiftskizzen-Menschen zu werden wie Elisas Mutter. Vielleicht sind sie glücklich. Dennoch ist es eine Schattenwelt, in der sie existieren. Sie leben nicht wirklich. Deshalb werde ich alles tun, um Elisa zu finden und zurückzuholen. Nicht nur, weil ich sie vermisse, sondern auch, weil ich meine, dass jeder ein Recht auf ein richtiges Leben hat – selbst wenn darin Leute wie Kevin und Elisas Stiefvater vorkommen. Aber diesen Leuten kann man die Stirn bieten. Etwas habe ich jedenfalls noch von Frau Regina gelernt: Dass manchmal schon ein fester Blick genügt, um die Welt zu verändern und der Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten. Ich werde nicht mehr den Kopf senken und schweigen, und ich werde gegen die Herrin der Bücher kämpfen, wenn nötig mit ihren eigenen Waffen. Ich schlüpfe in meine Jacke, umfasse das Märchenbuch mit der einen Hand, die Taschenlampe mit der anderen und trete hinaus in die Nacht.

Wie die Geschichte ausgehen wird, vermag ich nicht zu sagen. Alles, was ich weiß ist: Wenn es ein Ende geben muss, so endet sie jetzt. Heute Nacht.