Auch im neuen Jahr gibt es „Die andere Geschichte“

Diesmal stammt die Geschichte zum Thema Heimat von unserer Gastautorin Barbara Scheck.

Fridolins neue Entdeckung

„Großmutter, wie habe ich mich erschreckt! Das hat aber eben gerumpelt draußen!“

Aufgeregt war er ins Haus gestürmt und umarmte sie furchtsam.

„Erst hat es so komisch geknirschelt, und dann – rums – hat der Boden unter meinen Füßen gewackelt. War das etwa ein Erdbeben?“

„Ach was, so lange ich hier schon lebe, hat es noch kein wirkliches Erdbeben gegeben!“, beruhigte sie den Jungen und strich durch seinen Haarschopf.

„Aber das war wirklich echt gruselig, Oma“, beteuerte der Kleine. „Da trau ich mich gar nicht mehr hinaus.“

Die Angesprochene legte das Geschirrhandtuch zur Seite, mit dem sie gerade noch den Abwasch hatte beenden wollen, und nickte.

„Gut, dann lass uns gemeinsam schauen, ob sich um unser Haus etwas verändert hat.“

Sie band ihre Schürze ab und nahm den Buben an ihre Hand. So fühlte er sich schon viel sicherer und ging mutig mit ihr vor die Haustür.

„Nun zeige mir einmal, wo du heute schon herumgestromert bist.“ Warm hüllte sie der Sommerwind ein, als sie langsam, Schritt für Schritt, dieses Gebiet durchforschten.

Tief holte sie Luft und meinte: „Riech nur, wie frisch es duftet, nachdem gestern das Gewitter die Schwüle der vergangenen Tage abgelöst hat.“

Ganz in Gedanken an das erschreckende Geschehen versunken, nickte er nur und starrte in die Richtung, aus der das  Rumpeln gekommen war.

„Da“, flüsterte er, „sieh dir nur diesen Baum an!“

Ihr Blick wanderte weiter zum Ende der kleinen Obstbaumwiese.

„Hm, ich sehe noch gar nichts, was sich verändert haben sollte“, murmelte sie vor sich hin.

Fridolin ergriff hastig ihre Hand und zog sie weiter zum Bachlauf hin.

„Hier wollte ich mein gebasteltes Holzfloß ins Wasser setzen.“ Gemeinsam überstiegen sie umherliegenden Äste und sahen gar nicht, dass diese wie zu einer kleinen Höhle zusammengeschoben waren.

Am Gewässerrand aber fiel ihr sofort etwas auf, das wirklich anders war. Sie lächelte in sich hinein und sprach leise, als wolle sie niemanden stören: „Ja, mein Junge, du hast ganz Recht. Hier ist etwas geschehen.“

Fragend schauten sie zwei große Augen an. ‚„Nun sieh einmal ganz genau hin: Dieser Baum stand gestern noch. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du hättest einen Weg gefunden, dieses kleine Gewässer zu überbrücken.“

„Ich?“ Kopfschüttelnd wies er den Gedanken von sich. „Nein, ich doch nicht, das musst du mir glauben!“

„Und ob ich dir glaube“, sprach die Großmutter, „denn das kannst du wahrlich nicht gewesen sein!“ Dabei wies sie auf das Ende des Stammes. „Schau nur, wie der aussieht. Eigentlich müsste hier doch…“

Aufgeregt unterbrach der Kleine seine Großmutter und rief: „…eine Wurzel dran sein, nicht wahr?!“

Langsam traten die beiden noch näher heran, und der Junge bestaunte das Ende des Baumes, um sogleich überrascht auf ein weiteres Wunder zu zeigen. „Guck mal, Oma, das sieht ja aus wie ein großer Buntstift, der in den Boden gesteckt wurde!“ – und zurückschauend auf den umgefallenen Baum: „Und der da auch, als hättest du einen Riesenanspitzer genommen, um einem Riesen einen Stift anzuspitzen!“

„Weißt du, dass du den Nagel auf den Kopf getroffen hast‚ wie man so schön sagt?“

„Wieso?“

„Es gibt hier wirklich ein Wesen, das so etwas vermag: Bäume anzuspitzen.“

„Sind wir jetzt gar in dem Märchenwald, von dem du mir immer aus deinen uralten Büchern vorliest?“

„Nun, es ist wirklich fast märchenhaft, was ich dir dazu erzählen kann“, stimmte sie zu, „aber dazu muss ich mich erst einmal setzen, denn das ist eine längere Geschichte.“

Gespannt suchte sich auch Fridolin einen bequemen Sitzplatz und lauschte ihren Worten.

 

Es ist schon eine Weile her, da meinten die Bewohner dieser Gegend, dass alles ihnen gehöre und sie es bis ins Kleinste auch ausnutzen, das Letzte aus dem Grund und Boden herausholen müssten … Doch dann kam die große Flut, die alles überschwemmte und mit sich riss, Bäume, Sträucher, Tiere und sogar Häuser … Manch ein Mensch wurde von den Wassermassen gepackt und ist darin ertrunken … Viele verloren all ihr Hab und Gut!

 

„Aber dir ist doch nichts zugestoßen, oder ? Auch das Haus steht noch und der alte Schuppen, die Heustadel haben auch nichts abbekommen?“

„Nein, denn dein Großvater war ein kluger Bauersmann. Er hatte von seinen Ahnen gelernt, mit der Natur im Einklang zu leben.“

„Was heißt das eigentlich: ,im Einklang zu leben‘?“

„Dann höre nur weiter gut zu.“

 

Während mancher nach der großen Flut aufgab, weil der Schlamm, den das Wasser mitbrachte, alles bedeckte und verschmutzte – Felder, Wiesen, Wälder und das Innere der Höfe – setzten sich Großvater und andere Interessierte zusammen, um einen Ausweg zu finden. Ihnen war nämlich aufgefallen, dass einige Gebiete kaum etwas abbekommen hatten, obgleich sie ähnlich hoch lagen. Und so brüteten und beratschlagten sie über den Fotos, die vor ihnen lagen. Nur der Alte, wie sie ihn liebevoll nannten, schwieg und lächelte in sich hinein.

 

„Warum hat er denn geschwiegen?“

Daraufhin stellte ihm die Großmutter eine Frage: „Erinnerst du dich noch daran, wie dein Vater dir verboten hat, die Ofentür anzufassen, wenn im Winter geheizt wurde?“

„Ja doch“, murmelte er verdrossen, „immer musste er nur meckern, alles war verboten und …“

„Genau“, erwiderte sie, „da hast du einfach mal nicht gehört …“

„Und da habe ich dann doch angepackt und mich arg verbrannt!“, kam es flüsternd aus seinem Mund. „Aber was hat denn das mit deiner Erzählung zu tun?“

So wie du erst einmal deine eigenen Erfahrungen sammeln musstest – du hast der Mutter später sogar gern beim Heizen geholfen, aber dich fortan geschützt – sollten die anderen eben selbst herausfinden, was sie falsch gemacht hatten!“

Sie schwiegen eine Weile vor sich hin, und jeder hing seinen Erinnerungen nach.

„Pst, da war doch was!“ Beide lauschten aufmerksam und sahen eine Bewegung in der Nähe des Wassers. Die Großmutter legte den Finger auf ihre Lippen und deutete auf ein paar schwankende Sträucher. Hinter einem Ast, über dem Wasser hängend, war ein Tier zu sehen mit einem pelzigen Köpfchen und einer glänzend schwarzen Nase. Es klammerte sich mit zierlichen kleinen Pfötchen fest, um an der Rinde zu nagen – in der Sonne sah man sogar die Nagezähnchen blitzen. Schwarze Knopfäuglein huschten geschwind hin und her, um die Umgebung im Blick zu behalten.

„Ohhhh, wie niedlich“, hauchte der Junge und wagte sich nicht zu bewegen. Auf einer gelben Schwertlilie, die ganz in seiner Nähe wuchs, ließ sich ein Trauermantel nieder und fand Gefallen an deren leicht schaukelnder Bewegung. Oma Fridas Augen hingen an diesem wunderschönen Schmetterling und glänzten vor Freude. In weiter Ferne war ein Specht zu hören; in diese Stille hinein aber platschte etwas ganz in der Nähe ins Wasser. Mit einem „Quaaaaack“ verscheuchte der kleine grüne Kerl alle Lebewesen in der Nähe.

Die beiden Bewunderer der Natur brachen in ein befreiendes Lachen aus.

„Wie schön ist es doch bei dir!“

„Das kannst du wohl zweimal sagen.“

„Ich will gar nicht mehr fort von hier.“

„Wer sich gut umschaut, entdeckt überall schöne Ecken“, mahnt sie leise, „Ecken, die man gut schützen muss, damit sich die Natur nicht eines Tages auf ihre Weise zu rächen beginnt …“

„Und wie ging es nun weiter mit der Geschichte?“

 

Alle, die bereit waren, ehrlich und offen aufzudecken, was in der Vergangenheit für Fehler gemacht wurden, erkannten die Gunst der Stunde. Jetzt war es endlich an der Zeit, etwas wieder gut zu machen. Längst hatte der eine oder andere festgestellt, dass es eine Vielzahl von Schmetterlingen, Käfern, Vögeln – eben Groß- und Kleingetier aus ihrer Kindheit – kaum oder nicht mehr gab. Gedanken darüber machte sich selten jemand. Wichtig waren zum Beispiel große Weide- und Ackerflächen, die bis an die von Menschen begradigten Flüsse reichten.

 

„Aber das braucht man doch für die Schafe und Kühe! Und dann die Felder für Getreide und so!“, warf Fridolin ein.

„Ja, genau das haben auch viele Menschen bekräftigt, und die Natur- und Umweltschützer hätten sie lieber vor die Tür gesetzt!“

„Warum konnten die sich denn nicht einigen?“

„Das ist eine gute Frage …“

„Immerhin fanden sie endlich zueinander, nachdem die Natur aufbegehrte.“

„Ach ja, erzähl weiter!“

 

Ein Umdenken hatte begonnen. Man sprach über Nachhaltigkeit und wieviel Geld ein Wiederaufbau von Biotopen kosten würde – und da kam dein Großvater ins Spiel. Er schlug vor, die Natur für sich arbeiten zu lassen. Alle blickten ihn verwundert, bestürzt oder auch nur mitleidig an. Als er aber davon berichtete, was er auf  seinem Land angesiedelt hatte, schwiegen sie ehrfurchtsvoll, denn sie kannten die wunderbaren Ländereien unserer Familie, die immer schöner wurden und inzwischen manchen Wanderer hier einkehren ließen.

 

„Lass mich raten!“

Zappelnd vor Aufregung erhob er den Finger, wie im Kindergarten, um etwas zu sagen: „Es ist das Tier, das wir gerade beobachtet haben?“

„Um genau zu sein: die vielen Tiere, die wieder zu uns zurück gefunden haben!“

Über das Gesicht Fridas zog ein helles Leuchten. „Du glaubst gar nicht, was du noch so alles hier bei uns entdecken kannst!“

„Aber wie heißt denn nun das Tier?“

„Es ist der Biber, der sich wieder hier heimisch fühlen kann. Er fällt Bäume, wie du gesehen hast, baut Burgen, gräbt Gänge …“

„Aber ist das nicht gefährlich für uns? Vielleicht gräbt er Tunnel unterm Haus, und dann stürzt es ein?!“

„Keine Angst, er hat genügend Platz. – Er braucht in Ufernähe nur zehn bis zwanzig Meter Raum, dann kommt er uns ‚nicht ins Gehege‘!“

„Aber was hat das mit Hochwasser zu tun?“

„Ach ja, richtig – dazu zeige ich die daheim einige Bilder. Da siehst du, wie der Biber in der Lage ist, Wasser zu stauen mit natürlichen Dämmen. Wie er verhindert, dass sich das Wasser wie ein Sturzbach viel zu schnell in das Tal ergießt. Seine Wasserwege sind verschlungen und zwingen das Wasser zu langsamer Gangart.“

„Und wenn doch mal wieder viel Wasser von den Bergen kommt?“

„Dann sind die Wiesen- und Sumpflandschaften rundherum gut geeignet, all dieses Wasser aufzunehmen.“

Auf Fridolins Stirn bilden sich Grübelfalten, doch dann lacht er auf. „Wenn wir also ihm sein Zuhause lassen und ihn schützen, macht er das auch für uns Menschen, richtig?!“

„Ganz richtig, mein Kleiner, wie klug du bist! Und wenn es genügend kluge Menschen gibt, dann leben wir alle wieder im Einklang mit der Natur!“

 

Über die Autorin:

…und nun zu mir:
Geboren und aufgewachsen 1950 in Cottbus.
Bücher sind, seit ich denken kann, mein ständiger Begleiter – wen wundert es, dass ich schon vor der Schule versuchte, die deutsche Schrift zu „lesen“, denn diese Art Literatur gab es am meisten zu Haus. So wurde „Deutsch“ mein Lieblingsfach und ich hatte Freude am „Schönschreiben“ und später an der Dichterei. Damit jedoch nicht genug, denn das Wort musste vorgetragen werden; so liebte ich die Rezitation und das Vorlesen und hatte großen Erfolg damit, setzte dieses Können später vielerorts auf der Bühne ein (Leitung der Studentenbühne in Halle/Saale; Mitglied bei den „schreibenden Studenten“; Mitarbeit im Theater der KSG ebendort). Nach Abschluss des Pädagogikstudiums war es für mich von besonderer Wichtigkeit, den Schülern (auch im Fachunterricht) ihre Muttersprache besonders nahe zu bringen und arbeitete später mit allen Altersgruppen ( ab zwei Jahre), um so zeitig wie möglich die Freude an der Literatur zu wecken.
Nach den vielen Wirrnissen des Lebens fand ich auf wundersame Weise den Weg zu einem Schriftsteller und dessen Verlag. Hier kann ich mich nun endlich entfalten (inbesondere als Lektorin), viel lesen und all die verschütteten Gedanken, Textfragmente und Erinnerungsfetzen sammeln, nach und nach zusammensetzen und  das beenden, was damals begann…an einem Ort, der kraftvoller nicht sein kann : Greith im Allgäu – und einem wunderbaren Partner an meiner Seite!
Barbara Scheck
Greith 8
87642 Halblech
017638841463

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